1994: Einstellung der Sendung „DX Aktuell“

Georg Thies (links) und Wolfram Heß (Foto: Thomas Kubaczewski †)

Eine Zäsur für die damalige Szene des Rundfunkfernempfangs (abgekürzt „DX“ für „distance“) brachte der 30. September 1994. An diesem Tag lief die letzte Ausgabe der Sendung „DX Aktuell“.

Erfinder dieser Sendung war der Kurzwellenspezialist Wolfram Heß, der zuvor eine ähnliche, naturgemäß keine anderen Rundfunkstationen erwähnende Sendung im englischen Programm von Radio Berlin International gestaltet hatte. Zur DDR-Zeit war Heß auch anderweitig als Sprecher für englischsprachige Beiträge tätig, so in Werbefilmen der Industrie, was zu dem Ausspruch „auf der Leipziger Messe hörste überall nur Hesse“ geführt haben soll.

Nach seinen eigenen Erzählungen traf Heß 1991, wenige Monate nach der Abschaltung von Radio Berlin International am 2. Oktober 1990, in einem Schnittraum Alfred Eichhorn, den Chefredakteur von Radio Aktuell (so der letzte Name des früheren Radio DDR 1). Eichhorn habe ihn beiläufig gefragt, ob er nicht auch eine Idee für Sendungen habe, worauf Heß „sein“ Thema anbrachte.

Dies führte innerhalb kurzer Zeit zur Konzipierung der Sendung „DX Aktuell“. Wegen ihres sehr speziellen Charakters wurde sie nicht in das reguläre Programm von Radio Aktuell aufgenommen, sondern auf dessen hierfür abgetrennten Mittelwellenfrequenzen ausgestrahlt.

Dort kam es jedoch nur zu wenigen Ausgaben, bevor der als Totschläger der elektronischen DDR-Medien eingesetzte „Rundfunkbeauftragte“ Rudolf Mühlfenzl die Abschaltung der von Radio Aktuell genutzten Mittelwellensender anordnete. „DX Aktuell“ überlebte dies, indem die Sendung zum Deutschlandsender Kultur überging und fortan auf dessen Langwelle 177 kHz lief; der einzigen AM-Frequenz, die noch aus dem Funkhaus Nalepastraße bespielt wurde.

Am Mikrofon präsentierte Wolfram Heß die Sendung zunächst zusammen mit Georg Thies († 2001). Später übernahm hier Erwin Schastok und damit ein Sprecher, der nicht aus dem Dunstkreis der DDR-Medien, sondern von der anderen Seite des verschwundenen Eisernen Vorhangs kam.

Später startete Wolfram Heß noch die kürzere, ansonsten sehr ähnliche Sendung „DX-Report“ bei RIAS Berlin. Hierzu kam es nach Wünschen, „DX Aktuell“ auch auf der RIAS-Kurzwelle 6005 kHz auszustrahlen, weil die Langwelle 177 kHz im Südwesten Deutschlands nur schlecht zu empfangen ist. Zu einer Übernahme von „DX Aktuell“ konnte sich RIAS Berlin wegen der Ressentiments gegen den Rundfunk in der Nalepastraße jedoch nicht entschließen. Resultat war diese Parallelsendung, bei deren Gestaltung Heß empfand, einen „Aufpasser“ zur Seite gestellt zu bekommen.

Das wesentlich ausführlichere und schon deshalb populärere „Original“ war in der Zielgruppe nicht unumstritten, wobei einige Kritiker gegenüber den Gestaltern der Sendung ihre Äußerungen dann wiederum verleugnet haben sollen. Im Zentrum stand dabei die hinzugefügte Figur der „Conni aus dem Tower“ (Schlagwort: „DX Aktuell gibt bekannt ...“), die auf Meinungen bis hin zu „ein Produkt von Sexisten und Chauvinisten“ traf.

Seinen Hintergrund hat dies darin, wie das DX-Hobby nahezu ausschließlich von männlichen Personen ausgeübt wird. Wenige Frauen, darunter im Falle von „DX Aktuell“ auch eine Hörerin in Polen, bestätigten diese Regel und berichteten, sich auf Hobbytreffen mitunter wie Außerirdische angestarrt zu fühlen.

Produziert wurde „DX Aktuell“ im Studio K1, das einst Radio Berlin International zugeordnet und bis zu dessen Einstellung noch mit Mono-Technik aus der Zeit etwa um 1960 (Insiderjargon: „200er Technik“) ausgestattet war. Erst nach dem Untergang der DDR wurde dieses Studio u.a. mit einem neuen Mischpult der Firma Eela stereofähig gemacht. Dies könnte eventuell für die Deutsche Welle geschehen sein, die für kurze Zeit (bis zur Übernahme von RIAS TV und dessen Räumen in der Voltastraße) im Funkhaus Nalepastraße einen Außenposten unterhielt.

Bei der Aufzeichnung von „DX Aktuell“, die jeweils am späten Freitagnachmittag nach einem Treff in der – auch heute noch bzw. wieder bewirtschafteten – „Milchbar“ begann, waren stets Gäste anwesend. Ein besonderes Funkhausmaskottchen, wiederum aus dem früheren Berlin (West), erschien jede Woche, konnte jedoch auch zu besonderen Gelegenheiten nie dazu bewegt werden, auch nur ein Wort in ein Mikrofon zu sprechen.

