Denkanstoß

Sabine Nuss über die Umverteilung des Privateigentums

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Nuss hat in dieser Woche eine Diskussion darüber angestoßen, wie Privateigentum anders verteilt werden könnte.

Ein Geschäftsmann sitzt auf einem großen Geldstapel und schaut auf kleine klagende Menschen herab © imago images/Ikon Images
Ein Geschäftsmann sitzt auf einem großen Geldstapel und schaut auf kleine klagende Menschen herab | © imago images/Ikon Images

"Privateigentum abschaffen heißt übrigens nicht, jemandem was wegnehmen, sondern allen was geben." - mit diesem eigentlich eher harmlosen Tweet hat die Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Nuss in dieser Woche eine Diskussion um die Verteilung von Privateigentum angestoßen.

Wir wollen diesen Satz gerne richtig verstehen und darum sprechen wir mit ihr über das Wesen des Privateigentums.

Ein Geschäftsmann sitzt auf einem großen Geldstapel und schaut auf kleine klagende Menschen herab © imago images/Ikon Images
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Das Interview in voller Länge:


radioeins:
Ich weiß nicht, ob wir in fünf Minuten diese ideologiekritischen, grundlegenden Fragen klären können. Fangen wir mal vorsichtig an. Warum haben Sie die Flinte angelegt und haben noch mal in den Hühnerstall geschossen?

Sabine Nuss: Also ehrlich gesagt habe ich diese Flinte gar nicht wirklich gezielt und beabsichtigt angelegt. Ich war selber ziemlich überrascht über die Reaktionen. Normalerweise bin ich immer ganz gepflegt in meiner kleinen Bubble. Aber offensichtlich hat den jemand irgendwie verbreitet in einer großen Bubble. Und vielleicht, weil viele Hörerinnen und Hörer sind vielleicht jetzt gar nicht bei Twitter, um es ganz kurz zu erklären: Nach der Twitter-Statistik haben diesen Tweet etwa 25.000 Leute kommentiert und 400.000 offensichtlich irgendwie gesehen. Und ich würde mal denken, der Großteil davon war ziemlich aggressiv, und auch mit sehr vielen persönlichen Angriffen verbunden. Ich habe da in irgendein Wespennest gestochen offensichtlich.

radioeins: Das Wespennest besteht der grundlegend darin, dass sie mehr oder weniger den Eigentumsbegriff in Frage stellen. War das so gewollt?

Sabine Nuss: Ich meine, ich beschäftige mich jetzt wissenschaftlich schon seit 25 Jahren mit dem Thema Eigentum. Und ich stelle Eigentum jetzt nicht insofern in Frage, sondern ich hinterfrage es, ich analysiere es. Und ich finde auch ganz interessant, die Reaktionen, die mir entgegengekommen sind. Jetzt ziehen wir mal diese ganzen ungezogenen Bengels ab, und diese Beleidigungen, aber es ist ganz interessant, weil die Ersten haben sofort assoziiert: "Die will mir meine Zahnbürste wegnehmen." Das liegt mir fern.

Ich möchte keine fremden Zahnbürsten haben. Das war so das Erste. Sofort hat man gedacht: "Da will mir jemand etwas wegnehmen", obwohl ich ja extra geschrieben hatte, darum geht es nicht.

Die zweite Gruppe hat gesagt, "die will wieder zurück in den real existierenden Sozialismus" und haben mich dann teilweise irgendwie Stalinistin beschimpft. Und das ist natürlich auch Quatsch. Wer meine Literatur kennt, weiß, dass ich dezidierte Kritikerin bin, dieses ehemaligen sogenannten Sozialismus.

Und die dritte hat wenigstens noch gemerkt, dass da was unlogisch ist. Wenn ich Privateigentum abschaffe, dann kann es doch nicht heißen, dass man niemandem etwas wegnimmt. Die hätten ja dann mal zurückfragen können. Gut, dafür ist Twitter jetzt nicht das geeignete Medium, aber man hätte relativ schnell feststellen können, dass ich unter Privateigentum was anderes verstehe als das, was man im Alltagsverstand darunter versteht.

"Privateigentum bezieht sich ausschließlich auf produktives Eigentum, nicht auf das persönliche."


radioeins:
Nämlich?

Sabine Nuss: Man muss erst mal eine Unterscheidung machen zwischen dem persönlichen Eigentum und zwischen Privateigentum. Und das ist auch Standard in der Literatur und in der Wissenschaft, diese Unterscheidung.

Im Alltagsverstand setzt man das in eins. Da ist Privateigentum das persönliche Eigentum - in aller Regel. Und persönliches ist tatsächlich das Konsumtive, was ich jeden Tag konsumiere, was ich mir mit meinem Gehalt kaufen kann, was ich essen und trinken kann, mein Fahrrad, mein weiß ich nicht was.

