Kino King Knut Elstermann

Filmtipps vom 21. Mai

Kino King Knut Elstermann
Kino King Knut Elstermann | © radioeins

Knut Elstermann sitzt seit Jahrzehnten in Kinosesseln und war quasi schon immer Filmjournalist. Für ihn ist kein Film zu klein, kein Kino zu stickig und kein Festivalteppich zu rot. Wenn Elstermann über Filme spricht, verzichtet der Filmvorführer auf Alkohol.

Und auch wenn Ins-Kino-gehen gerade nicht angesagt ist, Filme gibt es trotzdem. Hier die besten Filmtipps der Woche von Knut Elstermann:

Das freiwillige Jahr

„Das freiwillige Jahr“ gehört zu den interessantesten, jüngeren deutschen Produktionen, wurde im Kino und bei Preisverleihungen nicht mit genug Aufmerksamkeit bedacht, umso schöner ist es, dass der Film jetzt zur besten Sendezeit im Ersten läuft.

In diesem gemeinsam inszenierten Film erzählen Henner Winckler und Ulrich Köhler, zwei der wichtigsten Regisseure der „Berliner Schule“, vom Provinzarzt  Urs, hervorragend von Sebastian Rudolph gespielt. Er fährt seine Tochter Jette zum Flugplatz, sie soll nach dem Abi zu einem freiwilligen sozialen Jahr nach Costa Rica fliegen. Doch das frisch verliebte Mädchen verweigert sich dem Wunsch des Vaters, fliegt heimlich doch nicht und versteckt sich tagelang. Mit feinem Humor und  genauem Gespür für die sehr gegensätzlichen Gefühlslagen der Figuren, schildert der Film die sich steigernden Eskalationsstufen des immer rasender werdenden, überforderten Vaters und die zögerliche Emanzipation der Tochter (sehr sensibel: Maj-Britt Klenke), die nicht mehr bereit ist, die unerfüllten Träume anderer zu leben. „Das freiwillige Jahr“ schildert klug und sehr treffend die drückende Übermacht von elterlichen Wunschprojektionen auf die Kinder.

Am Mittwoch, 27. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten und dann drei Wiederholungen auf ONE.

Land der Wunder

Noch immer nicht zufassen: Das glanzvollste und bedeutendste Filmfestival der Welt findet nicht statt, in Cannes bleiben in diesen Tagen die Säle leer. ARTE zeigt derzeit als kleinen Trost große Cannes-Erfolge und stellt sie in die Mediathek, darunter Klassiker von Jaques Rivette und Eric Rohmer.  Mit „Land der Wunder ist ein großer italienischer Cannes-Erfolg von 2014 zu sehen. Regisseurin Alice Rohrwacher führt uns zu einer lauten, großen, bunten Außenseiter-Familie, auf einen ziemlich heruntergekommen Bauernhof in Italien. In ihrem schönen, halb-autobiografischen Film – ihre berühmte Schwester Alba spielt die Mutter - verwebt sie geschickt verschiedene Motive wie die Nöte der heranwachsenden ältesten Tochter, die Verbitterung des einst politisch aktiven Vaters, die schwere ökonomische Zwangslage des Hofes zu einem ebenso poetischen wie sehr realistischen Bild, in dem sich das ganze heutige Italien im Kleinen spiegelt. In Cannes erhielt Alice Rohrwacher dafür verdient den Grand Prix der Jury.

Der Dokumentarfilm „Cannes – Die unglaubliche Geschichte“ erinnert an die Höhepunkte des Festivals, an legendäre Starauftritte, politischen Aufruhr und ;Meilensteine der Filmgeschichte, die von Cannes aus in die Welt gingen.

„Land der Wunder“, weitere Cannes-Filme und die Dokumentation „Cannes – Die unglaubliche Geschichte“ -  noch bis 23. Mai in der ARTE-Mediathek. „Land der Wunder“ kann man auch auf verschiedenen Plattformen streamen.

Drinnen – Im Internet sind alle gleich

Sehr schnell reagierte ZDF-Neo auf die irren Zeiten. In der Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“, bestehend aus 15 kurzen, aber sehr intensiven Filmen von Lutz Heineking Jr. , erleben wir die Werbefachfrau Charlotte, mit hinreißend-komischer Verzweiflung von Lavinia Wilson gespielt, die wegen der Corona-Pandemie ihren Alltag, Beruf, Familie, Eltern vom Laptop aus managen muss. Das heißt, wir sehen Lavinia Wilson auf dem Screen, zugeschaltet werden alle anderen Figuren, ebenfalls wunderbar natürlich, teilweise improvisierend gespielt, zum Beispiel von Victoria Trauttmansdorff als Mutter oder von Barnaby Metschurat, auch im wirklichen Leben der Partner von Lavinia Wilson. Überhaupt ragt das wirkliche Leben immer wieder in die Folgen hinein, so sehen wir immer einen realen Ausschnitt der Wohnung des Paares. Sehr witzig spielt die Serie mit dem Gegensatz von unbegrenzten digitalen Kommunikationsformen und persönlichem Eingesperrtsein, von innerer Beschleunigung und äußerem Stillstand und geht noch viel weiter. Im Zurückgeworfensein auf sich selbst stellt sich Charlotte ernsthafte Sinnfragen, auf die sie sonst vielleicht nicht gekommen wäre.