Citizen-Science-Projekt

Gewitterforschung mit Hilfe von Bürger*innen in Brandenburg

Am Montag startete in Brandenburg eine großangelegte Messkampagne, die vom Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung (HErZ) initiiert wurde. Bürgerinnen*innen und Wissenschaftler*innen sollen dabei gemeinsam Gewitter erforschen.

Gewitter über einer Landstraße
Gewitter über einer Landstraße | © IMAGO / Ikon Images

Ziel des Projekts ist es, die Entstehung von Gewittern besser zu verstehen. Zusätzliche Daten sollen dafür auch selbstgebaute Wetterstationen aus Privatgärten liefern. Aktuell werden dafür noch Freiwillige aus der Region zwischen Bad Saarow, Beeskow, Großer Kossenblatter See gesucht. Die Kampagne findet bis zum 31. Juni statt.

Einer der Organisatoren ist der Meteorologe Prof. Dr. Henning Rust von der FU Berlin. Mit ihm sprach Stephan Karkowsky über das Projekt.

Gewitter über einer Landstraße
IMAGO / Ikon Images
Download (mp3, 7 MB)

 


 

Das Interview in voller Länge:


Karkowsky: Das Projekt soll den beteiligten Bürger*innen zeigen, wie schwierig Prognosen sind. Das klingt nicht nach dem größten Vertrauen in die eigene Zunft, Herr Rust?

Rust: Ja, das würde ich ein bisschen anders sehen. Die Meteorologie hat eigentlich Mitte des letzten Jahrhunderts verstanden, dass es die perfekte Vorhersage so nicht gibt, dass das System Atmosphäre komplex ist, dass wir viele Beobachtungen bräuchten, um unsere Vorhersagen immer besser zu machen. Und der Ausweg daraus ist Wahrscheinlichkeitsvorhersagen auszugeben.

Karkowsky: Da sagt man dann zum Beispiel eine Regenwahrscheinlichkeit von 20 Prozent voraus. Aber was sagt mir das?

Rust: Die Regenwahrscheinlichkeit von 20 Prozent für einen Ort, für einen Tag, sagt, dass es in 20 Prozent der Fälle, wo wir so eine Vorhersage machen, auch regnen wird.

Karkowsky: Ich weiß dann aber immer noch nicht, ob es regnet oder nicht!?

Rust: Sie wissen, dass es in 20 Prozent der Fälle regnen wird. Damit kann man auch schon arbeiten.

In dem Projekt sollen die "Cold Pools" (Kaltluftausflüsse) erforscht werden


Karkowsky: Gestartet ist das ganze Projekt schon. Was genau haben Sie vor?

Rust: Ja, das ist eine relativ große Messkampagne, wo wir uns für viele Prozesse interessieren, die auf kleinem Raum und in kleiner Zeit stattfinden. Im Prinzip so ein bisschen das, was Sie gerade in der Wettervorhersage gesagt haben, was jetzt gerade so passiert. Die Vorhersagemodelle, die werden ja immer kleinkörniger, da können wir immer kleinere Phänomene vorhersagen. Und da müssen wir jetzt aber auch mal ein bisschen was messen, auf dieser Raum- und Zeitskala. Das sind Böen, zum Beispiel, aber eben auch Gewitter. Und bei diesen Gewittern gibt es ein Phänomen, was die meisten vielleicht auch schon mal gemerkt haben, dass es so ein Kaltluftausfluss, wir nennen das „Cold Pool“, das ist so ein Schwall kalter Luft, der sich auf der Erde in der Nähe des Gewitters ausbreitet, den man auch spüren kann. In wenigen Minuten kühlt die Luft um mehrere Grad ab. Und das ist ein Phänomen, das kann auch wieder ein neues Gewitter auslösen. Um eben das besser zu verstehen und auch in die Modelle besser einzubauen, in die Vorhersagemodelle, möchten wir da jetzt mal messen.

Die Mitmacher*innen bekommen einen Bausatz mit einem Messgerät zugeschickt


Karkowsky:
Sie suchen jetzt noch Mitmacher*innen für das Messen aus der Region. Was müssen die mitbringen?

Rust: Wir haben schon relativ viele Geräte dazustehen. Es ist schon eine Größenordnung, 100-120 Geräte, und wir würden gerne noch mal 100 Geräte aufstellen. Und da würden wir gerne jetzt die Bürger*innen einbeziehen. Und die brauchen keine Thermometer und schreiben das auch nicht auf, sondern wir sind jetzt schon im 21. Jahrhundert, da kriegen die von uns einen Bausatz. Den Bausatz können sie, ich sag mal, vielleicht in einer knappen Stunde zusammenbauen. Und dann kriegen sie von uns auch noch Hilfe über einen digitalen Workshop, wenn sie die dann brauchen, dann stellen Sie das Gerät im Garten auf, machen die Batterie rein, es stellt eine Funkverbindung her zu unseren Geräten. Und im Idealfall sehen Sie dann im Internet-Browser die Messdaten von ihrer Station im Garten.

Karkowsky: Aus welcher Brandenburger Region sollten die Mitmacher*innen kommen? Wo hab ich gesehen?

Rust: Bad Saarow, Beeskow, Großer Kossenblatter See, das ist die Region, wo unsere Messkampagne stattfindet. Dort haben wir eine Handvoll Stationen aufgebaut, die die Messdaten empfangen können, die aus den kleinen Geräten für die Bürger, die dort gemessen werden.

Karkowsky: Wie anspruchsvoll ist die Teilnahme? Sind die Geräte bei mir im Garten wenig wartungsintensiv? Sprich werden die Daten digital übers Internet übertragen?

Rust: Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die Daten werden per Funk übertragen. Die kommen zu uns. Wenn alles gut geht, brauchen Sie auch die Batterie nicht nachladen. Das können sie durchaus mehrere Wochen in Ruhe stehenlassen. Und sie können dann, wenn sie im Urlaub sind, tatsächlich auch mal auf ihr Smartphone schauen und sehen, wie denn die Temperaturen in ihrem Garten sind.

Karkowsky: Die Gretchenfrage zum Schluss: Wann wird es, sie sagen wir leben im 21. Jahrhundert, wann wird es eine hundertprozentig sichere, kilometergenaue, minutengenaue Wetterprognose geben?

Rust: Dass sie hundertprozentig sagen, dass lässt ja schon darauf schließen, dass wir davon ausgehen müssen, dass es eben auch geringere Wahrscheinlichkeiten gibt, die wir vorhersagen. Die Meteorologie hat verstanden, dass es Wahrscheinlichkeitsvorhersagen geben muss. Und die hundertprozentige Vorhersage, die gibt es nur für sehr kurze Zeiträume. Je länger sie das Wetter vorhersagen, desto schwieriger wird es und desto unsicherer wird es. Und es ist an der Zeit, diese Unsicherheit auch mit zu kommunizieren. Und das geht mit Wahrscheinlichkeitsvorhersagen.


Es werden noch Teilnehmer*innen aus der Region zwischen Bad Saarow, Beeskow, Großer Kossenblatter See gesucht!

Link:
FESSTVaL 2021 - Die eigene Wetterstation bauen!