Kino King Knut Elstermann

Filmtipps vom 16. April

Kino King Knut Elstermann
Kino King Knut Elstermann | © radioeins

Knut Elstermann sitzt seit Jahrzehnten in Kinosesseln und war quasi schon immer Filmjournalist. Für ihn ist kein Film zu klein, kein Kino zu stickig und kein Festivalteppich zu rot. Wenn Elstermann über Filme spricht, verzichtet der Filmvorführer auf Alkohol.

Und auch wenn Ins-Kino-gehen gerade nicht angesagt ist, Filme gibt es trotzdem. Hier die besten Filmtipps der Woche von Knut Elstermann:

Bis dass der Tod euch scheidet

Im Rahmen seiner umfangreichen DEFA-Filmreihe zeigt das RBB-Fernsehen am Freitag einen der stärksten DDR-Gegenwartsfilme: „Bis dass der Tod euch scheidet“ von 1979, Regie Heiner Carow, von dem der Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ stammt. Auch sein schonungsloser Film „Bis dass der Tod euch scheidet“ war ein großer Publikumserfolg in der DDR, weil hier ganz unverstellt und ehrlich vom Alltag erzählt wurde. Mit der 23-jährigen, ergreifenden  Kathrin Sass in ihrer ersten Filmrolle gestaltete  Carow nach einem  wahren Fall den immer heftiger werdenden Ehekonflikt eines jungen Paares. Während Sonja sich trotz des Babys beruflich weiterentwickeln und verwirklichen will, verharrt Jens (gespielt von Martin Seifert) in alten Rollenbildern, trinkt und wird immer aggressiver. Für Sonja scheint es in ihrer Verzweiflung nur noch einen Ausweg zu geben...Diese sehr gut gespielten, kraftvoll inszenierten Szenen einer scheiternden DDR-Ehe unterliefen die allgemeine Glücksverordnung der sozialistischen Gesellschaft mit einem aufrichtigen, intensiven Realismus.

„Bis das der Tod euch scheidet“, am Freitag um 22.15 Uhr im rbb. Der Film ist auf DVD und im Stream verfügbar.

Tatort

Die Guten und die Bösen

Dieser außergewöhnliche Tatort des Hessischen Rundfunk von Petra K. Wagner (Buch: David Ungureit) stellt das Ermittlerpaar Anna Janneke und Paul Brix (Margarita Broich und Wolfram Koch) vor eine Aufgabe, deren Lösung scheinbar leicht, deren moralische Dimension aber unermesslich ist. Der Täter nämlich gesteht ohne zu zögern. Er ist ein Polizeihauptmeister (mit tragischer Größer von Peter Lohmeyer gespielt), der den Vergewaltiger seiner Frau gefoltert und getötet haben will. Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Wie lässt sich Gerechtigkeit nach einer furchtbaren Tat erlangen? Alle angeblichen Gewissheiten lösen sich bald auf, wofür die chaotischen Renovierungsarbeiten im Kommissariat ein schönes Sinnbild sind, niemand findet hier irgendetwas.  Bei den ungelösten Fällen sitzt die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski, die vielleicht ein geheimes Wissen hütet. Die große Hannelore Elsner  gibt diesem klugen Tatort in ihrer letzten Rolle eine stille Weisheit, ein zartes, zerbrechliches Orakel im Keller. Sie starb kurz nach den Dreharbeiten. Dieser  Tatort läuft zwei Tage vor ihrem ersten Todestag.

Tatort: „Die Guten und die Bösen“, am Sonntag um 20.15 im Ersten und nach der Ausstrahlung sechs Monate in der Mediathek.

Systemsprenger

Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt „Systemsprenger“ geht neben „Berlin Alexanderplatz“ als großer Favorit in das Rennen um die Lolas, die Deutschen Filmpreise, die am Freitag nächster Woche, am 24. April, verliehen werden. Wer den großartigen Film, der im Kino ein schöner Überraschungserfolg war, noch nicht gesehen hat, kann das jetzt auf verschiedenen Wegen nachholen. Nora Fingscheidt erzählt von  Benni, einem neunjährigen Mädchen, hat einen langen Weg durch Gastfamilien und erfolglose Untersuchungen und Therapien hinter sich hat. Mit seiner unbändigen, unbeherrschbaren Wut, seinen heftigen, zerstörerischen Anfällen ist es eine Gefahr für andere und für sich selbst. Sie fällt durch alle Raster der sozialen Fürsorge.

Helena Zengel (als beste Hauptdarstellerin nominiert) spielt dieses Mädchen nicht nur als tickende Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann, sondern als hilfebedürftiges, zerbrechliches Wesen, das jede Unterstützung verdient. „Systemsprenger“ vermeidet dabei oberflächliche Anklagen gegen die sozialen Mechanismen: Gabriela Maria Schmeide und Albrecht Schuch (beide ebenfalls nominiert) spielen überforderte, aber sehr engagierte Sozialarbeiter, die sich für das Kind aufopfern und doch an ihre Grenzen stoßen. Der Film ist auch eine Würdigung solcher engagierter Menschen.

Nora Fingscheidt verwendet sowohl experimentelle als auch dokumentarische, sehr direkt wirkende Mittel, um uns in Bennis Welt mitzunehmen und Verständnis für diese kindliche Naturgewalt zu erzeugen.