Kino King Knut Elstermann

Filmtipps vom 2. April

Kino King Knut Elstermann
Kino King Knut Elstermann | © radioeins

Knut Elstermann sitzt seit Jahrzehnten in Kinosesseln und war quasi schon immer Filmjournalist. Für ihn ist kein Film zu klein, kein Kino zu stickig und kein Festivalteppich zu rot. Wenn Elstermann über Filme spricht, verzichtet der Filmvorführer auf Alkohol.

Und auch wenn Ins-Kino-gehen gerade nicht angesagt ist, Filme gibt es trotzdem. Hier die besten Filmtipps der Woche von Knut Elstermann:

Der Überläufer

Der ARD-Zweiteiler entstand nach dem Roman von Siegfried Lenz aus dem Jahre 1951, der aber damals gar nicht veröffentlicht wurde, weil die Zeit noch nicht reif war im Nachkriegs-Westdeutschland. Er kam erst posthum 2016 heraus und war eine literarische Sensation. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, Walter Proska, an der Ostfront im letzten Kriegssommer. Er verliebt sich an einem verlorenen Außenposten in eine polnische Partisanin und begreift mehr und mehr die Sinnlosigkeit des Krieges.     Jannis Niewöhner spielt hier eine seiner besten Rollen, einen Suchenden und Tastenden, eine Gefangenen seiner brutalen Lebensumstände.  Er freundet sich mit Wolfgang an, einem ehemaligen Studenten, der fliehen will und ihn schließlich mitreißt zum Überlaufen zu den Russen. Sebastian Urzendowsky spielt hervorragend einen Mann, der nur scheinbar ganz sicher und entschlossen ist, der alle Zweifel und Widersprüche ersticken will.

Auch wenn Walter die Fronten wechselt, er bleibt ein Mann zwischen den Fronten, selbst nach dem Krieg in der DDR, wo er zunächst dem neuen System dient. Die Schilderung der antifaschistischen Aufarbeitung in der DDR erscheint hier im Film allerdings politisch sehr verkürzt und einseitig. Doch insgesamt gelingt Regisseur Florian Gallenberger sehr einfühlsam und bewegend, die Ambivalenzen der Figur sichtbar zu machen, dieses Generations-Gefühl, nie in der richtigen Haut zu stecken, nie das richtige, das eigentliche Leben  führen zu dürfen.

Der Überläufer, erster Teil am  Mittwoch 8.4. um 20.15 Uhr, zweiter Teil am Freitag nächster Woche 10. April)  und als vierteilige Miniserie bereits ab jetzt in der ARD-Mediathek.

Tiger Girl | Debüt im rbb

Schon zum 13. Mal zeigt der rbb Debütfilme, darunter so starke eigene „Leuchtstoff“-Produktionen wie „Tiger Girl“ gleich zum Auftakt. Vanilla ist ein nettes, angepasstes Mädchen, das sich bei einem Sicherheitsdienst ausbilden lässt, um mehr Ordnung in die chaotische Welt zu bringen. Tiger Girl ist ihr genaues Gegenteil: Sie lebt im Chaos, eine einzige, attraktive Provokation, eine Anti-Heldin wie aus einem Comic. Als die beiden Mädchen aufeinandertreffen, entsteht eine explosive Mischung, in der sich die scheinbar festgefügten Werte auflösen. Der ungewöhnliche, kraftvolle, teilweise improvisierte Film von Jakob Lass („Love Steaks“) bringt zwei intensive Darstellerinnen zusammen: Maria-Victoria Dragus und Ella Rumpf, die ihren Figuren Aggressivität und Verletzlichkeit geben und sie zu originellen, kompromisslosen Modellen jugendlicher Lebensentwürfe machen.

Debüt im rbb, Beginn der Reihe heute Nacht um 00.20  mit dem „Tiger Girl.“ Die Filme sind nach der Ausstrahlung sieben Tage in der Mediathek verfügbar.

Es gilt das gesprochene Wort

Am 24. April wird – in welcher Form auch immer – der Deutsche Filmpreis verliehen, moderiert vom fabelhaften Edin Hasanovic. Einer der besten deutschen Filme wurde fünfmal nominiert: „Es gilt das gesprochene  Wort“, nur wenige werden dieses Meisterwerk kennen, doch das kann man ändern und es lohnt sich wirklich.

Am Anfang des Films steht eine merkwürdig hölzerne Hochzeit auf einem deutschen Standesamt, besiegelt von einem ungeschickten Kuss, ganz offensichtlich lieben sich die Brautleute nicht: er Kurde Baran (Ogulcan Arman Uslu) und die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle, nominiert als beste Darstellerin). Sie hat ihn im Türkei-Urlaub kennengelernt, ein Flüchtling, der für Geld mit Frauen schläft. In ihrer tiefen Lebenskrise, an Krebs erkrankt, holt sie den viel jüngeren Mann nach Deutschland, hilft ihm auf eine kühle und überlegte Weise, um ihn dann doch auch für sie selbst überraschend zu lieben. Regisseur Ilker Catak, auch er ist nominiert,  hat einen Film gedreht, der in seiner Sinnlichkeit, seiner entspannten, reduzierten Erzählweise, seinen intensiven Bildern und dem Mut, nicht alles auszusprechen, vor allem eine schöne Liebesgeschichte ist und erst dann ein einfühlsames Flüchtlingsschicksal, auch dank seiner überragenden Darsteller und kluger, treffender Dialoge.

Es gilt das gesprochene Wort, zu sehen auf verschiedenen Plattformen wie Amazon, iTunes oder Google Play, aber auch gerade als DVD  erschienen.