Türkei

Dengê Welat wird weiterhin gestört

Die erstmals am 19. Oktober 2019 beobachtete Störung des kurdischen Hörfunkprogramms Dengê Welat durch die Türkei dauert auch nach zwei Monaten weiter an. Gelegentlich kommt es zu Frequenzänderungen, denen die Störsendung jeweils nach kurzer Zeit folgt.

Dengê Welat – 9525, 11530 kHz
Infographik aus der Internetpräsenz | © denge-welat.org

Die neueste Variante des Sendeschemas sieht für eine Stunde am Tag (ab 17.00 Uhr) jetzt auch den parallelen Einsatz zweier Frequenzen vor:

04.30-07.00 Uhr: 7360 kHz; Issoudun
07.00-09.00 Uhr: 11530 kHz; Grigoriopol
09.00-13.00 Uhr: 13730 kHz; Grigoriopol
13.00-16.00 Uhr: 11530 kHz; Grigoriopol
16.00-18.00 Uhr: 11530 kHz; Issoudun
17.00-21.00 Uhr: 9525 kHz; Issoudun
21.00-23.00 Uhr: 9525 kHz; Grigoriopol

Stand vom 27.12.2019


 

25. Oktober 2019:

Inzwischen zeigt der türkische Rundfunk TRT eine sehr bemerkenswerte Agilität dabei, den Ausweichmanövern der Sendedienstleister von Dengê Welat zu folgen.

Das betrifft die Ausstrahlung im 25-Meterband, die seit Mittwoch (23. Oktober) auf wechselnden Frequenzen zwischen 11510 und 11550 kHz läuft. Diesen Frequenzwechseln folgt TRT ebenfalls seit Mittwoch teils innerhalb von einer Minute, was die Frage aufwirft, ob der jeweils nächste Schachzug in Ankara bereits bekannt ist.

Weiter genährt wird dieser Verdacht durch eine gleichzeitige Entwicklung auf der Sendestation Grigoriopol: Den dortigen Technikern ist aus Moskau untersagt worden, weiter mit Außenstehenden zu kommunizieren.

Ab Sonntag (27. Oktober) soll die Ausstrahlung der Dengê Welat, bezogen auf MEZ, 7.00-16.00 und 21.00-23.00 Uhr aus Grigoriopol, 4.30-7.00 und 16.00-21.00 Uhr aus Frankreich laufen; dies von 7.00 bis 17.00 Uhr auf 11530 kHz, davor und danach auf 9525 kHz. Die jetzige Störung der Sendungen dürfte bei diesen Planungen noch niemand geahnt haben.

Am 19. Oktober erschien die Störsendung zu den bekannten Sendezeiten (siehe unten) auf 9525 bzw. 11530 kHz. Am 20. Oktober wechselte die Übertragung der Dengê Welat im 25-Meterband deshalb auf 11540 kHz.

Die Störsendung verblieb zunächst auf 11530 kHz. Während das Signal allein stand, waren gewisse Merkmale erkennbar, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Kurzwellenstation von TRT in Emirler als Herkunft schließen lassen.

Auch die Heranführung des „Programms“ aus Ankara konnte aufgefunden werden. Sie läuft über den Satellitenkanal, der zuvor als Zuspielung für die – inzwischen wohl eingestellten – arabischen Sendungen auf Mittelwelle genutzt wurde.

Am Nachmittag des 21. Oktober zog TRT auf 11540 kHz nach. Somit ging es hier nicht darum, sich die bekannte Frequenz zur eigenen Nutzung anzueignen, sondern tatsächlich um eine gezielte Sabotierung des Empfangs der Dengê Welat.

Die Störsendung enthält eine maximal eine Stunde lange Schleife mit Musik und einzelnen propagandistischen Einspielern. Markant ist eine etwa aller halben Stunde erscheinende Stelle, in der unmittelbar nach Nennung der YPG das Geräusch eines Maschinengewehrs eingefügt ist.

Von den Musiktiteln scheint eine größere Zahl militärischen Charakters zu sein, auch wenn sie nicht dem Stil deutscher Marschmusik im engeren Sinne entsprechen, sondern eher Erinnerungen an den 6. Oktober 1989 wecken.

Die Störaktionen beschränken sich möglicherweise auch nicht auf die Kurzwellensendungen der Dengê Welat. Bereits am 17. Oktober beklagte das syrische Fernsehen ORTAS eine von der Türkei ausgehende, den Nordosten des Landes betreffende Störung seiner Sendungen.

