Interview mit T.C. Boyle

„Ich wollte Präsident werden, aber meine Bücher sind dazwischengekommen.“

Ein Interview mit  T.C. Boyle über die Waldbrände in seiner Heimat Kalifornien, seinen kommenden Roman „Das Licht“ und seinen 70. Geburtstag

T.C. Boyle (© radioeins/Schuster)
T.C. Boyle (© radioeins/Schuster)

radioeins-Literaturagent Thomas Böhm hat mit T.C. Boyle gesprochen

Thomas Böhm: Lassen Sie uns von den schlechten zu den besseren und dann den guten Nachrichten kommen. In diesen Tagen müssen wir ja fragen: Wie ist die Situation in Kalifornien nach den schrecklichen Waldbränden in den letzten  Wochen?

T.C. Boyle: Wir sind in einem Zustand der permanenten Unruhe. Der Herbst ist hier in Kalifornien die Jahreszeit des Feuers geworden. Jedes Mal, wenn der Wind aufkommt, geraten wir in Angst. Im sechsten Jahr hintereinander hat es hier im Sommer und Herbst nicht mehr geregnet. Ich habe ja schon oft darüber geschrieben.

Wir hier in Montecito, wo ich lebe, haben unsere Tragödie letzten Dezember erlebt, als das bis dahin größte Feuer in der kalifornischen Geschichte 50.000 Hektar Wald vernichtete. Am 19. Januar dieses Jahres hatten wir dann diese ungeheuren Unwetter mit den Sturzbächen und Flüssen, die über die Ufer getreten sind. Dabei sind 29 Menschen aus meiner Nachbarschaft gestorben.

Thomas Böhm: Sie haben ja seit Ihrem Roman „Ein Freund der Erde“, der im Jahr 2000 erschienen ist, immer wieder über die Klimakatastrophe geschrieben. Über die Ursachen, über die Effekte. Jetzt geschieht das, was Sie vorhergesehen haben. Das können Sie ja nicht mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.

T.C. Boyle: Sie wissen, ich umarme die Welt von ganzem Herzen. Ich bemühe mich um ein tiefes Verständnis des menschlichen Seins. Aber auf der Oberfläche bin ich ein Schlaumeier und Spaßvogel. Denn was bleibt mir schon anderes übrig im Angesicht der täglichen Katastrophenmeldungen?

Als ich mich in den 1990ern mit der Erderwärmung beschäftigt habe und „Ein Freund der Erde“ schrieb, dachte ich, ich würde mich zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich das Eintreten der ersten schweren Klimaschäden im Roman auf das Jahr 2026 legte.

Ich habe mich um zehn Jahre verschätzt. Es geschieht jetzt.

Thomas Böhm: Wenn man „Freund der Erde“ liest oder ihre jüngste Storysammlung „The Relive Box“ (noch nicht auf deutsch erschienen),  hat man den Eindruck: Der Grund, weshalb die Menschheit nicht schnell und drastisch auf den Klimawandel reagiert, ist ein Mangel an Einbildungskraft. Als wenn wir uns nicht vorstellen könnten, was passieren wird.

T.C. Boyle: Das denke ich auch. Wir sind alle selbstsüchtig, wir sind ständig verstrickt in unsere Angelegenheiten, beschäftigt mit unseren Körpern, unseren Trieben. Das ist die Natur des Tieres Mensch.

Wir sollten darüber aber nicht die ökonomischen Ursachen der Umweltzerstörung vergessen. Und die Obszönität der Bush-Regierung und jetzt der Trump-Regierung, die den Klimawandel geleugnet haben. Bush hat ja seinerzeit Wissenschaftler dafür bezahlt, dass sie falsche Daten vorgelegt haben.

Es ist vor allem aber die Kurzsichtigkeit der Unternehmen, die sich nur für ihre Bilanzen und die Vierteljahresdividende interessieren. Unternehmen, die es nicht kümmert, was in zehn, fünfzig, hundert Jahren mit der Welt passiert. „Ich will meinen Anteil jetzt und zur Hölle mit der Zukunft!“ ist die Nachricht, die sie uns senden.

Thomas Böhm: Lassen Sie uns über jemanden sprechen, der seiner Meinung nach die Welt verbessern wollte. Timothy Leary, Psychologe, Harvard-Professor, Guru der LSD-Bewegung in den 1960er Jahren. Er ist die Hauptfigur Ihres neuen Romans „Das Licht“ (erscheint im Februar 2019). Was hat Sie an dieser Figur interessiert?

