Sa 28.11.
2020
11:40

Wissenschaft

Corona-Schulstudie: Ergebnisse der dritten Testphase

"Es gibt noch vieles, was wir tun können, bevor wir die Schulen einfach gnadenlos alle zu machen."

Am Mittwoch haben Bund und Länder in einer mehrstündigen Online-Konferenz über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten. Bestehende Maßnahmen wurden über den November hinaus verlängert und teilweise verschärft. Relativ unberücksichtigt blieben dabei die Schulen.

Ein Mundschutz liegt auf einem Lehrertisch. ©imago images/Michael Weber
Ein Mundschutz liegt auf einem Lehrertisch. | © imago images/Michael Weber

Regelungen wie eine Maskenpflicht oder Hybridunterricht sind weiterhin nur Empfehlungen. Dabei zeigen die neuesten Infektionszahlen: Es ist ernst. Zuletzt wurden an einer Grundschule in Sachsen 63 Corona-Infektionen bei Schüler*innen und Lehrkräften festgestellt.

Prof. Dr. Wieland Kiess, Medizinwissenschaftler an der Uniklinik Leipzig, leitet bereits seit Mai eine großangelegte Studie zum Infektionsgeschehen an Schulen. Über die Ergebnisse der dritten und letzten Testphase spricht er im Interview mit Stephan Karkowsky.

Ein Mundschutz liegt auf einem Lehrertisch. ©imago images/Michael Weber
imago images/Michael Weber
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Herr Kiess, sie haben 18 Grundschulen und Gymnasien in fünf sächsischen Städten auf Corona getestet, also Lehrer und Schüler, und das in drei Phasen - einmal im Mai, dann nach den Sommerferien und nach den Herbstferien. Können Sie denn bestätigen, was Müller sagt: Zu Hause ist es gefährlicher?


Ja, absolut. Folgende Daten haben wir erhoben. Im Mai-Juni gab es in Sachsen bekanntermaßen bei Erwachsenen kaum Corona-Fälle. Wir haben in unserer Studie an 2600 Kindern und Lehrern null Infizierte gesehen. Im Mai. Im September waren tatsächlich in Sachsen die Prävalenzen, also die Häufigkeit von Corona, deutlich ansteigend. Wir haben in unserer Studie von 2600 Kindern und Lehrern dieselben Kinder und Lehrer wieder getestet, einen positiven 14-jährigen Schüler gehabt. Und jetzt, die Daten stammen von gestern Abend, sind also gerade fertig geworden mit der dritten Runde unserer Studie, 2465 Probanden getestet davon sind 26 positiv. Sie wissen aber wahrscheinlich alle aus Zeitungen und Radio und Fernsehen, Sachsen hat inzwischen leider den höchsten Anstieg an Corona-Infektionen, sodass wir eigentlich quasi nur zeigen, dass jetzt die Kinder langsam nachrücken. Aber immerhin haben wir circa ein Prozent, das entspricht ungefähr jetzt der Bevölkerung, positive Kinder und Lehrer. Ja, absolut, bis auf zwei Cluster an Schulen, sind das alles Einzelfälle also auch nicht in Schulen, sondern in Klassen sind es Einzelfälle, wo man zurückverfolgen kann, dass es aus der Familie und aus dem Freundeskreis kommt.

Sie haben auch die psychologischen Auswirkungen der Corona-Pandemie untersucht, auf die Kinder und Jugendlichen. Die wird ja von der Opposition im Bundestag immer ganz besonders betont. Das ist denen ganz, ganz schlecht geht. Was haben Sie herausgefunden? Also, was vermissen die Kinder und Jugendlichen am meisten?