Und das Privateigentum bezieht sich auf das produktive Eigentum, das heißt: ertragsorientiertes Eigentum. Das ist, wenn ich in etwas Kapital investieren kann, und es vermehrt sich, und es bringt mir einen Ertrag. Das ist das produktive. Lateinisch ist übrigens privat von der Wortwurzel her privare und heißt berauben. Das ist auch ganz interessant, dass dieses Wort beraubend da drinsteckt. Wenn ich sage produktives Eigentum, dann kann man sich das relativ schnell ausdenken, was ist denn das, was sich vermehren kann? Das ist in der Regel, wenn ich Arbeitskraft kaufe und Naturressourcen mir aneigne, dann kann ich das produzieren lassen und dadurch vermehrt sich mein Kapital. Oder, wenn ich in Immobilien investiere, dann kann sich mein Kapital vermehren, indem ich die Mieten erhöhe und dadurch sozusagen das Lebensmittel anderer zu dem Mittel meiner Bereicherung machen. Das heißt, Privateigentum bezieht sich ausschließlich auf dieses produktive Eigentum, und nicht auf das persönliche.

"Das Problem ist die Art und Weise der Aneignung von Natur zur Produktion von Konsumgütern."


radioeins:
Aber ist die Grundannahme auch, dass das, was existiert, einem anderen weggenommen werden muss, weil es gibt eine begrenzte Menge von dem, was man haben kann, weil dann nur unter dieser Vorstellung, dass es eine begrenzte Menge von Eigentum gibt. Ist so etwas wie Gleichheit überhaupt vorstellbar? Sonst wächst es einfach an der einen Seite, und an der anderen kommt auch etwas dazu. Aber nur wenn man im Grunde genommen von begrenzten Mitteln und Möglichkeiten ausgeht, gibt es dieses berauben.

Sabine Nuss: Naja, es kommt jetzt ein bisschen darauf an, auf wen sich das bezieht. Das begrenzte Eigentum ist jetzt im Moment gerade vermehrt sogar im Vergleich, zu noch vor ein paar Jahren, auf die große Mehrheit der Menschen bezogen, die immer weniger haben. Also die Schere zwischen Arm und Reich, haben Sie ja selber gesagt, klafft immer weiter auseinander.

Die Reichtumskonzentration ist ziemlich groß geworden. Und es geht quasi darum, dieses Thema gesellschaftlich zu denken. Das bedeutet, das ich eine Begrenzung der Güter - im Moment habe ich eher das Gegenteilige, dass wir zu viel produzieren und ein Teil davon wegwerfen müssen, weil nicht genügend Kaufkraft da ist, dass sich sozusagen zu kaufen. Wir haben nicht das Problem, dass wir begrenzte Güter haben, sondern wir haben das Problem, dass wir produzieren und produzieren und produzieren und einem enormen Wachstumszwang unterliegen und dabei noch nebenbei so ein bisschen die Natur schädigen, und gleichzeitig noch den Fakt, dass nicht alle gleichermaßen Zugang dazu haben.

Es gibt ja irgendwie dieses schöne Bild, das da ein Bettler vor dem Supermarkt sitzt, während hintendran nach Feierabend die Container der Lebensmittel, die sie nicht verkauft haben, zugeschlossen werden. Das heißt, das ist gar nicht so sehr das Problem der Begrenzung, das Problem ist die Art und Weise der Aneignung von Natur zur Produktion von Konsumgütern. Das ist das Problem. Und daraus resultiert eine spezifische Verteilung. Und das wäre dann auch das, wo ich denken würde, das müsste man eigentlich ändern. Und dann hätten am Ende alle was davon.

radioeins: Ich habe 20.000 Euro gespart, gehe damit an die Börse, dann lese ich ihren Tweet und denke mir, die will mir ans Geld.

Sabine Nuss: Ja, das ist natürlich eine sehr individualistische Perspektive.

radioeins: Ich halte sie für typisch!

Sabine Nuss: Ja, genau. Sie ist sehr verbreitet. Und damit sind wir dann auch ganz schnell bei dem Thema Ideologie des Privateigentums, die sozusagen voraussetzt, dass alle Menschen gleich und frei sind in dieser Gesellschaft. Und, dass jeder, wenn er sich nur anstrengt und ganz fleißig ist und superclever ist, es zu was bringen kann. Das ist sozusagen die Grundvoraussetzung. Das haben wir alle stark verinnerlicht. Und wenn es dann irgendwie tatsächlich beobachtbar ist, dass es nicht alle schaffen und dann doch irgendwie ganz viele Leute am Ende des Monats nichts mehr haben, dann muss er irgendwie selber schuld gewesen sein, weil, wir sind doch alle frei. Wir können doch alle irgendwie gucken, dass wir es zu was bringen. Und in so einer Situation stelle ich dann irgendwie fest, dass sich die soziale Ungleichheit, die diesem System ja auch inhärent ist, auch noch verschlimmert und die Situation prekärer wird, Niedriglohnsektor, den Leuten geht es schlechter, das Individuelle und jeder gegen jeden nimmt immer mehr zu. Dann kommt jetzt noch so eine daher, und will mir dieses hart erarbeitete auch noch wegnehmen. Insofern ist es auch diese Reaktion auf diesen Tweet, die sagt eigentlich mehr aus über die gesellschaftliche Verfassung als jetzt über mich oder über diesen Tweet.