Letzte Berliner Mittelwelle abgeschaltet (2)

248 Meter hoher, Ende 2002 abgerissener Mast J1 der Sendestation Dammheide (Foto: Kai Ludwig)
Eine weitgehend undokumentierte Episode der unmittelbaren Nachwendezeit ist die Übertragung des Moskauer Radio Rossii im Raum Berlin, die auf 891 kHz nach der Einstellung der Mittelwellenverbreitung des früheren Radio DDR (Mai 1991) bis zum Frühjahr 1994 stattfand.

Seinerzeit kursierte hierzu eine aus unbekannter Quelle stammende Angabe „Zossen, 2 kW“ (oder ähnlich). Dies war möglicherweise nur eine Vermutung, die auf die sowjetische/russische Großgarnison Wünsdorf mit bis zu 75.000 potentiellen Hörern abstellte.

Aus seinen damaligen Beobachtungen heraus geht der Autor von einer Nutzung der Sendeanlage in der Berliner Dammheide auch für diese Übertragung von Radio Rossii aus, zumal sie mit der für frühere DDR-Sender typischen Aufbereitung der Modulation lief.

Bemerkenswert war dabei die zumindest weitgehend einwandfreie Qualität der (ebenfalls unbekannten) Signalquelle. Die Mängel (Verzerrungen, „Pumpen“), die für die Übernahmen einer minderwertigen Satellitenübertragung von Radio Rossii durch den Militärsender Radio Wolga in Potsdam typisch waren, traten auf 891 kHz so nicht auf.

Alle weiteren technischen, rundfunkrechtlichen und kaufmännischen Hintergründe der damaligen Übertragung von Radio Rossii auf 891 kHz liegen im Dunkeln.

Im November 1993 ging in der Dammheide die Frequenz 693 kHz wieder in Betrieb, jetzt jedoch nur noch mit 5 kW Sendeleistung als Stadtsender für Berlin. Ausgestrahlt wurde das 1990 von der Technisat-Gruppe in Daun (Rheinland-Pfalz) gegründete Radioropa Info, zeitweise in einer speziellen Berlin-Version.

Gleichzeitig wurde, ebenso nurmehr mit 5 kW, die fünf Monate zuvor vom Deutschlandfunk aufgegebene Frequenz 1359 kHz mit dem ebenfalls von der Technisat-Gruppe betriebenen Starsat-Radio aktiviert. Dabei waren in das Programm häufige Spots eingestreut, die dafür warben, die vom Betreiber hergestellte Satellitentechnik zum hochwertigen Empfang zu nutzen.

Diese offenkundig reinen Werbezwecken dienende Übertragung von Starsat-Radio wurde nach einem Jahr wieder abgeschaltet. Seitdem gab es keine Nutzung der Frequenz 1359 kHz in Deutschland mehr.

Auf 891 kHz wiederum lief nach der Abschaltung von Radio Rossii ab Dezember 1994 das Programm von RTL Radio aus Luxemburg, wie es auch direkt von dort auf 1440 kHz sowie über Satellit und Kabelnetze verbreitet wurde. Die Sendestation in der Dammheide löste hier den Sender Königs Wusterhausen ab, der RTL Radio ab November 1993 auf 603 kHz abgestrahlt hatte.

1995 wurde auch diese Frequenz in die Dammheide geholt, und zwar wiederum mit 5 kW Sendeleistung für das neu gestartete Jazzradio Berlin. Nachdem Jazzradio 1996 die UKW-Frequenz 101,9 MHz erhielt (inzwischen durch 106,8 MHz ersetzt), gab es die Mittelwelle 603 kHz umgehend wieder auf.

Ende Oktober 1995 stellte Radioropa seine Sendungen auf 693 kHz wieder ein. Gleichzeitig endete auch dessen Verbreitung über die Kurzwellenstation Pohodlí bei Litomyšl, die ebenfalls 1993 (auf 5980 / 5975 kHz) begonnen hatte. Damit verblieb seinerzeit nur noch die Langwelle 261 kHz aus Burg bei Magdeburg, von der sich die Technisat-Gruppe schließlich zum Jahresende 2000 zurückzog.

1996 entfielen dann auch die Sendungen von RTL Radio auf 891 kHz wieder. Auch bei dieser Frequenz kam es danach zu keinen weiteren Ausstrahlungen aus Deutschland mehr.

Eine kurzzeitige Episode im Jahre 1994 blieben erste digitale Ausstrahlungen, die noch nicht dem später definierten Standard Digital Radio Mondiale entsprachen. Hierfür wurde in die Dammheide die Frequenz 810 kHz übernommen. Sie war vakant, seit der Deutschlandfunk 1993 auch die Nutzung der Mittelwellenanlage des Senders Freies Berlin aufgegeben hatte, nachdem ihm als Konsequenz der Einstellung von Radio 4U dessen UKW-Frequenz 98,2 MHz zugeteilt worden war.

(Autor: Kai Ludwig)