Wissenschaft

Atomkraft als Klimaretter? "Wir sind in einer Übergangsphase"

Mit dem Ausstieg aus der Atomenergie 2022 geht eine Ära zu Ende. Zum Jahreswechsel wurden drei deutsche Atomkraftwerke abgeschaltet, Ende 2022 sollen dann die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland folgen.

Kernkraftwerk Biblis © imago/Werner Otto
AKW Biblis | © IMAGO / Werner Otto

EU-weit wird über die Einstufung von Atomenergie und Erdgas als "grüne" Energien gestritten. Der Taxonomie-Entwurf der EU-Kommission, der diese Einstufung möglich machen würde, liegt schon vor. Eine Durchsetzung ist wahrscheinlich.

Stephan Karkowsky sprach mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Präsidenten des Leibniz-Zentrum für Wirtschaftsforschung Prof. Achim Wambach über die möglichen Auswirkungen der Taxonomie.

Kernkraftwerk Biblis © imago/Werner Otto
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Das Interview mit Prof. Achim Wambach in voller Länge:


radioeins: Ist das eine Milchmädchenrechnung, was die EU vor hat?

Wambach: Die EU muss sich da den politischen Zwängen in Europa beugen. Wir haben halt viele Länder in Europa, die Kernkraft noch als wesentliches Element betrachten. Und die EU ist für ganz Europa zuständig - nicht nur für Deutschland. Insofern ist das, ich glaube, keine Milchmädchenrechnung. Wir werden mehr Investitionen in Kernkraftwerke sehen.

radioeins: Da taucht immer wieder ein Wort auf: Taxonomie. Was ist damit gemeint im Zusammenhang mit den EU-Entscheidungen zur Atomkraft?

Wambach: Viele Anleger wollen ihr Geld in grüne Investitionen tätigen. Unternehmen müssen berichten - in ihrem Jahresbericht müssen die angeben, nicht nur, was sie für Gewinne machen, wie viele Mitarbeiter sie haben, sondern auch Kennziffern in was für Geschäfte sie investieren, was für Produkte sie entwickeln, und dafür braucht es eine Definition. Was ist grün, was ist denn nachhaltig? Und das will die EU mit ihrer Taxonomie bewirken. Insofern hat sie diesen Zweck, dass, wenn ich jetzt einen grünen Fonds auflege, als Anleger will ich Gewinne für grüne Investitionen, kann ich sagen, ich investiere nur in Sachen, die die EU in ihrer Taxonomie als nachhaltig bezeichnet.

Wambach: Die Taxonomie hat ein grundsätzliches Problem.


radioeins:
Ich hab mal verstanden: Nachhaltig ist nur, was die Ressourcen der Natur nicht endgültig erschöpft. Uran aber für Atombrennstäbe, das wächst ja, anders als Holz zum Beispiel, nicht nach. Die OECD schätzt: Bis 2070 sind alle Uranvorräte die Erde verbraucht. Was ist daran nachhaltig?

Wambach: Die Taxonomie hat ein grundsätzliches Problem. Man investiert in gelbe Unternehmen. Man möchte aber eigentlich das Geld in sozusagen Neuentwicklungen investieren. Ich gebe ein Beispiel: BASF verbraucht so viel Strom wie London. Das ist eher ein schmutziges Unternehmen, macht aber jetzt viele Anstrengungen, um nachhaltig zu werden. Jetzt ist die Frage: Ist so ein Unternehmen nachhaltig in dieser Bezeichnung oder sind eigentlich die Investitionen, die dieses Unternehmen tätigt, nachhaltig. Deswegen ist der Begriff nachhaltig problematisch. Auf ihre Frage in der Atomkraft: Als Ökonom wird man sagen, wenn Uran knapp wird, wird es auch teurer. Betriebswirtschaftlich geht es dann in die Preise ein. Wir haben bisher auch sozusagen Ressourcenverbrauch. Die halt dann, wenn sie enger werden, die knapper werden, teurer werden, und dann wird sich die Wirtschaft umstellen.

radioeins: Kommen wir doch noch mal zu einem Argument von Christian Lindner, dem Bundesfinanzminister. Der sagt ja, Atomstrom ist nur deshalb so billig, weil das komplette Risiko für Atomkraftwerke vom Staat getragen wird und nicht vom Betreiber der AKWs versichert werden muss, etwa für Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima. Da wären die Policen und damit der Atomstrom sonst unbezahlbar. Tragen wir das alle, wir Steuerzahler, und es darf gebaut werden, ohne dass ein Konzept vorliegt für die Endlagerung des hochradioaktiven Atommülls. Das gibt es ja in anderen Energieformen auch nicht. Also hat Lindner da Recht?

Wambach: Lindner rudert da schon ein wenig zurück. Vor einem Jahr hat er anders geredet. Aber er hat nicht Unrecht. Die Energiepolitik ist nun mal sehr staatlich dominiert. Auch für die erneuerbaren Energien gibt der Staat Subventionen. Auch die fossilen Energien - Kohle war immer subventioniert in einer gewissen Form. Das ist halt auch das Ärgerliche, dass man nicht sozusagen den Markt da laufen lässt, sondern der Staat greift ein. Und das ist bei der Kernenergie ganz besonders. Da hat die EU auch, finde ich insofern oder verdeckt sie das etwas, Kernkraftwerke werden nicht gebaut, weil es sich wirtschaftlich lohnt, sondern weil die Regierungen des wollen. Und insofern hat Lindner in dieser Richtung Recht.

radioeins: Und er will keine Steuergeschenke an die Atomkonzerne. Die wurden ja in den 70er- und 80er-Jahren noch begründet mit dem steigenden Bedarf an Strom. Da gab es noch kaum erneuerbare Energien. Heute hat sich da doch die Lage gewandelt. Aber man hört trotzdem dasselbe Argument: Wir brauchen den Strom aus Atomkraftwerken – zu Recht?

Wambach: Na ja, selbst der IPCC, also diese Weltwissenschaftsvereinigung, die sich um das Klimaproblem, der da regelmäßig die Gutachten zu macht, hat Atomenergie mit in ihren Kalkulationen drin. Weltweit wird die Atomenergie schon sehr stark genutzt. Und es ist nun mal, hinsichtlich des Klimawandels, eine saubere Energie. Und ein Aspekt, den wir hier in Deutschland nicht so stark diskutieren, aber der wesentlich ist: Wie bekommen wir Versorgungssicherheit hin? Die erneuerbaren Energien, Strom, Wind und Sonne, funktionieren halt dann, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Wir brauchen zum Beispiel Gaskraftwerke. Die Bundesregierung hat ja extra auch im Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie Gaskraftwerke bauen will. Die sind auch nicht sauber, die sind auch nicht nachhaltig. Die EU hat jetzt auch diese Gaskraftwerke mit in ihre Taxonomie aufgenommen, weil sie gesagt hat: Bis wir so weit sind, dass wir, sagen wir mal Wasserstoff nutzen können als Energiespeicher, brauchen wir diese Gaskraftwerke. Insofern sind wir in dieser Übergangsphase und da ist auch Gas nachhaltig, obwohl es eigentlich nicht nachhaltig ist.