Sendungen des russischen Militärs

Sender Burg; v.l.n.r. Masten 139 kHz, J2 (Abbruch 2006), J1; unten Steilstrahler (Abbruch 2012), Flächenantenne (Foto: Kai Ludwig; 2005)

Im Raum St. Petersburg wurde vor kurzem eine Sendeanlage aufgefunden, über die das russische Militär sein Alarmierungssignal auf 4625 kHz abstrahlt. Sie steht unmittelbar an der von St. Petersburg nach Norden führenden Autobahn. Die Umzäunung beschränkt sich auf das tatsächliche Betriebsgelände; die Sendeantennen sind von öffentlichem Grund aus einsehbar.

Dieses Signal des Generalstabs der russischen Streitkräfte, das bei Dunkelheit auch in Mitteleuropa zu hören ist, tauchte in den frühen 70er Jahren auf. Es überträgt fast ausschließlich einen unterbrochenen Schnarrton als Bereitschaftszeichen; die gelegentlich vorgenommenen Probedurchsagen blieben über lange Zeit unbemerkt. Damit regte das Sendesignal auf 4625 kHz in hohem Maße die Phantasie europäischer Kurzwellenhörer an, die dessen Funktion sogleich richtig vermuteten und ein Verschwinden des Schnarrtons regelrecht fürchteten.

Ein früherer bekannter Senderstandort der Frequenz 4625 kHz war eine inzwischen stillgelegte militärische Sendeanlage bei Powarowo, knapp 40 km nordwestlich von Moskau. Ab den 90er Jahren wurde hier auch ein Rundfunksender auf der Mittelwelle 990 kHz betrieben, bis das von den russischen Streitkräften veranstaltete Radio Swesda („Stern“) in Moskau 2006 auf UKW wechselte.

Radio Swesda startete in den frühen 90er Jahren, zunächst als Radio Slawjanka und mit Sendeplätzen auf den leistungsstarken Rundfunksendern unter anderem im Gebiet Kaliningrad. Beim damaligen Radio Slawjanka verblieben auch Studiotechnik, Archivbestände und zahlreiche Mitarbeiter von Radio Wolga, dem Soldatensender der sowjetischen/russischen Streitkräfte in Deutschland.

Radio Wolga war seinerseits im Juli 1945 gegründet worden. Es sendete, wahrscheinlich von Anfang an, aus dem hierfür beschlagnahmten Gebäude Menzelstraße 5 in Potsdam, in unmittelbarer Nähe der Glienicker Brücke. Geradezu berüchtigt war dieses Funkhaus für die Verzerrungen, unter denen die von dort der zivilen Postverwaltung zur Ausstrahlung übergebene Modulation über Jahrzehnte litt.

Die Verbreitung von Radio Wolga auf Langwelle (ursprüngliche Frequenz war 283 kHz) übernahm zunächst die Sendestation Königs Wusterhausen. 1968 wechselte diese Aufgabe dann zur Sendestation Burg bei Magdeburg. Die dafür installierten Ausrüstungen scheinen zumindest teilweise von der sowjetischen Seite beigestellt worden zu sein.

Deutlichstes Indiz hierfür war der Steuersender sowjetischer Bauart, mit dem das Sendesignal erzeugt wurde. Die Geräte dieser Bauart leiten die Sendefrequenz aus einem präzisen Standardfrequenzsignal ab, was bei korrekter Betriebsweise eine genaue Einhaltung gewährleistet. In Burg wurde hierfür routinemäßig das bekannte Signal DCF77 (77,5 kHz) aus der BRD genutzt.

Der Steuersender war dabei außer für die Frequenz 263 kHz von Radio Wolga auch für die Frequenz 183 kHz eingerichtet, auf der zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme das Programm des Deutschlandsenders aus Zehlendorf bei Oranienburg ausgestrahlt wurde (heute 177 kHz, Deutschlandradio Kultur). Ob von dieser Möglichkeit tatsächlich einmal Gebrauch gemacht wurde, ist nicht bekannt.

Der 200 kW starke Langwellensender selbst stammte nicht aus sowjetischer Fertigung, sondern von der tschechischen Firma Tesla, die auch eine große Zahl von Mittelwellensendern der Leistungsklassen von 1 bis 40 kW in die Sowjetunion geliefert hatte. Optisch verschwand dieser Sender fast hinter den wesentlich größeren, dabei nur unwesentlich stärkeren Mittelwellenanlagen des Funkwerks Köpenick, die 15 Jahre zuvor im selben Sendersaal installiert wurden.

Die Antenne für den Langwellenbetrieb fand ihren Platz abgesetzt, in etwa zwei Kilometer Entfernung von der übrigen Sendestation. Ihre Höhe wird mit 350 Meter angegeben, was wiederum zu einem sowjetischen Typ von Langwellenantennen (AM-350) passen würde.

1976 stürzte diese Langwellenantenne ohne Fremdeinwirkung ein. Damit war eine Ausstrahlung von Radio Wolga zunächst wieder nur noch in Königs Wusterhausen möglich. Nach letztem Stand konnte die Frequenz 263/261 kHz dort mit 70 kW betrieben, jedoch offensichtlich nur mangelhaft abgestrahlt werden; schon in Südbrandenburg blieb die Signalstärke unbefriedigend. Um diesen Ersatzbetrieb wieder beenden zu können, wurde in Burg die Abstimmschaltung des Mittelwellenmastes J2 kurzfristig für den Langwellenbetrieb umgebaut.

In der für die DDR typischen Weise überdauerte dieses Provisorium dann selbst den Abzug der russischen Streitkräfte aus Deutschland. Nachdem Radioropa, das (2008 in einer spektakulären Sofortaktion endgültig abgeschaltete) Hörfunkprojekt der Technisat-Firmengruppe, ab 1992 Sendezeit bei Radio Wolga (das seinerseits nach eigenen Angaben zuletzt eine monatliche Sendermiete von 80.000 DM zahlte) gemietet hatte, übernahm es nach dem Truppenabzug die Frequenz.

Damit blieb der Tesla-Sender am Mast J2 zunächst weiter aktiv. 1996 ging schließlich eine neue Langwellenanlage in Betrieb, die sich jedoch bald als Fehlinvestition erwies: Zum Jahresende 2000 gab Radioropa die Langwelle 261 kHz auf. Im Gegensatz zu den Mittelwellen 531 und 1575 kHz, bei denen es in den 2000er Jahren nochmals zu vorübergehenden Sendebetrieben kam, fand sich für die Langwelle in Burg kein nochmaliger Nachnutzer mehr.

Inzwischen sind in Burg im wesentlichen nur noch die Anlagenteile intakt, die für die Ausstrahlung eines Fernwirksignals auf 139 kHz benötigt werden. Mindestens eine der Dreieckflächenantennen, der Mast J2 und eine spezielle, bei Dunkelheit auf 1575 kHz zum Einsatz gebrachte Steilstrahlantenne wurden mittlerweile abgerissen. Die einstigen Gebäude der Röhrensender sind bereits nach deren Stillegung, der jeweils kurz danach die Verschrottung folgte, aufgegeben worden.


(Autor: Kai Ludwig; Stand vom 10.06.2014)