Also in der Zeit, in der die Schulen in Sachsen geschlossen waren, haben die Kinder tatsächlich gesagt unsere Lebensqualität, wir haben entsprechende Fragebogen-Instrumente von Psychologen entwickelt, ganz schlecht geworden. Wir vermissen vor allem unsere Freunde. Wir vermissen den direkten Kontakt zu unseren gleichaltrigen, wir vermissen Nähe. Und, ganz überraschend für mich, weil wir uns viel wissenschaftlich mit dem Nutzen von Smartphones und modernen Medien von Kindern beschäftigen, die haben gesagt, es geht uns langsam - minder gesagt - auf den Keks immer nur am Smartphone zu sein. Wir möchten wirklich real, unsere gleichaltrigen, unsere Freundinnen und Freunde sehen. Ganz spannend für mich war auch, dass sich Kinder tatsächlich Sorgen machen in der Corona-Krise. Und zwar um ihre Eltern und ihre Großeltern. Und, da sind sie vielleicht klüger als viele von uns oder mancher von uns, sie machen sich Sorgen, dass es nie wieder wird wie vor Corona. Das waren klare Antworten. Und, dass es also nie wieder wird, wie vor Corona und, dass wir tatsächlich auch ein weltweites Problem haben. Also Kinder machen sich Sorgen um uns alle.

Natürlich machen die Cluster in bestimmten Schulen deutschlandweit extreme Schlagzeilen aus. Und da gab es diese Grundschule in Sachsen, Massentest, 63 Infektionen in Hamburg, eine Stadtteilschule fast hundert Infektion und so weiter, und trotzdem hat die Politik gesagt, wir lassen uns davon nicht beirren, die Schulen bleiben auf. Richtige Entscheidung?


Absolut. Also absolut richtige Entscheidung. Man muss einfach abwägen. Und natürlich noch mal, gibt es Infektionen, selbst in Kitas, aber die Zahl ist immer noch sehr gering, die Betroffenheit auch dann der Lehrer. Ich verstehe jeden Lehrer, der so alt ist wie ich, ich bin 62, und vielleicht dann Angst hat, sich selber zu infizieren. Aber man muss das gegeneinander abwägen und deswegen zum Beispiel Abstandsregeln, Klassen im Wechselunterricht, ich bin da auch kein Freund davon, und auch Pädagogen und Wissenschaftler sind kein Freund davon, aber irgendwann muss man das vielleicht dann doch einführen. Es gibt noch vieles, was wir tun können, bevor wir die Schulen einfach gnadenlos alle zu machen. Weil das schadet dem ganzen Land.

Wie sehr behindert eine Maskenpflicht Kinder und Lehrer, Schüler und Lehrer. Was würden Sie da sagen?


Wir müssen da härter darauf antworten, und das tue ich jetzt überhaupt nicht. Natürlich versteht man sich, ich nuschele sowieso ein bisschen, also, wenn ich noch eine Maske trage, da ist es wirklich schwierig mich zu verstehen, das ist das Einzige, was ein Problem sein kann. Aber, wenn ich höre und lese, dass Kinder wegen der Maske an Sauerstoffmangel leiden sollen, dass sie eine CO2-Vergiftung kriegen sollen, das ist völliger Blödsinn. Das ist wirklich respektlos gegenüber schwerkranken Kindern, die seit Jahrzehnten zum Beispiel, wenn sie nicht Krebserkrankung überstehen, eine Maske tragen müssen, im Alltag, um sich zu schützen vor Infektionen. Kinder mit Mukoviszidose, einer seltenen angeborenen Erkrankung, die mit schweren Lungenveränderungen einhergehen kann, diese Kinder tragen seit Jahrzehnten in der Schule Masken, und keines davon verblödet. Noch eine kleine Pointe: unsere tollen Unfallchirurgen müssen im OP natürlich Masken tragen. Das macht man seit einem Jahrhundert, und ich kenne nun wirklich keinen Unfallchirurgen, der im Laufe seiner Berufsausübung dumm geworden ist, wegen Sauerstoffmangel. Also, das ist Blödsinn, meine Enkelchen Fragen nach der Maske und haben besonders hübsche von ihren Eltern geschenkt bekommen.