Nicht nur aus den USA

„World’s Last Chance“ auch aus England

Der millionenschwere Bau eines Kurzwellen-Großsenders im US-Bundesstaat Maine war den Flacherdlern um den ägyptischen Unternehmer Galal Doss noch nicht genug: Seit dem 28. März 2020 laufen deren arabische Hörfunksendungen auch über die Kurzwellenstation Woofferton im Raum Birmingham.

The United States, the “beast from the earth”
Aus einem 2018 veröffentlichten Video | © World’s Last Chance

Empfangsbeobachtungen bestätigten zunächst eine Ausstrahlung von 20.00 bis 23.00 Uhr auf 9800 kHz und daran anschließend bis 2.00 Uhr auf 6015 kHz.

Frequenzplanungsdaten sehen bereits weitere fünf Stunden Sendezeit vor, die zu einem späteren Zeitpunkt auch noch aktiviert werden könnten: Auf 6015 kHz weiter bis 3.00 Uhr, daran anschließend bis 6.00 Uhr auf 6010 kHz und von 6.00 bis 8.00 Uhr auf 7260 kHz.

Der von Doss finanzierte WBCQ-Sender in Maine scheint weiter nach dem im November 2019 eingeführten Schema auf der Festfrequenz 9330 kHz bespielt zu werden. Der Sommerzeit in Europa wird dabei nicht gefolgt, aus Sicht der MESZ ergeben sich jetzt also jeweils eine Stunde spätere Sendezeiten.

Informationen von Ivo Ivanov; Stand vom 04.04.2020



Aus Sicht der MEZ sah das Schema für die Ausstrahlungen auf 9330 kHz so aus:

00.00-02.00 Uhr: Portugiesisch nach Brasilien
02.00-04.00 Uhr: Englisch in den Osten der USA
04.00-07.00 Uhr: Englisch in die zentralen USA
07.00-10.00 Uhr: Englisch in den Westen der USA
10.00-11.00 Uhr: Portugiesisch nach Europa
11.00-12.00 Uhr: Spanisch nach Europa
12.00-14.00 Uhr: Spanisch nach Südamerika
14.00-15.00 Uhr: Spanisch nach Mittelamerika
15.00-17.00 Uhr: Englisch in den Westen Kanadas
17.00-19.00 Uhr: Englisch nach Großbritannien
19.00-20.00 Uhr: Deutsch nach Mitteleuropa
20.00-23.00 Uhr: Arabisch nach Nordafrika


Die Fertigstellung der Sendeanlage hatte sich verzögert, nachdem der Lieferant von den Finanzinvestoren, die das Unternehmen ab 2012 besaßen, verkauft und dabei in seine einzelnen Geschäftsbereiche zerlegt wurde.

Unter der Firmierung Ampegon läuft damit nur noch das Stammhaus in der Schweiz, das im Bereich der Rundfunktechnik vor allem noch Kurzwellensender liefert. Die Antennentechnik in Deutschland sowie die AM-Transistorsender der früheren Telefunken Sendertechnik gingen in die Firmen Cestron bzw. Elsyscom über.

Mit der Einleitung des Verkaufsprozesses hatten die Finanzinvestoren jede Unterstützung des Geschäftsbetriebs eingestellt. Das traf unter anderem die Kurzwellenstation WMLK in Pennsylvania, die einen neuen Kurzwellensender bestellt hatte. Sie wurde Anfang 2019 mit dem Verweis auf „ein Projekt der US-Regierung, das Vorrang hat“ hingehalten.

WBCQ traf der Zusammenbruch „nur“ im Bereich der Antennentechnik. Der ebenfalls neue, 500 kW starke Sender stammt von einem Lieferanten aus den USA, mit dessen Kundendienst sich WBCQ allerdings ebenfalls unzufrieden zeigt.

In seinen Sendungen äußerte sich der Betreiber mehrfach zum plötzlichen Verschwinden des Lieferanten. Nicht einmal Unterlagen seien noch übergeben worden. Deshalb scheiterte WBCQ bereits daran, die Antenne auf andere Frequenzen als die ursprünglich eingerichtete 9330 kHz einzustellen.

