USA

„World’s Last Chance“ wieder auf Sendung

Nach zwei Monaten wird das Flacherdler-Programm von „World’s Last Chance“ wieder aus dem US-Bundesstaat Maine mit 500 kW auf 9330 kHz ausgestrahlt. Für die ausgefallene Senderöhre ist, nachdem zunächst Hirngespinste kultiviert wurden, letztlich doch Ersatz in Frankreich bestellt worden.

The United States, the “beast from the earth”
Aus einem 2018 veröffentlichten Video | © World’s Last Chance

Von Foto zu Foto größer geworden war zuvor der Preis einer solchen Röhre. Bei ihrem Eintreffen war er bereits bei einer Viertelmillion Dollar angelangt.

Nach vorangegangenen Auseinandersetzungen erstaunt die freimütige Erwähnung einer Tatsache: Bei Einbau und Inbetriebnahme der neuen Röhre waren die Betreiber auf die Hilfe des Senderherstellers angewiesen.

In der Zwischenzeit war die Frequenz 9330 kHz provisorisch mit einem Kleinsender aktiv gehalten worden. Das bewirkte trotz der leistungsfähigen Antenne jedoch letztlich nichts, zumal die Modulation dieses Senders auch noch unter Verzerrungen litt.

Nichts mehr zu hören ist von Bestrebungen, die Sendeanlage auch auf anderen Frequenzen als 9330 kHz einzusetzen. Es bleibt beim Festfrequenzbetrieb, bei dem die Antenne zwischen 10.00 und 14.00 sowie 19.00 und 24.00 Uhr nach Europa gedreht und dabei von 21.00 bis 24.00 Uhr deutschsprachiges Material ausgespielt wird.

Wenn „World’s Last Chance“ doch an anderer Stelle zu hören ist, handelt es sich um Zubuchungen bei Encompass; derzeit in Bulgarien von 9.00 bis 12.00 Uhr auf 13840 kHz für Arabisch sowie in England von 19.00 bis 21.00 Uhr auf 17700 kHz für Englisch und von 20.00 bis 23.00 Uhr auf 9800 kHz wiederum für Arabisch.

Nichts mit alldem zu tun haben die eigenen Sendungen von Allan Weiner, der für „World’s Last Chance“ den Betrieb der auf 9330 kHz arbeitenden Anlage abwickelt. Weiners Teil der Kurzwellenstation der Sendestation WBCQ besteht, wie hier sowie hier gezeigt, aus einem Schuppen mit uralten Gerätschaften.

Da für private Kurzwellenstationen in den USA eine Mindestleistung von 50 kW vorgeschrieben ist, nennt WBCQ auch für sich diese Zahl. Gesendet wird zu unterschiedlichen Zeiten zwischen etwa 18.00 und 6.00 Uhr auf 7490 kHz (hier noch mit der höchsten Leistung) sowie auf 6160 kHz, zeitweise auch noch auf einer dritten Frequenz wie 3265 oder 4790 kHz.

Einen erheblichen Teil der Sendezeit belegt dort ein Programmveranstalter aus dem auch von „World’s Last Chance“ bedienten Genre: Die Sekte des im April 2021 verstorbenen, von Allan Weiner als Freund bezeichneten Ralph Gordon Stair.

Stand vom 18.09.2021



Die Fertigstellung der 500 kW starken Sendeanlage hatte sich verzögert, nachdem der Lieferant von den Finanzinvestoren, die das Unternehmen ab 2012 besaßen, verkauft und dabei in seine einzelnen Geschäftsbereiche zerlegt wurde.

Unter der Firmierung Ampegon läuft damit nur noch das Stammhaus in der Schweiz, das im Bereich der Rundfunktechnik vor allem noch Kurzwellensender liefert. Die Antennentechnik in Deutschland sowie die AM-Transistorsender der früheren Telefunken Sendertechnik gingen in die Firmen Cestron bzw. Elsyscom über.

Mit der Einleitung des Verkaufsprozesses hatten die Finanzinvestoren jede Unterstützung des Geschäftsbetriebs eingestellt. Das traf unter anderem die Kurzwellenstation WMLK in Pennsylvania, die einen neuen Kurzwellensender bestellt hatte. Sie wurde Anfang 2019 mit dem Verweis auf „ein Projekt der US-Regierung, das Vorrang hat“ hingehalten.

WBCQ traf der Zusammenbruch „nur“ im Bereich der Antennentechnik. Der Sender stammt von einem Hersteller aus den USA, mit dem Allan Weiner wiederum Auseinandersetzungen führt.

Zum Ausfall des ursprünglichen Lieferanten der Antenne äußerte sich Weiner mehrfach in seinen Sendungen. Nicht einmal Unterlagen seien vor der Zerschlagung des Unternehmens noch übergeben worden. Aus diesem Grund scheitere man dabei, die Antenne selbst für andere Frequenzen als 9330 kHz einzurichten.

Die neue Hochleistungsanlage bestellte und betreibt Weiner für „World’s Last Chance“. Dieser Programmveranstalter beschreibt sich als „bibelbasierte Gemeinschaft“, die vor einem kurz bevorstehenden Weltuntergang „warnt“.

