Letzte Berliner Mittelwelle abgeschaltet (3)

Sender 693 kHz (hinten) und 177 kHz (rechts) in Zehlendorf bei Oranienburg (Foto: Kai Ludwig)
Der (seinerzeit noch vorläufige) Rückzug von Radioropa aus Berlin gab den Anstoß zum Beginn der Verbreitung der Stimme Rußlands, die 1996 aufgenommen wurde.

Auch nach dem Ende der DDR mietete das frühere Radio Moskau International weiterhin die Frequenz 1323 kHz, die ursprünglich aus Wiederau (Sachsen), ab 1989 dann über eigens hierfür neu installierte Technik in Wachenbrunn (Thüringen) betrieben wurde. Vor diesem Hintergrund unterbreitet und in Moskau aufgegriffen wurde das Angebot, als Ergänzung auch einen Stadtsender in Berlin zu nutzen.

Dies geschah ohne größere technische Vorarbeiten, indem auf 693 kHz das Signal der bestehenden, als Zuführung nach Wachenbrunn bestimmten Übertragungsleitung aus Moskau aufgeschaltet wurde. Neben dem deutschen Programm waren damit zwangsläufig Sendungen in weiteren, für Hörer in Berlin nicht relevanten Fremdsprachen zu hören, während Programme in russischer Sprache zunächst außen vor blieben.

Zur Jahrtausendwende kam es mit Mega-Radio, dem kurzlebigen Projekt eines Jugendradios auf Mittelwelle, dann nochmals zu einem Sendebetrieb mit höherer Leistung. Da dessen Realisierung aus der Dammheide nicht möglich war, gab die Deutsche Telekom diesen Standort auf und verlagerte ihre Berliner Mittelwellen zu einem Standort außerhalb von Berlin.

Hierfür war zunächst die Kurzwellenstation bei Nauen im Gespräch. Letztlich fiel die Wahl dann aber auf den Langwellensender in Zehlendorf bei Oranienburg. Dort entstand eine Reusenantenne, die für die gleichzeitige Abstrahlung mehrerer Mittelwellenfrequenzen geeignet ist.

Die Sendetechnik fand ihren Platz mit im Langwellen-Sendersaal. Dort stand nur noch der im Vergleich kleine Transistorsender, der 1999 die Röhrenanlage von 1958 abgelöst hatte (ein Ersatzbetrieb am Vortag der Einweihung markierte zugleich das Ende des Betriebs der Sendestation Königs Wusterhausen). In identischer Technik (Transradio TRAM) gesellten sich nun noch Mittelwellensender mit 250 kW für die Frequenz 693 kHz und mit 20 kW (technisch möglich wären 50 kW) für die Frequenz 603 kHz hinzu.

Der letztgenannte Sender ging mit dem (mittlerweile über Satellit herangeführten) Programm der Stimme Rußlands im Jahre 2000 in Betrieb. Für eine Übergangsphase blieb auch noch die Frequenz 693 kHz im Einsatz. Sie wurde schließlich im Frühjahr 2001 abgeschaltet und damit der Sendebetrieb in der Dammheide insgesamt beendet.

Ab Oktober 2001 lief auf 693 kHz dann die Ausstrahlung von Mega-Radio aus Zehlendorf. Diese blieb jedoch ein Intermezzo; Mega-Radio endete im April 2003 auf dem Wege einer Insolvenz, mit der auch die Ausstrahlungsverträge für diesen wie auch weitere, zwischen 2005 und 2012 ebenfalls zeitweise von der Stimme Rußlands genutzte Mittelwellensender (Königslutter 630 kHz, Wilsdruff 1431 kHz, Burg 1575 kHz) gegenstandslos waren.

Noch im Jahre 2003 wurde der damit vakante Sender 693 kHz in Zehlendorf genutzt, um zur Internationalen Funkausstellung die Möglichkeit zu präsentieren, digitale AM-Sendungen zu verschlüsseln. Praktischer Gebrauch gemacht wird von dieser Entwicklung inzwischen für interne Kurzwellensendungen der Bundeswehr, die seit 2013 aus Nauen laufen.

Von 2004 bis 2008 folgte ein langfristiges Pilotprojekt, bei dem auf 693 kHz das (auf 603 kHz weiterhin in konventioneller Form übertragene) Programm der Stimme Rußlands in einem analog-digitalen Mischmodus abgestrahlt wurde. Aufgezeigt werden konnte damit lediglich die Unbrauchbarkeit des Verfahrens; die Digitalkomponente war von stark eingeschränkter Qualität und nur schwer zu empfangen, während die Qualität der Analogkomponente ebenfalls deutlich beeinträchtigt war.

Ab 2008 nutzte die Stimme Rußlands die Mittelwelle 693 kHz schließlich mit normaler Amplitudenmodulation und gab dafür die Frequenz 603 kHz nach einer Übergangsphase auf. Rundfunkrechtlich autorisiert wurde dieser Frequenzwechsel durch ein Ausschreibungsverfahren, das als Gelegenheit genommen wurde, weiteren Veranstaltern die Möglichkeit anzubieten, aus Zehlendorf auf den Frequenzen 567 kHz (vom Rundfunk Berlin-Brandenburg zum Jahresende 2005 aufgegeben) oder 1359 kHz zu senden. Interessenten fanden sich hierfür nicht.

Lediglich für den vorhandenen Sender 603 kHz konnte nochmals ein Veranstalter gewonnen werden, und zwar das damalige, inzwischen in Radio B2 umbenannte Oldiestar. Es sendete auf 603 kHz von November 2009 bis Januar 2011.

2012 interessierte sich dann China Radio International, das für Deutschland inzwischen in großem Umfang auf der Luxemburger Mittelwelle 1440 kHz sendet, für die Zehlendorfer Frequenz 603 kHz. Nachdem hierfür bereits ein rundfunkrechtliches Zulassungsverfahren eingeleitet war, verlief die Angelegenheit dann im Sande. Es ist nicht bekannt, ob der Auslandsrundfunk in Peking das Interesse an Mittelwellensendungen für Berlin verloren hatte oder hierfür andere Gründe ausschlaggebend waren.

Nach dem nunmehrigen Rückzug der Stimme Rußlands dürfte vermutlich nicht mehr mit erneuten Mittelwellensendungen im Raum Berlin zu rechnen sein. Hier – und auch im gesamten Gebiet der einstigen DDR – ist neben den Kurzwellensendern in Nauen die Zehlendorfer Langwelle 177 kHz die einzige noch verbliebene AM-Frequenz. Das Deutschlandradio als deren Nutzer strebt seinerseits an, ihre Nutzung zum Jahresende 2014 einzustellen.

Dies gilt ebenso u.a. für den Mittelwellensender bei Königslutter, der auf 756 kHz den Deutschlandfunk abstrahlt. Bezogen auf den Mittelwellenbereich und auf Berlin ist dieser mehr als 150 km entfernte Standort jetzt der nächstgelegene Sender, der noch aktiv ist.

Die Sendestation in der Berliner Dammheide ihrerseits wurde nach der Einstellung des Betriebes abgerissen. Einen der beiden dortigen Großsender hat das Funkmuseum Königs Wusterhausen in seinen Bestand übernommen (siehe Seite 1). Dazu gehört auch das Kontrollpult mit dem Modulationsschaltfeld, dessen Beschriftungen Kunde von den kurzzeitigen Frequenzbelegungen der 90er Jahre geben.

(Autor: Kai Ludwig)