T.C. Boyle: Ich habe ja schon in meinem Roman „Drop City“ die Hippie-Zeit dargestellt, die eine Art „Zurück zur Natur“-Bewegung war. Die Hippies versuchten, aus dem kapitalistischen Hamsterrad auszusteigen, einfacher zu leben, den Planeten nicht weiter zu zerstören. Aber schon damals war die Weltbevölkerung zu groß, als dass es möglich gewesen wäre, „zurück zur Natur“ zu gehen.

In der Eröffnungsszene von „Drop City“ nehmen die Mitglieder einer Hippie-Kommune LSD. Ich bin zu diesem Thema zurückgekehrt, weil einerseits LSD mittlerweile in den USA nicht mehr komplett verboten ist. Sondern wieder in dem Bereich, für die das es entwickelt wurde, eingesetzt wird: in der Psychiatrie. Vor fünf Jahren habe ich einige Artikel darüber gelesen, wie es bei Patienten mit extremen Schmerzen oder im Endstation tödlicher Erkrankungen angewandt wird, um bestimmte Gehirnareale zu aktivieren und sie gewissermaßen wieder mit ihrer Natur in Berührung zu bringen. Das hat mich interessiert. Und auch die Tatsache, dass viele Menschen auf LSD religiöse Erfahrungen machen. Gibt es Gott? Sehen sie Gott? Ist Gott ein Konzept? Ist er existent, aber wird von unserem Gehirn in der Alltagswahrnehmung ausgeblendet?

Abgesehen davon: Wir alle erinnern uns an 1969, Jimmy Hendrix, etc. Den Höhepunkt der LSD-Ära. Ich gehe aber zurück zu den Anfängen, als LSD in der Psychiatrie erstmals eingesetzt wurde. Und dann unter dem Einfluss von Leuten wie Leary seinen Weg in die Gesellschaft gefunden hat.

Thomas Böhm: Warum erzählen Sie die Geschichte aus der Perspektive eines Assistenten Learys? Warum nicht aus der von Leary selbst?

T.C. Boyle: Ich weiß nicht, ob mir wirklich wohl dabei gewesen wäre, mich in Leary hineinzuversetzen, der war doch sehr abgedreht.

Ich habe diese Methode ja schon beispielsweise in meinem Roman „Dr. Sex“ angewendet, in dem ich Albert Kinsey aus der Perspektive eines seiner Mitarbeiter darstelle. Weil es mich viel mehr interessiert, wie ein Guru seine Anhänger beeinflusst. Und auch: Was bedeutet es eigentlich, Anhänger von jemanden zu sein? Was muss man dafür von der eigenen Persönlichkeit aufgeben?

Die Menschen verlangen ja immer wieder nach einem „starken“ Mann, sie wollen einen Gott, einen vorgegebenen Sinn, jemanden, der ihnen sagt, was sie tun sollen.

Ich bin in New York aufgewachsen, als Punk. Und mir wurde beigebracht, meinen eigenen Kopf zu gebrauchen. Alle Autoritäten infrage zu stellen. Deshalb finde ich es interessanter, zu verstehen, wie jemand sich einem Kult anschließen kann. Anstatt durch die Augen des Anführers des Kults zu sehen, der meist durch nichts anderes als den Willen zur Macht angetrieben wird.

Thomas Böhm: Wenn Sie das Sagen hätten, würden Sie LSD freigeben?

T.C. Boyle: Ich würde alle Drogen freigeben und in der Apotheke an der Ecke verkaufen, nach gesetzlichen Regeln. Und mit Steuern, wie sie beispielsweise auf Alkohol erhoben werden. Das würde Ländern wie Mexiko und Afghanistan helfen und dem internationalen Drogenhandel die Geschäftsgrundlage nehmen. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich will niemanden zureden, irgendeine Droge zu konsumieren.  Aber die Möglichkeit dazu sollte es schon geben.

Thomas Böhm: Mit dieser Agenda könnten Sie doch Präsident werden, oder?