Unterdessen warnen BBC-Experten vor einem Phänomen, das bereits in Bezug auf den Iran bekannt ist: In arabischsprachigen sozialen Medien kursieren zahlreiche Falschmeldungen mit Bildmaterial, das ganz andere, bis zu dreißig Jahre zurückliegende Vorgänge zeigt.

Mit Informationen von Thomas Rudolph und Ivo Ivanov


 

12. Oktober 2019:

Neben verschiedenen Fernsehkanälen gehört seit langer Zeit auch ein Hörfunkprogramm zur Landschaft der aus Europa betriebenen kurdischen Medien. Seit 2017 präsentiert sich dieses großflächig auf Kurzwelle ausgestrahlte Programm als „Dengê Welat“.

Abgesehen von einer Episode um den Jahreswechsel 2017/2018, in der man es mit einem Angebot aus Armenien versuchte, nutzt dieses Hörfunkprogramm seit mittlerweile einem Jahrzehnt ein Arrangement auf Sendeanlagen der russischen und französischen Betreiber RTRS und TDF.

TDF betreibt bei Issoudun im zentralen Frankreich umfangreiche, ursprünglich für Radio France Internationale errichtete Kurzwellenanlagen. Bei RTRS geht es um die Sendestation Grigoriopol in Pridnestrowje/Transnistrien. Sie ist der einzige Standort, an dem das staatliche russische Unternehmen noch internationale Sendungen auf Kurzwelle abstrahlt.

Noch bis zum 26. Oktober läuft die Ausstrahlung aus Frankreich von 4.30 bis 7.00 Uhr auf 9525 kHz sowie von 7.00 bis 8.00 und von 18.00 bis 23.00 Uhr MEZ auf 11530 kHz. Dazwischen, also von 8.00 bis 18.00 Uhr, ist auf 11530 kHz ein Sender in Pridnestrowje eingeschaltet und auch in Mitteleuropa mit starkem Signal zu empfangen.


Der vorübergehende Wechsel des technischen Dienstleisters war eingebettet in umfangreichere Änderungen. Nach außen waren sie unmittelbar an einer Änderung des Namens zu erkennen: Bis Oktober 2017 lief das Programm als „Dengê Kurdistanê“.

Dieser Name wiederum entstand 2012, als Roj TV durch den Satellitenbetreiber Eutelsat abgeschaltet wurde. Nach diesem – von „Reporter ohne Grenzen“ mit starken Worten angeprangerten – Schritt führten die Betreiber das Hörfunkprogramm als Annex des von Schweden lizenzierten Newroz TV weiter:

Radyoya Dengê Kurdistanê
Bildschirmfoto vom September 2017 | © http://www.denge-kurdistane.com/index.php?sys=tekili

Bis 2012 firmierte der Hörfunkkanal als „Dengê Mezopotamya“. Für sich sprach dabei bereits der gemeinsame Standort mit Roj TV: Die Zentrale einer Produktionsfirma in Denderleeuw bei Brüssel.

Einen wirklichen Umzug an einen anderen Standort gab es wohl zu keinem Zeitpunkt. Ein besonders deutliches Indiz dafür war die völlig unberührt gebliebene Satellitenübertragung durch den langjährigen Partner, Belgium Satellite Services.

Zu einer Änderung führte erst die Liquidierung dieser Firma im Jahre 2016. Seitdem wird das Programm von einem italienischen Dienstleister auf der Hotbird-Plattform gesendet (auf 11,296 GHz h).

Die Anbindung an Newroz TV erübrigte sich, als Eutelsat im Oktober 2016 auch dieses Programm abschalten ließ. Begründet wurde das mit einem „Hinweis“ des türkischen Rundfunkregulierers RTÜK und dessen Status als, so angegeben von Eutelsat-Geschäftsführer Rodolphe Belmer, „assoziiertem Mitglied der europäischen audiovisuellen Aufsichtsbehörden“.

Danach sendete Newroz TV über exotische, weißrussische und turkmenische Satelliten (51,5/52° Ost). Zugleich verklagte der Veranstalter Eutelsat und konnte sich vor dem Pariser Handelsgericht durchsetzen.

Die somit Ende Januar 2017 wieder aufgenommene Verbreitung von Newroz TV über Eutelsat-Kapazitäten endete indes nach kurzer Zeit schon wieder. Diesmal wurde das Programm offenbar ganz aufgegeben.

Beim Hörfunkprogramm mündete das in eine erneute Umbenennung. In dessen heutiger Internetpräsenz finden sich nun auch wieder ganz offen Telefonnummern mit der Vorwahl von Denderleeuw.

 

Autor: Kai Ludwig