Interview mit STIKO-Mitglied Dr. Martin Terhardt

STIKO: Zweitimpfung nach AstraZeneca mit anderem Impfstoff

Welche Zweitimpfung sollen Menschen unter 60 bekommen, die im ersten Schritt mit AstraZeneca geimpft wurden? Für die Zweitimpfung empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO), einen anderen Impfstoff zu nehmen. Wissenschaftliche Daten fehlen noch.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Cov19VacAstraZ" klebt nach einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca in einem Impfausweis © dpa/Rolf Vennenbernd
Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Cov19VacAstraZ" klebt nach einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca in einem Impfausweis | © dpa/Rolf Vennenbernd

Die Nachrichten um Nebenwirkungen beim Impfstoff AstraZeneca waren ein Rückschlag für die deutsche Impfkampagne. Die ständige Impfkommission (STIKO) hatte nach dem kompletten Impfstopp empfohlen, dass AstraZeneca nur noch an Menschen über 60 verimpft werden soll oder auch an jüngere, dann aber auf eigenes Risiko und freiwillig. Auch wenn die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA den Corona-Impfstoff von AstraZeneca weiterhin uneingeschränkt empfiehlt, bestehen Zweifel und Beratungsbedarf. Was ist mit den mehr als Zwei Millionen Menschen, die bereits eine erste Dosis erhalten haben? Darüber wollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gestern mit den Gesundheitsministern der Länder beraten. Die Beratung wurden jedoch auf Dienstag verschoben, dann soll die STIKO in diese Diskussion einbezogen werden.

Wir sprechen mit Dr. Martin Terhardt, Kinder und Jugendarzt und Mitglied der STIKO.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Cov19VacAstraZ" klebt nach einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca in einem Impfausweis © dpa/Rolf Vennenbernd
dpa/Rolf Vennenbernd
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Die Stiko empfiehlt, die zweite Impfung für unter 60-Jährige mit einem anderen Impfstoff als AstraZeneca vorzunehmen. Ändert die gestrige Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur daran irgendetwas?

Nein, wir werden das weiter so empfehlen, bis wir andere Daten bekommen. Wir wissen, dass man davon ausgehen kann, dass zwei verschiedene Impfstoffe trotzdem gut miteinander wirken können. Es gibt noch nicht sehr viele Studien dazu, die laufen gerade noch und die Ergebnisse bekommen wir leider erst frühestens Mitte Ende Mai. Aber solange wollten wir nicht warten und die Leute im Ungewissen lassen. Wir wollen da den sicheren Weg beschreiten.

Ich habe mir mal den Beipackzettel von Ibuprofen angeguckt. Da steht, dass bei bis zu 100 von einer Million Ibuprofen-Behandlungen ein Herzinfarkt als Nebenwirkungen auftreten kann. Damit ist die Gefahr, nach einer Ibuprofen-Einnahme einen Herzinfarkt zu bekommen, um ein Vielfaches größer, als die einer Sinusvenenthrombose nach einer AstraZeneca-Impfung. Nun schreibt keine Zeitung über die viel häufigeren Nebenwirkung von anderen Medikamenten, aber über alles, was bei AstraZeneca passiert. Erklären Sie mir diese völlig unterschiedliche Risikowahrnehmung, die es ja offenbar auch in der STIKO gibt!

Das hängt damit zusammen, aus welchen juristischen Erwägungen solche Beipackzettel geschrieben werden. Da muss eigentlich alles drin stehen, was irgendwie in zeitlichem Zusammenhang zu einer Einnahme von einem Medikament aufgetreten ist. Bei der Sinuszellenthrombose zusammen mit den Thrombozytopenie, also dem Gerinnungsblättchen-Mangel, wissen wir mittlerweile, dass sie nicht nur in zeitlichem Zusammenhang, sondern auch höchstwahrscheinlich im ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung stehen. Und Impfungen unterscheiden sich von anderen Medikamenten dadurch, dass wir sie an gesunde Menschen geben, um eine Erkrankung zu verhindern. Ibuprofen nehmen Sie ein, wenn Sie eine Erkrankung behandeln möchten. Es ist ein fundamentaler Unterschied, wie Sie mit gesunden Menschen und deren Risiko für eine Impfung umgehen. Dieses Risiko ist ein neues Risiko, dass wir vorher nicht kannten, das also auch vorher in den Beipackzettel zu der Impfung nicht drinstehen konnte, weil das noch nicht bekannt war. Das hat sich geändert. Deswegen sind auch die Beipackzettel schon geändert worden und werden jetzt noch einmal geändert. Die Patienten müssen auf diese Nebenwirkungen hingewiesen werden.

Das Image dieses Impfstoffs ist auf jeden Fall kein gutes mehr in Deutschland. Aber er ist wichtig für die Impfkampagne. Wie kann man da verloren gegangenes Vertrauen wiedergewinnen?

