Elektro Beats

Exklusives Interview mit Ralf Hütter von Kraftwerk

Zu Gast im radioeins-Studio

Ralf Hütter (Kraftwerk)
Ralf Hütter (Kraftwerk) (Foto: Thomas Ecke)

Vom 6. bis 13. Januar führten Kraftwerk in der ausverkauften Neuen Nationalgelerie vor begeistertem Publikum an acht Abenden ihre Katalog-Alben (von "Autobahn" bis "Tour De France") komplett auf, ergänzt durch einen langen Best-Of-Block.

Olaf Zimmermann hat alle Konzerte besucht und das große Glück gehabt Ralf Hütter Backstage für ein exklusives radioeins Elektro Beats Interview zu treffen.

Kraftwerk 2015
Kraftwerk 2015

Olaf Zimmermann: Wie kam es zur Idee, in Berlin und mehreren anderen Städten zuvor euer Gesamtwerk aufzuführen?

Ralf Hütter: Wir haben vom Museum of Modern Art in New York eine Einladung bekommen, dort zu spielen. Ich habe mir dann überlegt, was wir machen: alte Fotos, Texte, Objekte, Instrumente, Roboter? Irgendwie hat mir das alles nicht gepasst. Es war so vitrinenlastig. Zusammen mit dem Kurator und der Galeristin kam mir dann plötzlich der Gedanke, unser Gesamtwerk aufzuführen und unsere Musik und Performance mit 3D-Elementen darzustellen. Auf die Idee folgten einige Jahre Arbeit.

Ihr habt in ganz speziellen Locations gespielt: Nach New York in der Kunstsammlung in Düsseldorf, in der Londoner Tate Modern oder im Opernhaus in Sydney. Nach welchen Aspekten habt Ihr sie ausgewählt und wo war es besonders spannend?

Es ist eigentlich überall spannend, weil es immer anders ist: wenn man in Sydney vor dem Opernhaus steht oder im "MoMa" mitten in New York City. Fantastisch war es in Düsseldorf: Die Kunstsammlung ist ein schwarzes Granit-Gebäude, und wir haben im Januar dort gespielt, einige Tage vorher hatte es geschneit. Die ganze Stadt war während unseres Gastspiels 14 Tage lang mit Schnee bedeckt. Dadurch entstand so eine unheimliche Ruhe, weil der ganze Klang durch den Schnee gedämpft war.

Auch die Neue Nationalgalerie Berlin ist ein fantastischer Ort. Ihr Architekt Mies van der Rohe hat nicht bedacht, das Kraftwerk hier mal spielen werden. Wir haben einige Schallschutzabsorber installiert, um unseren Klang zu verwirklichen.

Was verbindet dich persönlich mit Berlin?

Die Energie, die die Stadt ausstrahlt. Wir waren relativ selten hier, mal zu Mauerzeiten. Ich kann mich dunkel erinnern, dass wir in meinem Volkswagen auf der Transit-Autobahn alle Instrumente ausladen und wieder einpacken mussten. In der Zeit war es ziemlich kompliziert, mit technischem Equipment zu reisen, da wurden gleich Funkverbindungen und Spionage vermutet. Heute ist es natürlich fantastisch und wir fühlen uns super.

Ihr habt bereits vor einigen Jahren damit begonnen 3D-Visuals einzusetzen. Die "Katalog"-Konzerte sind jetzt komplett in 3D, zwei Stunden lang. Wie habt Ihr das gestemmt?

Das haben wir ganz alleine mit unseren Technikern und Programmierern gemacht, ein kleines Team von zwei bis vier Leuten. Mein Freund Emil Schult hat mir auch geholfen. Wir haben einige alte Comics restauriert. Aus unseren Archiven haben wir Ölbilder neu gestaltet oder erweitert und sie mit unseren Ingenieuren programmiert. Wir haben eigene 3D-Programme. Diese Arbeit hat über vier Jahre gedauert.

Einige Visuals tragen autobiografische Züge. Auf "Autobahn" ist zum Beispiel dein eigener PKW zu sehen.

Ja, das ist mein alter Käfer. Sein Autokennzeichen haben wir etwas verändert, KR 70, weil Kraftwerk 1970 begonnen hat.

"Radioaktivität" von Kraftwerk am 06.01.2015 in der Neuen Nationalgalerie © dpa
"Radioaktivität" von Kraftwerk am 06.01.2015 in der Neuen Nationalgalerie © dpa | © dpa-Zentralbild

Seit dem Atomunfall in Fukushima singst Du Teile von "Radioaktivität" auf Japanisch, jetzt sogar eine ganze Strophe. Der Pianist Ryūichi Sakamoto hat sie Dir übersetzt. Wie hast Du Dir das Japanische angeeignet?

