Pandemie

Wie der Corona-Impfstoff wirkt

Das Mainzer Unternehmen Biontech gab am Montag bekannt, einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt zu haben, für den schon Ende November eine Zulassung beantragt werden soll. Der Schutz liegt bei vielversprechenden 90 Prozent.

Das Coronavirus gesehen durch eine Glaskugel auf einer Frauenhand © imago images/MiS
Das Coronavirus gesehen durch eine Glaskugel auf einer Frauenhand | © imago images/MiS

Allerdings stehen langfristige Studien noch aus. Trotzdem ist der Hoffnungsträger mit dem Namen "BNT162b2" schon jetzt eine sehr gute Nachricht, sagt Prof. Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité.

Er erklärt uns auch, wie der Impfstoff wirkt.

Das Coronavirus gesehen durch eine Glaskugel auf einer Frauenhand © imago images/MiS
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Damit wir nichts durcheinanderbringen: Was genau wurde da am Montag verkündet? Also welcher Schritt in der Impfstoffentwicklung ist das?


Ja, es war im Prinzip erst mal nur eine Pressemitteilung. Das heißt die beteiligten Firmen, die diesen Impfstoff entwickeln und erproben jetzt, die haben eine Interimsanalyse, also eine Zwischenauswertung von der laufenden Phase-3-Studie vorgestellt. Also diese klinische Erprobung von Impfstoffen läuft in drei Phasen.

In einer ersten Phase werden gesunde Probanden mit dem Impfstoff behandelt, um zu sehen, wie die Verträglichkeit ist, manchmal muss man auch noch mal gucken, welche Dosis muss man einsetzen. In der zweiten Phase weitet man das dann aus, dann schaut man auch schon auf weitere Parameter. Und in dieser dritten Phase werden dann sehr, sehr viele Probanden rekrutiert in die Studie und werden mit dem Impfstoff behandelt oder eben einem Placebo. Und dann guckt man wirklich nach der Wirksamkeit, und das ist das, was vorgestellt wurde.

Man hat eine Zwischenauswertung gemacht, nachdem es bei 94 Fällen von über 40.000, die in der Studie waren, zu einer nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektion gekommen ist. Und dann hat man das entblindet und sich angesehen, wie viele von den 94 Fällen hatten denn den Impfstoff und wieviel hatten das Placebo. Und dabei stellte sich eben raus, dass die überwiegende Mehrheit derjenigen, die eine Infektion bekommen haben, mit dem Placebo geimpft waren. Daraus könnte man schließen, dass der Impfstoff wohl, das waren die Angaben, die gemacht wurden, über 90 Prozent effektiv ist.

Aber das ist noch lange nicht abgeschlossen diese Phase drei, da fehlen noch viele Tausende, die ausgewertet werden müssen, kann sich daran noch etwas ändern?


Also ich glaube, dass sich an der Wirksamkeit nicht mehr sehr viel ändert. Klar muss man abwarten, das war jetzt auch ein kurzer Beobachtungszeitraum. Man hat sieben Tage nach der zweiten Dosis, dieser Impfstoff muss zweimal gespritzt werden, hat man sich diese sieben Tage danach angesehen, wie viele Leute haben dann in der Zeit eine Infektion bekommen, das wird jetzt auch noch einmal ausgeweitet. Viele andere Studien schauen 14 Tage an und es fehlten, wie sie auch schon sagen, noch ein paar weitere Probanden. Aber ich glaube nicht, dass sich das wesentlich verändern wird. Vielleicht selbst, wenn es sich ein bisschen nach unten korrigiert, ist das immer noch ein richtig guter Wert.

Sie sagen, der neue Impfstoff braucht zur Wirksamkeit zwei Impfungen. Ich nehme mal an, das erklärt auch die großen Mengen an Impfdosen, die die EU jetzt schon bestellt hat. Aber warum wirkt das erst nach der zweiten Impfung? Was für ein Prinzip steckt dahinter?


