Letzte Berliner Mittelwelle abgeschaltet (1)

MW-Anlage aus der Sendestation Dammheide im Funkmuseum Königs Wusterhausen (Foto: Kai Ludwig; 2002)
Wie angekündigt werden die Programme des russischen Auslandsrundfunks seit dem 1. Januar nicht mehr auf der Mittelwelle 693 kHz ausgestrahlt.

Bei der planmäßigen Abschaltung des Senders in Zehlendorf bei Oranienburg, am 31. Dezember um genau 22.00 Uhr, ging damit die letzte Berliner Mittelwellenfrequenz außer Betrieb, zugleich auch die letzte noch verbliebene Mittelwelle des früheren Rundfunks der DDR.

Dieser Mittelwellen-Sendeplatz geht zurück auf das Jahr 1952. Seinerzeit nahm in der Dammheide zwischen den Berliner Ortsteilen Uhlenhorst und Mahlsdorf Süd (offiziell lief dieser Standort unter der Bezeichnung „Berlin-Köpenick“ bzw. als Dienststelle „Funkamt Köpenick“) ein neuer Mittelwellen-Großsender seinen Betrieb auf.

Fast zeitgleich kam es beim Rundfunk der DDR zu einer strengen Zentralisierung, mit der zunächst nur noch die im neuen Funkhaus Nalepastraße produzierten Programme „Berlin I“, „Berlin II“ und „Berlin III“ ausgestrahlt wurden. Schon 1953 gab es hier jedoch wieder eine Lockerung mit erneuten Regionalsendungen und der Wiedereinführung des Namens Deutschlandsender.

1955 erhielt „Berlin I“ schließlich wieder den Namen Berliner Rundfunk, während „Berlin III“ mit Programmteilen des aufgelösten Mitteldeutschen Rundfunks als Radio DDR positioniert wurde. Die Sendestation in der Dammheide war damit der Mittelwellen-Hauptsender des Berliner Rundfunks mit der Frequenz 611 kHz.

1956 ging in der Dammheide noch ein zweiter Großsender in Betrieb, der aus der vom Funkwerk Köpenick aufgelegten Serie von Mittelwellensendern mit 250 kW Leistung stammte. Gleichzeitig könnte der erste Sender von 1952 ersetzt oder umgebaut worden sein. Bei ihm handelte es sich ursprünglich um einen störanfälligen Prototyp, der in verschiedenen Details von der anschließend gefertigten Kleinserie abwich.

Dieser zweite Sender dürfte zeitweise das sonst aus Königs Wusterhausen abgestrahlte Radio DDR 1 verbreitet haben. Gesichert ist seine Nutzung für das 1959 gegründete Radio Berlin International. Bei diesen abendlichen Auslandssendungen wurde je nach dem Zielgebiet die Frequenz zwischen 1430 und 1511 kHz umgeschaltet.

Wie bei zahlreichen anderen Mittelwellensendern in Europa änderten sich auch in der Dammheide 1978 die Frequenzen. Dem zweiten Sender wurde die Festfrequenz 1359 kHz zugewiesen, auf der damit jeweils zwischen 4.00 und 19.00 Uhr das Programm von Radio DDR 1 lief, während zwischen 19.00 und 24.00 Uhr weiterhin die für Europa bestimmten Sendungen von Radio Berlin International zur Übertragung kamen.

Der erste Sender wurde zunächst zum Gegenstand weiterer Frequenzrochaden, in die auch die Standorte Wachenbrunn und Königs Wusterhausen einbezogen waren. An deren Ende kristallisierte sich 693 kHz als neue Frequenz des Berliner Rundfunks heraus.

Darüber hinaus war in der Dammheide ein Sender mit 5 kW Leistung (Andeutungen lassen ein Lorenz-Gerät vermuten, wie es u.a. auch in Wiederau und in Wachenbrunn im Einsatz war) als Stadtsender für Berlin in Betrieb, und zwar auf 891 kHz mit dem Programm von Stimme der DDR.

Vorgehalten wurde schließlich noch ein Reservesender mit 4 kW. Er war in Eigenleistung der Post aus zwei Endstufen jener Technik zusammengesetzt worden, die bis 1978 als Störsender gegen RIAS Berlin im Einsatz war (eine dieser Endstufen war zeitweise im Foyer des früheren RIAS-Funkhauses ausgestellt). Einen solchen Eigenbau-Reservesender gab es daneben (mindestens) auch noch auf der Sendestation Wachenbrunn.

Ab dem Frühjahr 1990 kam es, wie auch bei den anderen Mittelwellensendern in der DDR, auf der Sendestation Dammheide zu mehrfachen Änderungen bei den ausgestrahlten Programmen. Zunächst übernahm Antenne Brandenburg, das neu geschaffene ganztägige Programm der Regionalstudios Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder), die Sendezeit von Radio DDR auf 1359 kHz. Im Gegenzug wurde Radio DDR auf die Frequenz 891 kHz aufgeschaltet.

Mit der Einstellung von Radio Berlin International am 2. Oktober 1990 übernahm der Deutschlandfunk dessen Sendezeit auf 1359 kHz und war damit in Berlin stundenweise gleich auf zwei Mittelwellen zu hören, nachdem ihn der Sender Freies Berlin bereits auf der bis 1988 von der BBC genutzten Frequenz 810 kHz ausstrahlte.

Die Frequenz 693 kHz wiederum übernahm Antenne Brandenburg. Aus Kostengründen nutzte der neu gegründete Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg ab 1992 hierfür jedoch die 1987 in Königs Wusterhausen installierte Sendeanlage (Hersteller Tesla) mit 40 kW Leistung. 1993 gab der ORB seine Mittelwellensendungen dann ganz auf. Auch die Verbreitung des Deutschlandfunks auf 1359 kHz entfiel 1993 wieder.

Gerüchte sprechen von anschließenden Bestrebungen, mit Versuchssendungen eine mögliche Nutzung der Frequenz 1359 kHz durch den Evangeliums-Rundfunk vorzubereiten. Dem soll jedoch der Berliner Senat damit zuvorgekommen sein, jede erneute Einschaltung der Großsender in der Dammheide zu untersagen.

Die Problematik dieses Senderstandorts mitten im Stadtgebiet verdeutlicht die Begebenheit um eine Außenübertragung für die Sonntagmorgensendung des Berliner Rundfunks:

Zwischen dem Übertragungswagen in Köpenick und dem Schaltraum im Funkhaus Nalepastraße kam es zu einem Disput „Mach' mal deine Musik aus!“ – „Ich hab' hier keine Musik an!“ – „Klar, ick hör's doch!“ und Ratlosigkeit, denn es seien jetzt wirklich alle Regler des Mischpults geschlossen.

Zum Entsetzen des Schaltmeisters wich die Musik schließlich einem Zeitzeichen und: „Sieben Uhr, Berliner Rundfunk, die Nachrichten“. – Mit Mühe gelang es, eine Mono-Übertragung zu bewerkstelligen, bei der die Einstrahlung des nahegelegenen Mittelwellensenders noch nicht zur Rückkopplung führte.

(Autor: Kai Ludwig)