Indem man transparent und offen über die wissenschaftliche Grundlage für unsere Entscheidung aufklärt und auch die Unterschiede zwischen der europäischen Zulassungsbehörde und den Aufgaben der STIKO erklärt. Das geht ja auch in anderen Ländern so, die sich ähnlich entschieden haben, wie wir in Deutschland, obwohl die europäische Zulassungsbehörde den Impfstoff weiter zugelassen hält. Das hat viele politische Hintergründe, die mit der EU zu tun haben. Aber wir in Deutschland haben auf unsere deutschen Zahlen geguckt und auf die Ereignisse, die nach der Impfung zum Tod und zu schweren Erkrankungen geführt haben. Wir haben darauf unsere Entscheidung basiert.

Es ist ja Ende auch fast eine mathematisch-statistische Diskussion. Wir haben heute Morgen schon über Lehrerinnen und Lehrer und deren Risiko gesprochen. Von denen sind jetzt sehr viele Impfungen ausgefallen und sie sind jetzt dadurch mehrere Wochen zusätzlich ohne Impfschutz. Was wäre denn für sie gefährlicher: Wenn ein 55-jähriger Lehrer zum Beispiel mit AstraZeneca geimpft werden würde oder wenn dieser Lehrer jetzt noch sechs Wochen mehr der Gefahr ausgesetzt ist, an Corona zu erkranken?

Das ist die individuelle Abwägung, die wir ja jetzt auch noch zugelassen haben. Wir haben gesagt, dass, wenn jemand möchte, er diese Impfung auch bekommt und Bürger sich sorgfältig mit dem Arzt beraten sollten. Dann ist es ihm nicht zu verwehren.

Aber ich weiß es doch als Lehrer gar nicht und kann das selbst gar nicht entscheiden, welches Risiko jetzt größer für mich ist.

Da das hängt davon ab, ob Sie als Lehrer in dem Fall eine zusätzliche, höhere eigene Risiko-Konstellation für Covid19 haben, das heißt, ob Sie ein höheres individuelles Risiko haben zu erkranken. Wenn sie nur Lehrer sind, haben Sie vielleicht ein etwas erhöhtes Risiko, sich anzustecken. Aber ob Sie schwer krank werden oder daran versterben können, hängt von zusätzlichen individuellen Risiken ab. Diese Risiken kennen wir ja: Zum Beispiel ein hohes Alter oder bestimmte schwere chronische Vorerkrankung. Wenn das vorliegt und Sie nur ein AstraZeneca-Impfstoff bekommen können, weil alles andere viel zu lange dauert, dann gilt es abzuwägen. Dann kann man sich auch für diese Impfung entscheiden, wenn das individuelle Risiko für eine Erkrankung, größer ist als bei anderen, wenn man sich infiziert. So würde ich das sehen. Andersrum: Das Risiko der Personen, diese Nebenwirkung zu bekommen, kann man tatsächlich nicht vorhersehen, weil es bisher kaum bekannte Faktoren gibt, die zulassen, dass man das vorher weiß.

Gesundheitsminister Spahn hat versichert, dass trotz der neuen Einschränkungen wahrscheinlich weiterhin allen Erwachsenen bis Ende des Sommers ein Impfangebot gemacht werden könne. Mich stört ja, dass da plötzlich „wahrscheinlich“ gesagt wird. Sie auch?

Ja, das hängt natürlich mit den Erfahrungen mit der Liefersituation zusammen. Wir wissen, dass die Hauptlast in den kommenden Monaten in Deutschland auf Biontec liegt. Da können wir uns wahrscheinlich doch drauf verlassen. Das hat am Anfang ein bisschen geruckelt, aber jetzt schon lange nicht mehr. Bei den anderen Herstellern ist es manchmal ein bisschen unvorhersehbar, was passiert. Jetzt bekommen wir noch zwei neue Hersteller dazu, nämlich Johnson & Johnson, oder Janssen wie er in Europa heißt, und CureVac aus Deutschland, einer jetzt und ein anderer, wahrscheinlich in den nächsten zwei Monaten. Die Menge, die da in den Planzahlen vorgesehen ist, lässt schon die Aussage von Herrn Spahn zu. Aber wir sind darauf angewiesen, dass die Impfstoffe auch kommen. Und AstraZeneca wirft uns natürlich jetzt ein bisschen zurück, weil die Akzeptanz schlecht ist. Aber wir können diese Impfung ja weiter den älteren Menschen anbieten und sollten das auch tun. Jüngere Menschen, die ihn unbedingt haben wollen, weil sie sonst erst zwei Monate später geimpft werden könnten, dürfen sich das gerne überlegen, wie wir das besprochen haben.

Vielen Dank für Ihre Arbeit und für das Gespräch!