Ökonomie

"Mit 500 Euro Kompensation kämen wir auf 90 Prozent Impfbereitschaft"

Angesichts der sinkenden Impfbereitschaft und der grassierenden Delta-Variante fordert die Ökonomin Dr. Nora Szech 500 Euro für alle, die sich gegen Corona impfen lassen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die sie in den USA durchgeführt hat.

Impfausweis © radioeins/Chris Melzer
Impfausweis | © radioeins/Chris Melzer

Dr. Nora Szech wollte herausfinden, was die Impfbereitschaft der Menschen positiv beeinflussen würde. Dafür hat sie zusammen mit ihrer US-Kollegin Marta Serra-Garcia in den USA mehr als tausend Testpersonen gefragt. Das Ergebnis: Prämien in Höhe von 100 Euro würden demnach zu einer Impfbereitschaft von 80 Prozent führen. Bei 500 Euro Prämie soll sogar eine Impfquote von 90 Prozent möglich sein.

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Zuckerbrot oder Peitsche, oft sind das ja die beiden Pole, zwischen denen die Politik abwägen muss. Wozu raten Sie?

Eindeutig Zuckerbrot. Wir sehen einfach, dass sehr viele Menschen sich abholen lassen, wenn es eine Entschädigung, also ein Impfbonus, für das Impfen gibt. Und das sollten wir nutzen.

Sie können das sogar belegen. Sie haben nämlich eine Studie dazu durchgeführt in den USA. Was genau war das Ziel? Was wollten sie herausfinden?

Wir haben in den USA und auch in Europa Studien dazu durchgeführt. Wir wollten zum einem wissen, was ein einfacher Zugang zur Impfung bewirken kann, denn in Deutschland ist oft schwer zur Impfung zu kommen. Es wird jetzt ein bisschen besser, aber es ist insgesamt doch anstrengend. Zum anderem wollten wir auch sehen, was es hilft, wenn wir den Aufwand kompensieren - also Impfprämien anbieten. Wir sehen im Ergebnis, dass ein einfacher Zugang hilft. Damit holt man auf jeden Fall einige Leute ab. Aber mit zusätzlichen Kompensationen kommt man dann noch richtig viel weiter. Wir kommen sogar fast Richtung 90 Prozent Impfbereitschaft, wenn 500 Euro Kompensation angeboten wird.

Sie haben natürlich zunächst gefragt, wie hoch die Impfbereitschaft ohne jegliche Kompensation überhaupt ist. Was war das für einen Wert?

Ja, dieser Wert ist ja in diversen Ländern der Standard gewesen. Also war das für uns auch der natürliche Ausgangspunkt. Und da bekommen wir eine Impfbereitschaft von knapp 70 Prozent, wenn der Zugang sehr einfach ist, dann ein kleines bisschen über 70 Prozent. Aber mehr ist es nicht.

Dann haben Sie Geld geboten. Ab wann wurde es interessant für die Leute? Wann haben die, die bisher nicht bereit waren, sich impfen zu lassen gesagt: "Okay, jetzt lasse ich mich auch impfen"?

Also solange sie nicht ganz, ganz wenig Geld anbieten, ist es für die Motivation auf jeden Fall nicht schädlich. Schlecht ist nur so etwas wie zehn Euro anzubieten. Das kann sich einfach abwertend anfühlen. Der Grund ist sicherlich auch, dass die Impfung einen enormen gesellschaftlichen Wert hat. Das ifo Institut schätzt diesen Wert auf 1500 Euro für die Gemeinschaft. Wenn sie dann jemanden davon zehn Euro abgeben, fühlt sich das irgendwie unpassend an. Sobald wir etwas mehr anbieten, steigt die Motivation zuverlässig. Also hundert Euro reichen schon, um von 70 auf etwa 80 Prozent Impfbereitschaft zu kommen. Wenn sie noch mehr Geld anbieten, dann bekommen sie noch mehr Leute an Bord.

Bei 500 Euro stieg es dann von 70 auf 90 Prozent. Wie bewerten Sie das? Sind Impfgegner bestechlich? Lassen Sie sich von ihren Prinzipien abbringen? Denn das waren ja alles Leute, die sich impfen lassen für 500 Euro, die vorher gesagt haben: "Ohne mich!".

Das sind sicherlich keine harten Impfgegner. Das sind Leute, die sich den Aufwand nicht machen möchten, wenn es dafür keine Entschädigung gibt. Das sind Leute, die eben nicht anrufen, um noch an einen Impftermin zu kommen. Aber das sind generell keine Hardliner, die die Impfung total ablehnen.

Nun gibt es ja auch den umgekehrten Weg: Die Peitsche. Die hat Frankreichs Präsident Macron rausgeholt, als er diese Woche eine Impfpflicht für das Pflegepersonal angekündigt hat und Tests oder andere Nachweise für den Einlass in sehr viele Einrichtungen. Und er hat gesagt, dass diese Tests für Nicht-Geimpfte dann auch nicht mehr kostenlos sein werden. Der Effekt innerhalb von 24 Stunden: 926.000 Franzosen haben einen Impftermin vereinbart. So geht es offenbar auch, oder?

In Frankreich ist ja die Schätzung, dass man 95 Prozent der Menschen geimpft haben muss, um mit Corona klarzukommen und 95 Prozent ist natürlich verdammt viel. Da ist dann eben die Überlegung, dass das ohne Pflicht einfach niemals zu schaffen ist. Bei uns steht eine andere Überlegung dahinter. Das Robert Koch-Institut geht jetzt von 85 Prozent Impfbereitschaft aus und die Hoffnung ist, damit Corona unter Kontrolle zu bringen. Das heißt, hier habe ich auch einen gewissen Spielraum, um über Alternativen überhaupt nachzudenken.

Ja, aber Macron hat ja diese Impfpflicht nur angekündigt. Sie gilt noch gar nicht in Frankreich und schon haben 926.000 Franzosen gesagt: "Okay gut, dann mache ich das". Wie erklären Sie sich das?

Naja, die müssen dann ihre PCR-Test selbst zahlen und kommen sonst nicht in die Shopping-Mall rein.

Ist das nicht der bessere Weg, Leute zum Impfen zu kriegen?

Das ist, glaube ich, eine gesellschaftliche Frage. Dass eine Impfpflicht wahrscheinlich eine hohe Impfquote beschert, davon kann man ausgehen. Es wäre nun mal eine Pflicht. Es ist eine gesellschaftliche Frage, ob wir die haben möchten oder nicht, oder ob wir die in bestimmten Bereichen haben möchten. Frankreich hat das ja jetzt für das Gesundheits- und Pflegewesen implementiert. Und für die gesamte Gesellschaft ist es noch keine richtige Pflicht, aber es wird teuer für die Menschen, die sich nicht impfen lassen, ob sie das haben möchten oder nicht. Es ist wirklich eine Frage, die man ethisch und politisch klären muss. Frau Merkel hat ja für den Moment gesagt, dass es nicht im Raum steht. Aber es gibt immer mehr Länder, die an Impfpflichten denken oder auch einführen. Italien Griechenland haben das ja auch schon für den Gesundheitssektor eingeführt.

Also ich kann Ihnen auf jeden Fall sagen: Ich würde lieber Ihre 500 Euro nehmen und sage an dieser Stelle Danke an die Ökonomin Prof. Dr Nora Szech vom Karlsruher Institut für Technologie, die sich gefragt hat, wie man die Impfbereitschaft der Menschen ein wenig erhöhen kann.