20 Jahre Amoklauf von Erfurt

Über die Entwicklung von Gewalt

Am 26. April 2002 fand der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium statt. Der MDR zeigt anlässlich dessen aktuell eine Sonderreihe und diverse andere Spezialsendungen, bei denen u.a. der Sozialpsychologe Prof. Dr. Andreas Zick dabei ist.

Der Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick © imago images/photothek
Der Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick | © imago images/photothek

Am 26. April vor 20 Jahren fand der erste Amoklauf an einer deutschen Schule statt. Am Erfurter Gutenberg-Gymnasium wurden gerade die Abiturprüfungen geschrieben, als der ehemalige Schüler Robert S. 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. Bis zu diesem Vormittag kannten wir solche Gewalttaten hauptsächlich aus den USA.

Der MDR zeigt anlässlich dessen bereits seit gestern eine Sonderreihe in der ARD-Mediathek mit dem Titel "Amok – Erfurt und die Folgen".

In der MDR-Fernsehsendung "Zeitreise" kommt am Sonntag dazu u.a. der renommierte Gewaltforscher und Sozialpsychologe Prof. Dr. Andreas Zick zu Wort. Er ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld und wir sprechen mit ihm darüber.

Der Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick © imago images/photothek
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Das Interview mit Prof. Dr. Zick in voller Länge:


radioeins: Ist das im Grunde genommen ein Lehrstück in ihrer Karriere, ein wissenschaftlicher Umkehrpunkt? Oder war es ein Tag wie jeder andere, weil Gewalt in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung ist?

Prof. Dr. Zick: Nein, überhaupt nicht. Wir betreiben Gewaltforschung. Wir beschäftigen uns mit solchen Gewalttaten, schweren Gewalttaten, Mehrfachtötungsdelikten. Erfurt war ein absoluter Einschnitt, und auch wir in der Gewaltforschung sind von so etwas geschockt. Wir können ja nicht behaupten, dass wir auf der Grundlage unserer Forschung so etwas leicht vorhersehen können. Das hat sich verbessert. Erfurt war tatsächlich aber auch noch mal eine sehr große Zäsur. Denn nach Erfurt hat sich auch in der Aufarbeitung viel geändert, im Recht geändert, in der Prävention geändert. Aber damals gab es bei uns einen Stillstand. Wir brauchen dann auch eine Zeit, um so etwas zu analysieren. Es ist nicht einfach zu verstehen, und von daher ist es sehr, sehr gut, dass wir uns jetzt noch mal prominent erinnern.

radioeins: Nach 20 Jahren - wie beantworten Sie denn die Frage: Warum hat der Täter das gemacht?

Prof. Dr. Zick: Na ja, wir haben danach angefangen, Analysen durchzuführen. Wir haben große Forschungsprojekte durchgeführt, wo wir Mehrfachtötungen miteinander verglichen haben. Das ist ja ein School-Shooting, ein Schusswaffengewalt-Tötungsdelikt an einer Schule. Es gibt andere Amokformen. Wir haben das verglichen mit Mehrfachtötungen, Familienauslöschung, mit extremistischen Taten, denn wir haben ja auch ein hohes Ausmaß an extremistischer Gewalt, wo Extremisten versuchen, mehrfach Menschen zu töten.

Was uns klar wurde in der Analyse: Wir können besser die Muster erkennen. Wir hätten besser erkennen können – damals – in welcher krisenhaften Situation der Täter sich befunden hat, dass er schon vor der Tat ein Tatmodell entwickelt hat. Dass er sich intensiv auseinandergesetzt hat mit der Amoktat in den USA, mit dem Columbine-Attentat 1999. Er hat sich darauf bezogen. Damals wurde unter den Amoktätern die Revolution der Ausgestoßenen erhoben, und darauf hat er sich bezogen, und er hatte eine genaue Tatplanung gemacht, war aber selbst in der Krisensituation.

Und heute wissen wir eben, wie solche Menschen in solchen Situationen funktionieren – etwas besser durch Analyse, durch Präventionsprojekte. Wir sind etwas besser aufgestellt, obwohl das in Erfurt wenig hilft. Denn viele leiden bis heute unter der Traumatisierung dieser Tat.

radioeins: Können Sie denn direkt sagen, dass beispielsweise Erfurt die Tür zu Winnenden 2009 dann aufgestoßen hat? Gibt es da einen direkten Zusammenhang?