Die neue Hochleistungsanlage bestellte WBCQ eigens für „World’s Last Chance“, eine „bibelbasierte Gemeinschaft“, die vor einem kurz bevorstehenden Weltuntergang „warnt“ und sich den „Flacherdlern“ angeschlossen hat.

Der Betreiber von WBCQ, Allan Weiner, steht politisch weit rechts. Interessant finden Beobachter deshalb ein Video von „World’s Last Chance“, laut dem die USA „das Biest von der Erde“ sind.


Gründer von „World’s Last Chance“ wiederum ist Galal Doss, ein vermögender, von den USA mit Aufenthaltsrechten ausgestatteter Unternehmer aus Ägypten. Allan Weiner erzählte Fernsehreportern, was Doss zu einer Aufzählung der Investitionen in siebenstelliger Höhe sagte, die für einen Sender mit 500 kW erforderlich wären (bis hin zu einer neuen Stromleitung vom nächsten Umspannwerk): „Ok, let’s do it!“

Galal Doss war bis 1999 Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Nach seinem Austritt gründete er „World’s Last Chance“ und erhielt dafür von der Finanzverwaltung die Anerkennung als steuerbefreite Religionsgemeinschaft. Zu den Standardthemen von Doss gehören Angriffe auf die katholische Kirche.

So wird Papst Franziskus in aktuellen Videos als „Antichrist“ bezeichnet. 2005 hieß es, Benedikt werde nur kurze Zeit amtieren und dann „vom Teufel in der Gestalt des wiederauferstandenen Johannes Paul II.“ abgelöst.

Doss und seine Anhänger fanden auch Gefallen an dem auf Youtube grassierenden Sujet einer flachen Erde. Dabei handelt es sich, entgegen einer selbst von aktuellen Schulbüchern vertretenen Auffassung, nicht um ein mittelalterliches Weltbild, siehe unten.

Einer genaueren Betrachtung vorbehalten bliebe es, eine Antwort auf die sich beim ersten Blick ebenfalls stellende Frage zu geben, ob „World’s Last Chance“ auch einen ausgeprägten Antisemitismus pflegt.

In der westlichen Welt bleiben die Aktivitäten von Doss unterhalb aller Wahrnehmungsschwellen. In Ägypten gab es allerdings 2003 eine kritische Diskussion und 2013 eine nochmalige Erwähnung.

Die Herkunft von Doss zeigte sich auch in seinen zeitweisen Vorstellungen für das Hörfunkprogramm: Es sollte jeweils zur Hälfte mit Beiträgen in englischer und arabischer Sprache gefüllt werden.

Das ursprüngliche Konzept sah Sendungen in insgesamt zehn Sprachen vor. Diese Sendungen wurden bereits vor längerer Zeit produziert und online veröffentlicht. Die deutschsprachigen Produktionen stammen offenbar von Muttersprachlern im jungen Lebensalter.

Fotos der neuen Sendeanlage zeigt Betreiber Weiner mit sichtlichem Stolz auf Twitter. Dort gibt er auch seine politischen Ansichten zu erkennen.

Stolz zeigte ebenso der Hersteller der drehbaren Antenne. Es handelt sich um die erste Lieferung in die USA, nachdem dieses Modell zuvor in Nauen und an einer Reihe weiterer Standorte in Europa, Asien und Afrika aufgebaut wurde.

Bis jetzt war Allan Weiner, dem von der Regulierungsbehörde die Kennung WBCQ zugeteilt wurde, nur mit ausgesprochen bescheidenen Anlagen aktiv. Hier zu sehen ist der Zustand von 2003. In der Zwischenzeit hat Weiner weitere alte Mittelwellensender erworben und auf den Kurzwellenbereich umgebaut.