Ryūichi hat mir die Buchstaben phonetisch aufgeschrieben und ich singe das nach. Wir haben auch an einer Veranstaltung teilgenommen, die er in Tokyo organisiert hatte. Dazu hat uns ein Japaner die passenden Schriftzeichen installiert, die wir in unser Konzert mit eingebaut haben.

Du stehst mit Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen auf der Bühne. Falk ist der Video-Operator. Gibt es eine musikalische Arbeitsteilung zwischen Euch und verwendet Ihr rein virtuelle Instrumente?

Ja, es ist alles aus Software. Ich spiele aber auch Keyboards und steuere verschiedene Sounds, mache Sprechgesang und Vocoder-Gesang. Henning macht sehr viele Sequenzen und Bass. Fritz macht perkussive Sounds. Und Falk, der auch Musiker ist, arrangiert perfekt die Visuals, so dass alles im Takt ist und synchron zur Musik abläuft. Das ist eine ganz große Gabe, dass er die Musik versteht und das Arrangement auch so gestaltet. Ich habe versucht, elektronische Räume darzustellen und 3D entstehend der Musik atmen zu lassen. Es sind oft dynamische Abläufe und elektronische Landschaften, die wir darstellen.

Einige Kritiker hatten bemängelt, dass Ihr eure Alben nicht Eins-zu-eins werkgetreu aufgeführt habt...

Musik ist ein lebendes Medium und keine tote Skulptur. Unsere Musik lebt und improvisiert, sie wird mit unseren heutigen Mitteln dargestellt und produziert. Wir schauen nicht zurück, sondern nach vorn. Wir arbeiten zurzeit an einer 3D-Blu-ray, die die Neufassungen der Songs dokumentieren wird.

Puppen stehen während des Konzerts von Kraftwerk am 06.01.2015 in der Neuen Nationalgalerie auf der Bühne © dpa
Puppen stehen während des Konzerts von Kraftwerk am 06.01.2015 in der Neuen Nationalgalerie auf der Bühne © dpa | © dpa-Zentralbild

Ein Höhepunkt eurer Show ist der Einsatz von Roboterpuppen, die über die Jahre bei Kraftwerk diverse Metamorphosen durchlaufen haben. Auf der "The Mix"-Tour sahen die Roboter noch sehr mechanisch aus, man sah die Gelenke und Torsi. Jetzt sind sie bekleidet und erinnern an euer Styling zu "Mensch-Maschine"-Zeiten. Wie kam es dazu?

Das ist eine Verinnerlichung dieses Gedankens der "Mensch-Maschine", dass der Mensch als Roboter "maschiniert". In diesem Geist habe ich sie wieder gestaltet. Die Roboter tragen unsere originalen roten Hemden, die wir konserviert hatten, und Krawatten mit neuen Leuchtioden. Die alten waren leider kaputt. Und so lassen wir die Roboter als "Menschendarsteller" bei unseren Konzerten auftreten.

Du begeisterst dich für den Rennradsport. Mit "Tour de France" hatte Kraftwerk 2003 diesem Thema ein komplettes Album gewidmet. Kommen einem beim Radfahren solche Ideen, wie die für "Aéro Dynamik" oder "Elektro Kardiogramm"?

Natürlich. Ich habe das mit meinem französischen Freund Maxim Schmidt zum Teil auf Französisch getextet. Die Konzepte entstehen aus diesem freien Bewegungsablauf beim Radfahren. Man fährt rum, sieht die Landschaft, erlebt den Körper und das Wetter und befreit seine Gedanken. Unsere Musik haben wir über Jahrzehnte in geschlossenen Räumen und teilweise ohne natürliches Licht gespielt. Radfahren ist daher wie eine Regeneration, die sich auch in unseren Texten wie bei "Die Mensch-Maschine" widerspiegelt - der Gedanke von Menschen und Maschinen, die zusammenarbeiten, sich bewegen und irgendwie künstlerische Werke erzeugen.

Du hast 2014 für Kraftwerk den Grammy Lifetime Achievement Award erhalten. Was schoss dir durch den Kopf, als du die Nachricht darüber erhalten hattest?

Normalerweise sind wir nicht an Preisen und diesen Partys interessiert, dafür haben wir auch nicht die Zeit. Aber als Florian Schneider und ich als Kraftwerk-Gründer diese Nachricht über den Grammy für unser Lebenswerk bekamen, bin ich da hingefahren. Ich habe diese Ehre verstanden - allein durch die Riege der Künstler, die den Preis vorher bekommen haben: von Strawinsky über Maria Callas und Ray Charles bis Little Richard. Das war ein wunderbares Gefühl.

Kraftwerk arbeitet an einem neuen Album. Kann man schon eine Prognose wagen, wann es erscheinen wird?

Das ist eine schwierige Frage, die Antwort lautet meistens: bald. Sobald wir irgendein Werk fertig haben, werden wir es veröffentlichen. Das war bisher immer so.