Pridnestrowje/Transnistru

Tiraspol auf 621 kHz

Mit dem bevorstehenden Verschwinden der Signale aus Belgien dürfte auch in Mitteleuropa wieder eine Station auf Mittelwelle hörbar werden, die in der Vergangenheit mit höheren Sendeleistungen auf anderen Frequenzen zu vernehmen war: Radio Pridnestrowja aus Tiraspol.

Sender Grigoriopol
Der auf 621 kHz eingesetzte Sender (Schtorm-S, 150 kW; in den 80er Jahren aus Chişinău umgesetzt) in Grigoriopol | © Leonid Cultuclu

Der „eingefrorene“ Konflikt in der früheren Moldauischen Sowjetrepublik spiegelte sich durch die Lage der dortigen Sendeanlagen unmittelbar im Rundfunkgeschehen.

Bis Mitte der 70er Jahre wurde das Programm des Funkhauses Chişinău von der Sendestation im Vorort Codru mit einem Sender abgestrahlt, der zuvor bis 1945 in Berlin-Tegel stand. Dann übernahm die neue Sendestation Grigoriopol diese Aufgabe.

Sie steht unmittelbar an der Grenze zur Ukraine und damit in Pridnestrowje, der in rumänischer Sprache als Transnistru bekannten, größtenteils (mit Ausnahme der Stadt Bendery) östlich des Flusses Dnestr liegenden, mehrheitlich von Russen bewohnten Region.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion mündeten die Differenzen zwischen Pridnestrowje und Chişinău in einen Bürgerkrieg. In dessen Zuge brach auch die Belegschaft der Sendestation Grigoriopol mit Chişinău und stellte sich auf die Seite der Separatisten.

Die Übertragung des Programms aus Chişinău auf 999 kHz wurde abgebrochen und durch Produktionen des Drahtfunkstudios in Tiraspol ersetzt. Zunächst geschah dies durch den Transport von Tonbändern, bis eine erste, qualitätsgeminderte Programmzuspielung eingerichtet war.

Von 1992 bis 1993/1994 wurden diese Ausstrahlungen aus Codru mit einem Sender gestört, der sonst für die Frequenz 873 kHz bestimmt war, auf die Radio Moldova somit eigens auch noch verzichtete. Das aggressive Rauschsignal erzeugte, wie bei der 1988 beendeten Störung westlicher Sendungen, ein Gerät mit der Bezeichnung „Zenit-M“.

Nach dem Ende dieses Radiokriegs wurde Sendezeit auf 999 kHz in größerem Umfang an ausländische Programmveranstalter vermietet. Darunter befand sich bis 2010 auch die Deutsche Welle.

Übrig sind davon inzwischen nur noch die Sendungen von Trans World Radio. Nach dem Ende der albanischen Mittelwelle 1395 kHz laufen sie jetzt von 20.00 bis 22.00 Uhr und enthalten außer den russischen, ukrainischen und weißrussischen Beiträgen auch das zuvor aus Albanien abgestrahlte TWR-Programm in rumänischer Sprache.

Radio Pridnestrowja seinerseits konnte ab 2012 die Sendezeit auf 999 kHz und den Kurzwellensendern der Station Grigoriopol nicht mehr bezahlen. Nach Monaten zog der russische Sendernetzbetreiber RTRS, dem die Anlagen inzwischen gehören, die Konsequenzen und brach die Ausstrahlungen ab.

Die Auslandsangebote in Fremdsprachen wurden danach noch einige Monate im Internet weitergeführt, zum Ende des Jahres 2013 aber schließlich ganz eingestellt. Verblieben ist nur noch der zu den UKW-Sendungen gehörende Internetauftritt radio.pgtrk.ru.

Bei dessen Aufruf startet automatisch der Livestream des Hauptprogramms „Radio 1“, einem Popformat. In der Kopfzeile der Seite kann auf das Zweitprogramm „Radio 1 Pljus“ umgeschaltet werden, das sich noch 2017 als ausgeprägtes Nostalgieformat mit Schlagern aus der Sowjetunion zeigte. Dieses Konzept wurde jetzt in Richtung einer moderneren Anmutung verändert.

2014 kam es schließlich zu einer Regulierung der bei RTRS aufgelaufenen Schulden, wobei einschlägige Unterstützung aus dem Kreml vermutet werden darf. Das machte zwar keine erneuten Sendungen mit hoher Leistung möglich, aber doch einen bescheideneren Mittelwellendienst.

Dieser läuft nun als morgendliche Ausstrahlung von „Radio 1 Pljus“ auf 621 kHz. Gerechnet werden kann mit der Einschaltung des 150 kW starken Senders zwischen etwa 5.00 und 9.00 Uhr Mitteleuropäischer (Sommer-)Zeit.

Stand vom 16.08.2018
 

Zu diesem Thema auch ein Bericht vom August 2017:

Radio Europa Liberă, Pridnestrowskije Dialogi
© https://www.europalibera.org/z/3022

Charakteristisch für die Situation um die Region östlich des Flusses Dnestr ist die Weise, in der Radio Free Europe / Radio Liberty damit umgeht.

Hier gibt es das Format „Pridnestrowskije Dialogi“. Zumindest bis Juli 2017 lief diese Sendung jeweils montags um 21.15 Uhr Ortszeit (20.15 Uhr ME[S]Z) in der Hörfunk-Leitwelle von Teleradio Moldova.

Präsentiert wird die Sendung unter der Marke „Radio Europa Liberă“, die eigentlich für das Angebot in rumänischer Sprache steht. Auf svoboda.org, der russischsprachigen Website von RFE/RL, wird potentielles Publikum vergeblich nach „Pridnestrowskije Dialogi“ suchen.

Das mag zunächst als klare politische Haltung erscheinen, für die man diese schlechte Auffindbarkeit in Kauf nimmt. Indes wird auch das russische „Radio Swoboda“ von RFE/RL extra für Pridnestrowje ausgestrahlt.

Dies geschieht über mindestens eine der alten UKW-Frequenzen im OIRT-Band, die Teleradio Moldova schon vor Jahren durch neue CCIR-Frequenzen ersetzt hatte. Die Schilderung einer Empfangsbeobachtung fiel ausgesprochen sarkastisch aus:

Man habe 68,48 MHz eingestellt und prompt die Stimme von Wladimir Putin gehört. Die üblichen Kommentare irgendwelcher Kremlastrologen kämen jetzt nicht mehr über Telefon, sondern über schrecklich klingende Skype-Verbindungen. Mitten in dem endlosen Geblubber sei schließlich unvermittelt um 21.30 Uhr der Sender abgeschaltet worden.



Die Station Grigoriopol ihrerseits geriet zuletzt in die Schlagzeilen, als die Zollverwaltung aufdeckte, wie sich im vergangenen Jahrzehnt eine Bande von Schiebern an der Lieferung von Senderöhren bereichert hatte:

 

Autor: Kai Ludwig; mit Informationen von Leonid Cultuclu