Diese Ausrüstungen laufen nach der Abgabe der Frequenz 9330 kHz jetzt vor allem auf 5130 und 7490 kHz. Auf diesen Frequenzen verbreitet Weiner unter anderem das Programm des von ihm als Freund bezeichneten Ralph Gordon Stair, der für zehn Wochen im Frühjahr 2019 auch noch einmal aus Nauen zu hören war.

Stair ist mittlerweile 86 Jahre alt. Nicht viel anders verhält es sich bei seinem „Kollegen“ Doss: Dessen aktuelles Lebensalter wird auf 83 Jahre beziffert. [Inzwischen dürften 87 bzw. 84 Jahre anzugeben sein.]

L’atmosphère. Météorologie populaire
© Camille Flammarion

Eine zentrale Rolle bei der irrigen Vorstellung vom mittelalterlichen Weltbild der „Käseglocke“ spielt dieser Holzschnitt. Er ist eine von mehr als dreihundert Abbildungen aus dem 1888 erschienenen Buch L’atmosphère. Météorologie populaire von Camille Flammarion.

Das Auftragswerk eines ungenannt gebliebenen Künstlers wurde über Jahrzehnte immer wieder, oft in nachträglichen Colorierungen, mit der vermeintlichen Datierung „um 1530“ veröffentlicht. Über diese Verwendung räsonierte 2002 der Kunstprofessor Georg Peez:
Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt

Ein Original aus dem 16. Jahrhundert repräsentiert die Abbildung mit Sicherheit nicht. Warum das so ist, wies der Kunsthistoriker Bruno Weber bereits 1973 nach (im Gutenberg-Jahrbuch 48: „Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes von Camille Flammarion“).

Doch die Anmerkungen verhallten ungehört. Im Gegenteil begann erst nach ihrer Veröffentlichung die Karriere des Bildes in Schulbüchern. Diese Feststellung macht der Theologe Prof. Dr. Hansjörg Biener selbst für das erst 2005 erschienene Werk

„ [...] ‚Mosaik B7‘, einem von aktuell fünf in Bayern für die siebte Jahrgangsstufe zugelassenen Gymnasialgeschichtsbüchern. [Der Holzschnitt] findet sich unter den drei Motiven auf der Eingangsdoppelseite zum Kapitel ‚Neues Denken – neue Zeit‘, die wie bei allen Eingangsseiten erst einmal interpretationsoffen unkommentiert geboten werden.
Tatsächlich wird die Abbildung nicht weiter eingeordnet, wohl aber dann auf der Schlussdoppelseite für die projektartige Verarbeitung zum Thema ‚Neues Denken‘ mit den Stichworten ‚Der Mensch als Individuum‘, ‚Humanismus‘ und ‚Renaissance‘ verbunden.
Diese Auswertung als Bild einer neuen Zeit wird vorgegeben, obwohl man sich laut Lehrerband der Problematik bewusst ist.“

Weiter konstatiert der Artikel:

„Vier der aktuell fünf für die siebte Jahrgangsstufe des Gymnasiums in Bayern konfektionierten und zugelassenen Geschichtsschulbücher waren schon erschienen, als Peter Aufgebauer 2006 in der Zeitschrift ‚Geschichte in Wissenschaft und Unterricht‘ Einspruch gegen die Tradierung der angeblich mittelalterlichen Vorstellung von der Erde als Scheibe erhob.
Zwar lege die Bibel eine Scheibenvorstellung nahe, aber trotzdem ‚dominierte im lateinischen Westen des Mittelalters im Bereich der Theologie, der Philosophie, bei den Enzyklopädisten, in der Kartographie, in der Literatur, in der Ikonographie das Bild von der Kugelgestalt der Erde, das mitunter höchstens zum Bild vom Apfel oder vom Ei variiert wurde.‘ [...]
Trotz der Einschlägigkeit von ‚Geschichte in Wissenschaft und Unterricht‘ für die Autorenteams von Geschichtsbüchern findet sich der Mythos von der ‚gerade erst‘ überwundenen Vorstellung einer flachen Erde auch im jüngsten bayerischen Gymnasialgeschichtsbuch ‚Das waren Zeiten 2‘ von 2011.
Im Abschnitt zu Kopernikus und Galilei heißt es unter anderem: ‚Die Ansicht, die Erde sei eine Scheibe, hatten die Gelehrten längst verworfen. Sie gingen nun davon aus, dass die Erde eine Kugel sei.‘
Dabei gerät die Frage nach der Kugelgestalt auch in das Kraftfeld der Kontroverse ‚Glaube vs. Wissenschaft‘, der fast die Hälfte des Autorentextes gewidmet wird, wenngleich hier die Frage des heliozentrischen Weltbildes verhandelt wird.
Das thematische Amalgam ‚Kugelgestalt / flache Erde / Gegensatz von Wissenschaft und Kirche‘ ist nicht nur in den bayerischen Geschichtsbüchern häufig zu finden, sondern nach einer jüngsten Veröffentlichung [des Geschichtsdidaktikers] Roland Bernhard speziell in deutschen Schulbüchern: Geschichtsmythen über Hispanoamerika
[...] Interessant ist nicht nur Roland Bernhards Beobachtung, dass die Lehre von der flachen Erde im internationalen Vergleich ein vergleichsweise junges und deutsches Phänomen ist, sondern auch die Interpretation des österreichischen Autors:
‚Der Mythos der flachen Erde ist insbesondere in deutschen Lehrwerken stark ausgeprägt, was sich auf die germanophile Tendenz der Behaim-Geschichte um die Erfindung des ersten Globus durch einen Deutschen im Jahr 1492 zurückführen lässt. [...] Diese germanophile Erzählung aufzugeben, würde bedeuten, ein Stück weit auch deutsche Identität aufzugeben.‘“

Diese These kommentiert Hansjörg Biener mit den Worten „kann aus den bayerischen Gymnasialgeschichtsbüchern so nicht bestätigt werden“. Sein Fazit:

„Zwar kann Geschichte nie anders als perspektivisch rekonstruiert werden, doch werden Geschichtsnarrative zu Mythen, wenn sie klare Zuweisungen von gut und böse transportieren und zu Bearbeitungen des Geschichtsstoffs anleiten, die im Vergleich mit der Fachwissenschaft und sogar nur Schulbuchnarrativen in anderen Ländern als inhaltlich problematisch bzw. geprägt erwiesen werden können.
Trotz des schulbuchtypischen Zeitrückstands gegenüber der fachwissenschaftlichen Diskussion sind nicht einfach und allein die Schulbuchteams für Fehler und fehlerhafte Vorstellungen zu kritisieren. Im Gegenteil ist die Vielzahl der zu bearbeitenden Themen eine natürliche Fehlerquelle und jedes auch in den kritisierten Schulbuchkapiteln gezeigte fachwissenschaftliche, fachdidaktische oder gesellschaftspolitische Problembewusstsein zu würdigen.
1993 forderte Karl Aschersleben für die Unterrichtsvorbereitung eine möglichst anspruchsvolle Sachanalyse [...]. Man muss fragen, ob der Bielefelder Pädagogikprofessor mit diesen Forderungen für die Sachanalyse nicht die Praktiker im Schulalltag überfordert.
Dennoch ist nicht nur ‚der lange Abschied von einem falschen Weltbild‘ in Schulbüchern, Lehrerhandbüchern und populärwissenschaftlichen Werken eine Mahnung, sich immer wieder einmal wenigstens punktuell tiefer einzuarbeiten.“


Der Artikel mit der Überschrift „Käseglocke und Erdscheibe – Der lange Abschied von einem falschen Weltbild“ erschien 2014 in „Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien“, einer Publikation der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Zur Relevanz des Themas in diesem Kontext:

„Auch aus der Geschichte können Konzepte aufgebaut/übernommen werden, die Schülern und Schülerinnen Religion und Religionsunterricht obsolet erscheinen lassen.“

 

Autor: Kai Ludwig