T.C. Boyle: Vor zwanzig Jahren habe ich das ja angekündigt. Ich würde Präsident werden. Nicht durch eine Wahl, sondern einfach, indem ich die Macht ergriffen und den Menschen gegeben hätte, was sie wollen. Ich hatte ein vollständiges Programm und die Drogenfreigabe war ein Teil davon. Sagen wir also: Ich wollte Präsident werden, aber meine Bücher sind dazwischengekommen.

Thomas Böhm: Sie haben über viele wichtige Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte geschrieben. Wenn jemand einen Roman über einen Schriftsteller namens T.C. Boyle schreiben wollte – was wäre die beste Zeit, in dessen Leben einzusteigen?

T.C. Boyle: Die beste Zeit wäre... als ich sechs Monate alt war. Ich war nah bei meiner Mutter, alles war gut. Sie hatte alles, was ich brauchte. Und ich konnte einfach so in meine Windeln machen.

Thomas Böhm: Sie wissen, warum ich das frage. Sie feiern am 2. Dezember Ihren 70. Geburtstag. Welches Gefühl überwiegt dabei: „Wo ist die Zeit hin? Wo sind die Jahre?“ oder: „Ich habe meine Zeit auf die bestmögliche Art genutzt: Fürs Schreiben.“

T.C. Boyle: Beides. Ich bin ja vom Tode nahezu besessen. Seit ich realisiert habe, dass es den Tod gibt.   Bis hinein in dieses Alter, das ich jetzt erreicht habe, habe ich Angst vor ihm. Ich werde meinen Geburtstag auch nicht feiern. Ich werde tun, was ich an jedem Geburtstag seit 20 Jahren getan habe: Ich ziehe mich zurück, schließe die Tür ab und lecke meine Wunden.

Thomas Böhm: Werden Sie sich selbst ein Geschenk machen?

T.C. Boyle: Nein. Es gibt schlichtweg nichts, was ich mir wünsche. Abgesehen davon wissen Sie vielleicht, dass Frau Boyle (T.C. Boyle redet seine Frau spaßhaft immer mit dem deutschen Wort „Frau“ an) sieben Exemplare von jedem Gegenstand gesammelt hat, der je in der Geschichte der Menschheit hergestellt wurde. Wenn ich also irgendetwas brauchen würde, müsste ich nur vor die Tür meines Arbeitszimmers gehen und würde schon im Flur darüber stolpern.

Wie gesagt: Ich werde den Geburtstag nicht feiern. Es wird ein Tag wie jeder andere. Ich werde schreiben und hinterher rausgehen in die Natur.

Thomas Böhm: Für einen Schriftsteller – was ist eigentlich das Beste daran, alt zu werden?

T.C. Boyle: Ich glaube, darauf würde jeder Künstler das gleiche antworten: Mit der Menge der Erfahrungen, die man macht, gewinnt man auch mehr Perspektive. Aber das ist nicht unbedingt beglückend. Wie die Existenzialisten, die meine erste große Lektüreerfahrung waren es ausgedrückt haben: Alles ist absurd, wenn man weiß, dass man zum Tode verurteilt ist.  Und das sind wir alle.

Warum also das Ganze hier? Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Sinn.

John Updike, einer meiner Helden, der mit 77 Jahren an Krebs gestorben ist, wurde mal gefragt: Sind sie nicht getröstet davon, dass Sie Kinder und Enkel hinterlassen? Und Updike sagte: Ja, mag sein. Aber meine Kinder sind eben nicht ich. (lacht...) Ist das nicht ein Gedanke, den wir alle haben?

T.C. Boyle stellt seinen Roman "Das Licht" (Carl Hanser Verlag) auf Einladung von radioeins am 4.2.2019 um 20 Uhr in Berlin im Großen Sendesaal des rbb vor. Die Weltpremiere in Kooperation mit dem Carl Hanser Verlag und dem Hörverlag wird moderiert von Radioeins-Literaturagent Thomas Böhm, die deutschen Texte liest Florian Lukas. Der Kartenvorverkauf hat begonnen.

Lesung am 4. Februar 2019

T.C. Boyle - "Das Licht"

radioeins präsentiert die Weltpremiere

T.C. Boyle
Carl Hanser Verlag

Ein Traum: Endlich auf eine LSD-Party eingeladen sein! Für den aufstrebenden Assistenten Fitz geht dieser Traum in Erfüllung. Sein Professor Timothy Leary lädt ihn ein. Wir befinden uns in ... [mehr]