Ja, das hat mit unserem Immunsystem zu tun, das mit einer Impfung regen wir unser Immunsystem an, ein Immungedächtnis auszubilden und dieses Immungedächtnis, damit er sich ausbilden kann, braucht relativ lang das sogenannte Antigen, also das ist dieses Molekül dann von einem Erreger, wie jetzt im neuen Coronavirus, das muss für eine ganze Weile vorhanden sein, damit das Immunsystem ein Gedächtnis ausbildet oder, wenn dieses Antigen in ein zweites Mal auftaucht. Das Immunsystem, das also ein zweites Mal kurz nacheinander sieht, dann stimuliert das sehr gut zu einem Immungedächtnis und verstärkt auch noch mal die Antwort. Das nennt man auch Neudeutschland „prime-boost“. Und es ist ein sehr oft genutztes Regime, um zu impfen. Und fast alle Impfstoffe, die zurzeit entwickelt werden, bauen auf diesen Zweitrunden auf. Es gibt auch einige, die eine Injektion brauchen, aber häufig braucht man eben diese zwei.

Also dann kann ich davon ausgehen, dass unser Immunsystem für die Influenzaviren, also für die normale Grippe hat sie bereits ein Gedächtnis und darum brauchen wir nur eine Impfung, wenn wir uns gegen Grippe impfen lassen?


Ja, das hat mehrere Gründe. Aber wir können in der Tat ein bisschen auf dem aufbauen, was wir schon mit vorherigen Impfungen aufgebaut haben, weil wir immer nur ein bisschen noch wieder an dem Impfstoff verändern, weil sich das Virus immer wieder so ein bisschen verändert. Aber das hat auch zum Teil logistische Gründe. Und es gibt durchaus auch Überlegungen, dass man zum Beispiel eine höhere Dosis geben sollte von dem Influenza-Impfstoff - zum Beispiel, um auch bei älteren Menschen eine noch bessere Impfantwort zu erzeugen.

Und darüber wollte ich auch mit ihnen reden. Die Wirksamkeit 90 Prozent, das haben viele als Sensation empfunden, bei dem neuen Impfwirkstoff gegen Sars-CoV-2. Kennen Sie viele Impfstoffe, die eine so hohe Wirksamkeit haben?


Ja, es gibt schon eine Reihe Impfstoffe, die in den Bereich kommen. Bestes Beispiel wäre zum Beispiel der Masern-Impfstoff. Der ist ganz fantastisch. Der hat eine Wirksamkeit von um die 95 Prozent. Auch Röteln ist ein sehr, sehr effektiver Wirkstoff. Aber auch ältere Impfungen, wie Tetanus und Diphtherie, schneiden sehr, sehr gut ab. Aber bei Atemwegsinfekten, die Impfstoffe, die wir da kennen, die liegen eigentlich deutlich darunter, also zum Beispiel der Grippe-Impfstoff oder auch gegen Pneumokokken, die Lungenentzündung auslösen können, da liegt man deutlich darunter. Von daher liegen wir, wenn das sich bestätigt mit den 90 Prozent, in einem sehr, sehr guten Bereich.

Ich habe sogar gelesen, die Zahlen vom Robert Koch-Institut, die sagen, dass eine Grippe-Impfung viel weniger wirksam ist in der Saison 2018/19 soll sie nur zu 21 Prozent wirksam gewesen sein, das sagt sie schon einiges aus. Glauben Sie, dass für uns, wie gegen die Grippe, auch jetzt jedes Jahr impfen lassen müssen gegen Sars-CoV-2?


Nein, mit der saisonalen Grippe ist das ein Sonderfall, weil die sich eben jedes Jahr ein bisschen ändert. Und dann müssen immer Vorhersagen gemacht werden, dass man sagt: Okay, am wahrscheinlichsten ist es, dass dieser und jener Stamm zirkulieren wird. Und dann wird der Impfstoff schon angefangen zu produzieren, und in der besagten Saison lag man da ein bisschen daneben. Und deswegen war der Impfschutz auch nicht so gut. Bei den Coronaviren ist es so, die verändern sich nicht so schnell. Die haben bestimmte Enzyme, die aufpassen, dass, wenn das Virus sich vermehrt, dass da nicht zu viel Fehler eingebaut werden. Und daher verändert sich das Virus nicht so schnell. Also ich glaube, wenn wir eine Impfung haben und die wirkt, dann zeigt die Erfahrung, dann bleibt der Impfschutz in der Regel auch einige Jahre bestehen, sodass wir dann nicht jedes Jahr eine neue Impfung brauchen. Das wäre meine Prognose.