Prof. Dr. Zick: Ja, das ist modern für solche Tötungsdelikte. Es gibt eine Heroisierung. Es gibt eine Traditionalisierung, das heißt, wir haben nicht nur einfach Nachahmungstaten bei all diesen Taten, die dann auch ideologisch motiviert sind. Denn der Täter hinterlässt etwas. Eine Botschaft. Er hat sich vorher beschäftigt. Er stellt sich in eine Tradition, wird von anderen dann verherrlicht. Da bilden sich Traditionslinien aus, und insofern sind es nicht einfach nur Nachahmungstaten, sondern so etwas steckt an. Da gibt es eine Linie. Mittlerweile wird es noch viel komplexer, weil wir haben neue Gruppen, gerade in Social Media, in digitalen Netzwerken. Das wird dort eben eingebaut in Netzwerke, die sich miteinander verbinden. Wir kennen jetzt Incel-Gruppen – also junge Männer, die sich unterdrückt fühlen von Frauen und so weiter. Das verbindet sich jetzt mit modernen, extremistischen Ideen. Insofern ja, das bildet dann eben solche Linien aus.

radioeins: Stichwort moderne, extremistische Ideen. Eine ältere Idee, auch mit extremen Folgen, ist ja die, im Grunde genommen ein großrussisches Reich zu retablieren. Putin und seine Soldateska, die im Prinzip ja auch gerade Amoklaufen, Zivilisten töten, und zwar in bislang unbekannter, aber sehr hoher Zahl, ist das miteinander vergleichbar? Oder sagen Sie: Nein, das ist dann eben doch noch mal ein Unterschied, ob sowas staatlich sanktioniert ist.

Prof. Dr. Zick: Also das ist ja staatliche Gewalt und auch staatlicher Terror, der in der Ukraine ausgeübt wird. Und natürlich hat der eine andere Organisationsform. Aber wenn wir uns angucken, was Putin zum Beispiel am 22. Februar dort in seiner Rede an die Nation gesagt hat, wenn wir uns angucken, wie er Soldatinnen und Soldaten sozialisiert, wie die Menschen radikalisiert werden, da finden wir auf einer psychologischen Ebene durchaus Vergleichbares. Wir haben auch dort eine Radikalisierung, eine Vorbereitung von Gewalt, eine Entmenschlichung der Opfer, eine genaue Planung also, wie dort auch in Russland Menschen ausgebildet werden für das Töten. Das funktioniert nach ähnlichen psychologischen Mechanismen. Und wenn wir uns so einen modernen Führer wie Putin angucken, der ist nicht mehr der klassische Regierungspräsident, der Regierungsgeschäfte führt und nur einfach einen Krieg führt, sondern das wird verbunden mit einer großen Propaganda, wird verbunden mit überbordenen Selbstwertideen, das finden wir in solchen kleinen wie im Großen. Wir finden da auf einer sozialpsychologischen Ebene Parallelen, weil es geht um Radikalisierung in die Gewalt hinein.

radioeins: Jetzt haben wir das gemacht, was für gewöhnlich kritisiert wird, nämlich wir haben vor allen Dingen über die Täter gesprochen und noch gar nicht über die Menschen, die Gewalt erlebt haben, die überlebt haben. Wie kommen die wieder auf die Beine? Gibt es dafür mittlerweile Rezepturen?

Prof. Dr. Zick: Ja, wir haben Traumabehandlung. Wir wissen jetzt nach Erfurt, dass noch einige immer noch traumatisiert sind. Das heißt, wir müssen aus Erfurt lernen. Wir müssen die psychologische Krisenhilfe, die Bearbeitung von Traumata, die dauern 20 Jahre. Das Leiden wird weiter tradiert. Die Gewalterfahrung, die in Erfurt gemacht worden ist, wird an nächste Generationen weitervermittelt. Und da fehlt es. Wir müssen vielmehr in diese psychologische psychotherapeutische Hilfe hinein, denn Traumatisierung dauert wahnsinnig lange und in Erfurt haben viele Hilfe bekommen, aber viele haben eben auch nicht genügend Hilfe bekommen, denn wir haben ja noch andere, viele solcher Taten.

Das Interview führte Volker Wieprecht.