Corona und der neue Alltag

"Dieser Zeitwohlstand, den die Menschen jetzt genießen, ist relativ prekär"

Interview mit dem Soziologen Jürgen Rinderspacher

Das letzte Jahr war alles andere als normal. Die Pandemie hat unseren Alltag völlig verändert und damit auch unseren Umgang mit Zeit. Da das eigene Heim für viele momentan der Lebensmittelpunkt ist, fällt die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben vielen schwer.

Gedanken an die Zeit
Gedanken an die Zeit | © imago images / Ikon Images

Das bedeutet Überstunden, nicht abschalten können. Hinzu kommt bei einigen auch noch die Betreuung der Kinder. Auf der anderen Seite fallen vielen soziale Verpflichtungen weg, auch das kann Zeit sparen und mehr Freizeit schaffen.

Doch was bedeutet dieser veränderte Umgang mit Zeit? Und können wir durch die Pandemie auch etwas für die Zeit danach lernen? Der Soziologe Dr. Jürgen Rinderspacher forscht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema Zeit und hat sich auch in Bezug auf Corona einige Gedanken gemacht.

Gedanken an die Zeit
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Guten Morgen, Herr Rinderspacher. Nun hat ja der Tag auch schon vor der Corona-Pandemie 24-Stunden gehabt. Was ist jetzt genau anders?

Jürgen Rinderspacher: Der Tag hat nach wie vor 24 Stunden. Aber wir binden unsere Zeit anders. Also die Zeit vergeht ja auch ohne unser Zutun. Und was wir tun, wenn wir handeln, das ist, dass wir binden, unsere Zeit an die eine oder die andere Sache, also an Arbeit oder Freizeit, an Sport oder Büro und an bestimmte Orte, an bestimmte Personen. Und was sich verändert hat, ist eigentlich die Struktur unseres Zeitbudgets. Vieles von dem - und das ist eben sehr einschneidend - was wir früher gemacht haben, können wir nicht mehr machen. Dadurch verändern sich natürlich ganz nachhaltig unsere Zeitmuster. Und das ist ja ein Teil unserer Identität, also bestimmte zeitliche Gewohnheiten, Zeit-Rhythmen, das, was wir lange oder kurz machen, wo wir uns viel Mühe geben oder wenig Mühe. Das alles hat sich verändert und wird sich ja nun wohl weiter nachhaltig verändern.

Weiß man eigentlich, was die Menschen machen mit der Zeit, die sie sonst im Fitnessstudio verbracht hätten, im Kino, im Theater, in den Clubs und Discos, in den Tausenden von Kneipen und Restaurants. Eigentlich müssten wir doch alle längst Zeitmillionäre sein - oder?

Ja, das sind wir zum Teil. Auch wenn man einer Studie der TU Berlin glauben darf, dann haben 45 Prozent der Beschäftigten mehr als drei Stunden frei verfügbare Zeit am Tag gewonnen.

Arbeiten sie nicht weniger?

Durch Kurzarbeit, durch Homeoffice, durch unterschiedliche Strukturen, der Zeitverwendung und so weiter. Und interessanterweise haben die Forscher herausgefunden, dass zum Beispiel sehr viel länger geschlafen wird. Also Menschen nutzen unter anderem die Zeit, um endlich mal auszuschlafen. Wir haben ja seit Jahren eine Diskussion darüber, dass die Menschen in Deutschland und in anderen hochindustrialisierten Ländern viel zu wenig schlafen, einfach durch das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, durch die Entgrenzung der Arbeit und so weiter. Und die Menschen nutzen das nach diesen Ergebnissen dazu, dass sie viel und länger schlafen. Und sie nutzen es dazu, dass sie Dinge, die sie normalerweise eher hektisch tun, entschleunigt tun, dass sie sich gar nicht so viel neue Dinge tun, sondern dass sie die Dinge, die sie sowieso tun, alle entspannter und relaxter tun mit mehr Zeit, mit weniger Zeitenintensität, weniger Doppeltätigkeiten und ähnlichen Dingen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, der Tag vergeht genauso schnell. Und ich habe immer noch zu wenig Zeit für alles, was ich eigentlich tun könnte.

Ja, das Zeitgefühl ist natürlich etwas, was sehr subjektiv ist. Andererseits gibt es aber auch objektive Faktoren. Eine englische Studie hat zum Beispiel herausgefunden, dass Menschen, die wenig sozial eingebunden sind, vor allem auch Ältere, gestresst sind, das deren Zeit wesentlich langsamer vergeht als Menschen, die sozusagen mitten im Leben stehen, die voll ausgelastet sind. Und das kennen wir auch vom sogenannten Fahrstuhleffekt: Das sind nur wenige Sekunden, die wir fahren. Aber sie kommen uns ewig vor. Das ist also eine Problematik, die wir jetzt auf Dauer auch noch länger sehen werden.

Das wäre meine nächste Frage, der Ausblick. Was glauben Sie, was bleibt von all diesen Veränderungen? Normalerweise sind wir Menschen doch nicht so leicht aus der Gewohnheit zu bringen von einem Corona-Jahr. Oder?

Wie ich anfangs bereits erwähnt habe, sind unsere persönlichen Zeitmuster ein Teil unserer Identität. Derzeit ist es eine ziemliche Stresssituation, die eintritt. Und wir vermeiden natürlich gerne solche Stresssituationen und versuchen, es auch wieder in alte Bahnen zurückzuführen. Auf der anderen Seite haben die Menschen, drei Stunden mehr Zeit und haben sich jetzt auch andere Zeitmuster angewöhnt. Sie haben erlebt, was es bedeuten kann, entschleunigt zu leben. Auf der anderen Seite wissen sie natürlich, wenn es wieder so wie früher wird, ist das nicht nur gut, sondern das bedeutet auch, dass sie natürlich wieder länger arbeiten müssen und wahrscheinlich noch viel länger arbeiten müssen, um dann die Kosten der Pandemie wieder volkswirtschaftlich einzufahren.

Das ist eine sehr ambivalente Geschichte. Die Menschen haben praktisch einen Sack voll Zeit vor die Füße geworfen bekommen - mit der Aufforderung, macht mal was draus. Auf der anderen Seite sind viele Dinge weggebrochen, die sie gerne gemacht haben. Freunde treffen, Fitnessstudio, Kirche oder was auch immer. Und das ist jetzt eine Übergangssituation. Insofern ist dieser Zeitwohlstand, den sie jetzt genießen, relativ prekär, weil man nicht weiß, wie lange er dauert. Und man ist auch nicht selbst daran beteiligt, ob der Zeitwohlstand so bleibt, sondern das sind Außeneinwirkungen, die man nicht kontrollieren kann, die dann auch wieder tief in das Zeitbudget eingreifen werden und alles wahrscheinlich so wieder werden lassen, wie es schon mal war.

Vielen Dank für das Gespräch!