Mitunter war die Produktion noch im Gange, während im Nachbarstudio K2, das zuletzt für die Bespielung der Langwelle 177 kHz reserviert war, bereits der erste Teil der um 22.00 Uhr beginnenden Sendung abgefahren wurde. Für besondere Erheiterung sorgten dabei Fälle, in denen Schnitzer nicht mehr korrigiert werden konnten, weil es höchste Zeit war, auch das zweite Band schnell durch den Technikgang nach nebenan zu schaffen.

Noch größer war die Erheiterung einer nicht regelmäßig mitwirkenden Technikerin, als die Frage aufkam, wo der „Siph“ sei. Der was, bitte? Na, der Sonnen- und Ionosphärenwetterbericht …

Einen besonderen Service ermöglichte der vom Deutschlandsender Kultur unterhaltene Versand eines Programmheftes. Auf Wunsch war es mit einer Beilage von „DX Aktuell“ zu erhalten, die in dieser Zeit, vor der praktikablen Möglichkeit einer privaten Internetnutzung, die Sendemanuskripte und weitere schriftliche Informationen bot.

Mit der Zusammenlegung von Deutschlandsender Kultur und RIAS Berlin zum Deutschlandradio Berlin gehörte „DX Aktuell“ zu den Sendungen der Vorgängerprogramme, die vorerst unverändert weitergeführt wurden. Im Funkhaus an der Kufsteiner Straße fanden die Produktion und diesmal auch die anschließende Ausspielung im Studio K2 statt; tatsächlich bezeichneten Rundfunk der DDR und RIAS Berlin unabhängig voneinander ihre Sendekontrollräume jeweils mit laufender Nummer und dem Buchstaben „K“.

Dies machte den Besuch der Sendung für eine bestimmte Gruppe von Radiofreaks besonders interessant, handelte es sich hierbei doch um eben jenes Studio, aus dem bis zum Mai 1992 RIAS 2 gesendet wurde. Zwei Jahre später war das Studio noch unverändert vorhanden und damit auch der Selbstfahrplatz, der im größeren der beiden Sprecherräume stand.

Das Auftauchen völlig neuer Interessenten beschränkte sich allerdings nicht auf diese Besichtigung, sondern äußerte sich auch in der Sendung selbst. Kurz vor ihrer Einstellung gab es erste Andeutungen interessanter Ansätze, die wahrnehmbar über ein reines DX-Hobby hinausgingen. Den Raum dafür schuf eine Verlängerung der Sendung von 60 auf 75 Minuten, der nichts entgegenstand, war Sendezeit auf Langwelle doch schon damals nichts mehr wert.

Man wird nie erfahren, was hätte daraus werden können, denn das Deutschlandradio zeigte keinerlei Interesse an diesen völlig neuen Formen der aktiven Einbringung seines Publikums. Im Zuge der Einführung eines neuen Programmkonzepts zum 1. Oktober 1994 verschwand „DX Aktuell“ zusammen mit so gut wie allen anderen Sendungen der beiden Vorgängerprogramme. Ein verantwortlicher Mitarbeiter wurde eigens damit beauftragt, alle Kontaktaufnahmen durch Anhänger von „DX Aktuell“ abzuwehren.

Seinen Höhepunkt fand dieses Gebaren darin, zur Produktion der letzten Ausgabe vorsorglich die Polizei zu bestellen. Ein ebenfalls erschienener Vertreter der Hausleitung konnte sich dann davon überzeugen, es bei den zahlreich erschienenen Gästen mit vernünftigen Personen zu tun zu haben, die diese Anwesenheit der Polizei zwangsläufig als Zumutung empfanden. Er stellte sich schließlich einer Diskussion, deren Inhalte heute noch wesentlich aktueller sind als damals.

Nach Fertigstellung der Aufzeichnung verließ die Meute mit der als „erhobenen Hauptes“ bezeichneten Haltung das Funkhaus, wobei den reichlich verdutzten Pförtnern von Wolfram Heß noch eine Flasche Sekt überreicht wurde. Man zog teils noch in eine Gaststätte und ging ansonsten seiner Wege, darin übereinstimmend, sich das Abhören der Sendung zu ersparen, falls einem das Autoradio nicht ohnehin schon die Entscheidung abnahm, indem es nicht für die Langwelle eingerichtet war.

Zu den bei jener Produktion am 30. September 1994 anwesenden Personen, die inzwischen nicht mehr am Leben sind (der Autor kennt allein insgesamt vier Fälle), gehört auch Wolfram Heß. Er verstarb 2007 im Alter von 67 Jahren an einem Schlaganfall.

Kurz zuvor war Wolfram Heß von der Deutschen Welle die Absetzung seiner monatlichen, im englischen Programm ausgestrahlten Rubrik „World DX Meeting“ eröffnet worden. Mancher hält hier einen Zusammenhang für erwiesen. Zu der nicht mehr stattgefundenen letzten Ausgabe dieser Sendung hatte Wolfram Heß gegenüber dem Autor jedenfalls noch bemerkt: „Das ist das letzte DX, das ich in meinem Leben machen werde.“

Von „DX Aktuell“ bis heute geblieben ist die Satellitenrubrik von Norbert Schlammer. Sie erscheint jetzt in einem eigenen Internetauftritt (siehe den Link).

Kai Ludwig

Erwin Schastok, Norbert Schlammer, Reinhard Walter, Conni Seliger, Ralf Grahlmann, Wolfram Heß (v.l.n.r.) im Studio K1
Studio K1, Zustand 1990 (unbekannter Bildautor)
Regieraum des Studios K1, Zustand 2007 (Foto: Kai Ludwig)
Sprecherraum des Studios K1, Zustand 2007 (Foto: Kai Ludwig)
Tür des Studios K1, 2007 noch in unverändertem Zustand (Foto: Kai Ludwig)