Sa 08.05.
2021
10:10

Wissenschaft

Mütter in der Krise

Eltern sind in der Corona-Pandemie mehr gefordert denn je. Gerade in Zeiten des Lockdowns ersetzen sie Freunde, Kita und Schule. Doch gilt das für Väter und Mütter gleichermaßen? Oder sorgt die Krise dafür, dass Familien noch stärker in klassische Rollenmuster fallen?

Ein Kind sitzt an einem Küchentisch und löst Aufgaben in einem Schulheft. Im Hintergrund sitzt die Mutter und arbeitet im Homeoffice.
Ein Kind sitzt an einem Küchentisch und löst Aufgaben in einem Schulheft. Im Hintergrund sitzt die Mutter und arbeitet im Homeoffice. | © IMAGO / Fotostand

Prof. Dr. Heike Ohlbrecht von der Universität Magdeburg hält die Krise eher für ein Brennglas, unter dem Ungleichheiten stärker sichtbar werden, die vorher schon da waren. Fakt ist, dass die unbezahlte Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen nicht gleichmäßig oder gerecht aufgeteilt ist. Frauen sind deutlich mehr belastet in der Krise.

Ein Kind sitzt an einem Küchentisch und löst Aufgaben in einem Schulheft. Im Hintergrund sitzt die Mutter und arbeitet im Homeoffice.
IMAGO / Fotostand
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Wie geht es den Menschen seit Corona? Wie wirkt sich die Pandemie auf ihren Alltag und ihre Gesundheit aus? Das wollten sie herausfinden. Bislang lautet die gängige Erzählung, die Mütter würden durch die Pandemie zurückgedrängt in alte Rollenmuster. Ist das auch Ihr Ergebnis?


Ja, diese These, die wir in den Sozialwissenschaften auch als These der Retraditionalisierung bezeichnen, wird durchaus kontrovers diskutiert. Wir sehen in unserer Studie durchaus Anzeichen für eine Art der Retraditionalisierung in dem Sinne, dass Frauen, hier insbesondere Mütter, wieder stärker in die Rolle der Verantwortlichen für Haushalt und Kinder gedrängt werden. Wir sehen aber auch, dass wir eine – ich nenne es mal – kleine Aufholjagd der Väter bei der Kinderbetreuung beispielsweise haben. Und bei beide Phänomenen fragen wir uns natürlich: Sind das Übergangsphänomene oder langfristige Trends? Das bleibt erst einmal abzuwarten.

Was genau hat sich für die Mütter verändert? Was konnten sie feststellen?


Ja, für die Mütter hat sich doch viel verändert, weil sie viel stärker als vor der Pandemie für die Kinderbetreuung verantwortlich sind. Wir wissen, die Kitas hatten geschlossen, die Institution der Kinderbetreuung, die Kontakte zu den Großeltern sind nicht mehr so ohne weiteres möglich. Im Haushalt fallen viel mehr arbeiten als im Vorjahr an durch Kochen, Einkaufen - all diese Dinge. Für die Mütter hat sich die Arbeitsbelastung auf jeden Fall potenziert. Das sehen wir, und das führt doch starken Belastungen für die Mütter.

Warum machen die Mütter das denn? Trauen die das den Vätern nicht zu und machen es lieber alleine oder verweigern sich die Väter dieser Arbeit?


Ich glaube, es ist von allem etwas. Wir haben natürlich auf einer gesellschaftlichen Ebene auch starke Rollenmuster. Diese können wir nicht einfach abschütteln. Die sind ja ganz tief verankert – habitualisiert nennen wir das, einsozialisiert, sind uns quasi zur zweiten Haut geworden. Und da haben wir ja Vorstellungen, dass Mütter eher Sorge-Tätigkeiten übernehmen, dass irgendwie auch besser können, und es ihnen vielleicht einfacher von der Hand geht, Mütter selber auch glauben, dass sie das besser machen als Väter. Das sehen wir. Es sind aber auch viele strukturelle Gründe, die dazu führen, dass die Mütter in diese Rolle gedrängt werden und Sorgearbeit ganz einfach auch ganz unterschiedlich wahrgenommen wird, als auch weniger geschätzt wird und dadurch auch weniger honoriert. Und Frauen da dann in eine Falle tappen. So möchte ich das mal nennen.

Übernehmen die Väter denn zum Ausgleich andere Aufgaben oder liegen die faul auf der Couch, während Mutti in der Küche schuftet?


Das kann man natürlich nicht so pauschalisieren. Es gibt durchaus Bewegung in der Verteidigung der Hausarbeit. Aber es ist schon so, es gibt eher traditionell Bereiche, wo die Mütter zuständig sind. Kinderbetreuung übernehmen die Väter mehr als früher, das sehen wir. Aber ansonsten so handwerkliche Dinge, das ist auch etwas, was man eher den Männern zu schreibt.

Wie schätzen denn die Mütter ihr persönliches Glücksempfinden ein?


Ja, wir haben Daten. Wir können vergleichen, wie Mütter sich im Ersten im Lockdown fühlten und im zweiten Lockdown. Dort sehen wir, dass die psychosozialen Belastungen zunehmen je länger dieser Lockdown anhält und auch das Glücksempfinden immer stärker abnimmt. Wir sehen auch große Unterschiede zwischen befragten Männern (Vätern) und befragten Frauen (Müttern). Frauen sind immer circa um zehn bis 15 Prozent allgemein belasteter und weniger glücklich und auch erschöpfter als Väter und Männer.

Nun könnten Frauen das ja theoretisch ändern, sage ich jetzt mal ganz naiv, und ihren Kindsvätern sagen: Hör mal zu, mir geht es nicht gut, so läuft das nicht mehr, wir müssen reden, wir müssen etwas ändern. Warum tun sie das nicht?


Ich denke, das tun sie nicht, weil es eben nicht so einfach auf der individuellen Ebene zu lösen ist. Das sind Probleme, die jetzt in der Corona-Krise auftauchen, die nicht individuell verursacht sind, sondern strukturell unser Wirtschaftssystem, Bildungssystem. Alle ruhen darauf auf, dass die Mütter einen Großteil der Verantwortung übernehmen. Und deshalb können die Mütter das auch nicht einfach individuell lösen. Man kann natürlich in der Situation der Partnerschaft, würde ich immer raten, dass man aushandelt, dass man gemeinsam spricht und, dass Mütter auch bereit sind Arbeit abzugeben. Und dann natürlich auch immer hinnehmen, wenn die Väter das nicht so gut machen, wie die Mütter sich das vorgestellt haben. Aber allein auf der individuellen Ebene können wir das nicht lösen.