Allan Weiner seinerseits steht politisch weit rechts. Interessant fanden Beobachter deshalb ein Video von „World’s Last Chance“, laut dem die USA „das Biest von der Erde“ sind (Abbildung).

Gründer von „World’s Last Chance“ ist Galal Doss, ein vermögender, von den USA mit Aufenthaltsrechten ausgestatteter Unternehmer aus Ägypten. Weiner erzählte Fernsehreportern, was Doss zu einer Aufzählung der Investitionen in siebenstelliger Höhe sagte, die für einen Sender mit 500 kW erforderlich wären (bis hin zu einer neuen Stromleitung vom nächsten Umspannwerk): „Ok, let’s do it!“

Galal Doss war bis 1999 Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Nach seinem Austritt gründete er „World’s Last Chance“ und erhielt dafür von der Finanzverwaltung die Anerkennung als steuerbefreite Religionsgemeinschaft. Zu den Standardthemen von Doss gehören Angriffe auf die katholische Kirche.

So wird Papst Franziskus in Videos als „Antichrist“ bezeichnet. 2005 hieß es, Benedikt werde nur kurze Zeit amtieren und dann „vom Teufel in der Gestalt des wiederauferstandenen Johannes Paul II.“ abgelöst.

Doss und seine Anhänger fanden auch Gefallen an dem auf Youtube grassierenden Sujet einer flachen Erde. Entgegen einer selbst von aktuellen Schulbüchern vertretenen Auffassung handelt es sich dabei nicht um ein mittelalterliches Weltbild, siehe unten.

Einer genaueren Betrachtung vorbehalten bliebe es, eine Antwort auf die sich beim ersten Blick ebenfalls stellende Frage zu geben, ob „World’s Last Chance“ auch einen ausgeprägten Antisemitismus pflegt.

In der westlichen Welt bleiben die Aktivitäten von Doss unterhalb aller Wahrnehmungsschwellen. In Ägypten gab es allerdings 2003 eine kritische Diskussion und 2013 eine nochmalige Erwähnung.

Die Hörfunksendungen von „World’s Last Chance“ wurden zumindest zum Teil schon vor längerer Zeit produziert und online veröffentlicht. Die deutschsprachigen Fassungen stammen offenbar von Muttersprachlern im jungen Lebensalter.

Stolz zeigte zu dieser Zeit auch noch der Hersteller der Antenne. Es handelte sich um die erste Lieferung in die USA, nachdem dieses Modell zuvor in Nauen und an einer Reihe weiterer Standorte in Europa, Asien und Afrika aufgebaut wurde.

Bis zum Beginn der Rolle als Handlanger von Galal Doss war WBCQ durchweg eine bescheidene Unternehmung. An dem hier gezeigten Zustand von 2003 hat sich bis heute nicht viel geändert.

L’atmosphère. Météorologie populaire
© Camille Flammarion

Eine zentrale Rolle bei der irrigen Vorstellung vom mittelalterlichen Weltbild der „Käseglocke“ spielt dieser Holzschnitt. Er ist eine von mehr als dreihundert Abbildungen aus dem 1888 erschienenen Buch L’atmosphère. Météorologie populaire von Camille Flammarion.

Das Auftragswerk eines ungenannt gebliebenen Künstlers wurde über Jahrzehnte immer wieder, oft in nachträglichen Colorierungen, mit der vermeintlichen Datierung „um 1530“ veröffentlicht. Über diese Verwendung räsonierte 2002 der Kunstprofessor Georg Peez:
Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt

Ein Original aus dem 16. Jahrhundert repräsentiert die Abbildung mit Sicherheit nicht. Warum das so ist, wies der Kunsthistoriker Bruno Weber bereits 1973 nach (im Gutenberg-Jahrbuch 48: „Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes von Camille Flammarion“).

Doch die Anmerkungen verhallten ungehört. Im Gegenteil begann erst nach ihrer Veröffentlichung die Karriere des Bildes in Schulbüchern. Diese Feststellung macht der Theologe Prof. Dr. Hansjörg Biener selbst für das erst 2005 erschienene Werk

„ [...] ‚Mosaik B7‘, einem von aktuell fünf in Bayern für die siebte Jahrgangsstufe zugelassenen Gymnasialgeschichtsbüchern. [Der Holzschnitt] findet sich unter den drei Motiven auf der Eingangsdoppelseite zum Kapitel ‚Neues Denken – neue Zeit‘, die wie bei allen Eingangsseiten erst einmal interpretationsoffen unkommentiert geboten werden.
Tatsächlich wird die Abbildung nicht weiter eingeordnet, wohl aber dann auf der Schlussdoppelseite für die projektartige Verarbeitung zum Thema ‚Neues Denken‘ mit den Stichworten ‚Der Mensch als Individuum‘, ‚Humanismus‘ und ‚Renaissance‘ verbunden.
Diese Auswertung als Bild einer neuen Zeit wird vorgegeben, obwohl man sich laut Lehrerband der Problematik bewusst ist.“

Weiter konstatiert der Artikel:

„Vier der aktuell fünf für die siebte Jahrgangsstufe des Gymnasiums in Bayern konfektionierten und zugelassenen Geschichtsschulbücher waren schon erschienen, als Peter Aufgebauer 2006 in der Zeitschrift ‚Geschichte in Wissenschaft und Unterricht‘ Einspruch gegen die Tradierung der angeblich mittelalterlichen Vorstellung von der Erde als Scheibe erhob.
Zwar lege die Bibel eine Scheibenvorstellung nahe, aber trotzdem ‚dominierte im lateinischen Westen des Mittelalters im Bereich der Theologie, der Philosophie, bei den Enzyklopädisten, in der Kartographie, in der Literatur, in der Ikonographie das Bild von der Kugelgestalt der Erde, das mitunter höchstens zum Bild vom Apfel oder vom Ei variiert wurde.‘ [...]
Trotz der Einschlägigkeit von ‚Geschichte in Wissenschaft und Unterricht‘ für die Autorenteams von Geschichtsbüchern findet sich der Mythos von der ‚gerade erst‘ überwundenen Vorstellung einer flachen Erde auch im jüngsten bayerischen Gymnasialgeschichtsbuch ‚Das waren Zeiten 2‘ von 2011.
Im Abschnitt zu Kopernikus und Galilei heißt es unter anderem: ‚Die Ansicht, die Erde sei eine Scheibe, hatten die Gelehrten längst verworfen. Sie gingen nun davon aus, dass die Erde eine Kugel sei.‘
Dabei gerät die Frage nach der Kugelgestalt auch in das Kraftfeld der Kontroverse ‚Glaube vs. Wissenschaft‘, der fast die Hälfte des Autorentextes gewidmet wird, wenngleich hier die Frage des heliozentrischen Weltbildes verhandelt wird.
Das thematische Amalgam ‚Kugelgestalt / flache Erde / Gegensatz von Wissenschaft und Kirche‘ ist nicht nur in den bayerischen Geschichtsbüchern häufig zu finden, sondern nach einer jüngsten Veröffentlichung [des Geschichtsdidaktikers] Roland Bernhard speziell in deutschen Schulbüchern: Geschichtsmythen über Hispanoamerika
[...] Interessant ist nicht nur Roland Bernhards Beobachtung, dass die Lehre von der flachen Erde im internationalen Vergleich ein vergleichsweise junges und deutsches Phänomen ist, sondern auch die Interpretation des österreichischen Autors:
‚Der Mythos der flachen Erde ist insbesondere in deutschen Lehrwerken stark ausgeprägt, was sich auf die germanophile Tendenz der Behaim-Geschichte um die Erfindung des ersten Globus durch einen Deutschen im Jahr 1492 zurückführen lässt. [...] Diese germanophile Erzählung aufzugeben, würde bedeuten, ein Stück weit auch deutsche Identität aufzugeben.‘“

Diese These kommentiert Hansjörg Biener mit den Worten „kann aus den bayerischen Gymnasialgeschichtsbüchern so nicht bestätigt werden“. Sein Fazit:

„Zwar kann Geschichte nie anders als perspektivisch rekonstruiert werden, doch werden Geschichtsnarrative zu Mythen, wenn sie klare Zuweisungen von gut und böse transportieren und zu Bearbeitungen des Geschichtsstoffs anleiten, die im Vergleich mit der Fachwissenschaft und sogar nur Schulbuchnarrativen in anderen Ländern als inhaltlich problematisch bzw. geprägt erwiesen werden können.
Trotz des schulbuchtypischen Zeitrückstands gegenüber der fachwissenschaftlichen Diskussion sind nicht einfach und allein die Schulbuchteams für Fehler und fehlerhafte Vorstellungen zu kritisieren. Im Gegenteil ist die Vielzahl der zu bearbeitenden Themen eine natürliche Fehlerquelle und jedes auch in den kritisierten Schulbuchkapiteln gezeigte fachwissenschaftliche, fachdidaktische oder gesellschaftspolitische Problembewusstsein zu würdigen.
1993 forderte Karl Aschersleben für die Unterrichtsvorbereitung eine möglichst anspruchsvolle Sachanalyse [...]. Man muss fragen, ob der Bielefelder Pädagogikprofessor mit diesen Forderungen für die Sachanalyse nicht die Praktiker im Schulalltag überfordert.
Dennoch ist nicht nur ‚der lange Abschied von einem falschen Weltbild‘ in Schulbüchern, Lehrerhandbüchern und populärwissenschaftlichen Werken eine Mahnung, sich immer wieder einmal wenigstens punktuell tiefer einzuarbeiten.“


Der Artikel mit der Überschrift „Käseglocke und Erdscheibe – Der lange Abschied von einem falschen Weltbild“ erschien 2014 in „Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien“, einer Publikation der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Zur Relevanz des Themas in diesem Kontext:

„Auch aus der Geschichte können Konzepte aufgebaut/übernommen werden, die Schülern und Schülerinnen Religion und Religionsunterricht obsolet erscheinen lassen.“

 

Autor: Kai Ludwig