Psychologie

Positiv durch den Shutdown

Vom Trampelpfad zur Autobahn im Gehirn

November 2020: Draußen ist es grau und auch drinnen ist es kalt und ungemütlich, weil wir dauernd lüften müssen. Ablenkung durch Reisen, Kunst und Kultur gibt es in diesem Monat wenig, und naher Kontakt zu Mitmenschen ist auch mit Vorsicht zu genießen.

Mädchen sitzt hinter einem Fenster © imago images / PhotoAlto
Mädchen sitzt hinter einem Fenster | © imago images / PhotoAlto

So manch einer könnte sich einsam und verloren fühlen, oder hat Existenzsorgen in der Pandemie. Klar, solange man gesund ist, sollte man dankbar dafür sein, aber wie können wir depressive Stimmungen vermeiden? Was können wir einfach und pragmatisch tun, um guter Laune zu bleiben?

Darüber sprechen wir mit Alexandra Loeffner.

Mädchen sitzt hinter einem Fenster © imago images / PhotoAlto
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Wie sehr sind Sie denn persönlich von den momentanen Einschränkungen genervt?


Ich merke das natürlich im Alltag auch. Schon allein in den Trainings müssen wir eben ganz anders trainieren als vorher mit den ganzen Einschränkungen und Maßnahmen. Und natürlich betrifft mich das auch persönlich ein bisschen.

Ins Theater kann ich nicht, ins Stadion nicht, Fitnessstudio ist geschlossen, durch Homeoffice habe ich kaum Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen. Und sie sagen mir jetzt, was daran positiv ist, bitte.


Ja, also ich kann total verstehen, dass man da erst mal genervt ist. Und trotzdem sollte man sich immer mal wieder daran erinnern, dass es ja auch noch schöne Sachen gibt. Es gibt so eine unscheinbare, aber sehr kraftvolle Übung aus der positiven Psychologie, die ich jedermann ans Herz legen kann. Das ist der positive Tagesrückblick und die ist ganz einfach. Man schreibt jeden Abend drei Sachen auf, die an dem Tag schön oder positiv waren, und das können auch ganz kleine Sachen sein. Also einfach nur, dass man irgendwie einen schönen Spaziergang gemacht hat oder, dass man irgendwie nettes Gespräch mit jemandem hatte oder eine Tasse Kaffee genossen hat. Gerade solche Kleinigkeiten.

Das machen wir auf jeden Fall heute Abend dann schon mal, diese drei Sachen aufschreiben. Haben sie dann noch einen weiteren konkreten Tipp, den wir alle schon heute tagsüber vielleicht auch nutzen können, um uns einfach mal besser zu fühlen?


Ja, also es gibt meine Lieblingsübung, den Mini-Urlaub. Und da plant man einfach jeden Tag eine kleine Aktivität ein, die man gerne macht und die einem gut tut. Sei es jetzt eine leckere Tasse Tee trinken, einen kleinen Spaziergang unternehmen, vielleicht mit einer Freundin kochen und super sind auch Sachen, die mit Bewegung oder mit Natur oder optimalerweise mit beidem zusammenhängen. Weil das einfach sehr gut auf die Psyche wirkt.

Was sehr viele in diesen Tagen Antworten, inklusive mir, wenn sie nach ihrem Ärger oder ihren Einschränkungen durch Corona gefragt werden, das nervt schon sehr, aber für andere ist es existenzbedrohend, da möchte ich mich nicht beklagen. Ist das eigentlich ein richtiger Umgang, das eigene kleine Unglück durch das größere Unglück anderer zu relativieren?


Ja, es ist grundsätzlich jetzt nicht schlimm. Also man kann ja zum Beispiel Dankbarkeit auch durch einen Vergleich herstellen, indem man sich mit Leuten Vergleich, denen es noch schlechter geht als einem selbst. Es ist durchaus möglich.

Diese Woche kam die Meldung, dass es wahrscheinlich schon in den nächsten Wochen einen Corona-Impfstoff geben wird, also für viele eine große Hoffnung auf die Rückkehr zur Normalität. Werden denn viele von uns, wenn die Pandemie überstanden ist, vielleicht positiver und dankbarer durchs Leben gehen als vor der Pandemie, weil wir Normalität ganz anders zu schätzen wissen als vor der Pandemie?


Es gibt durchaus Umfragen, die zeigen, dass viele Leute sagen, dass sie ihr Leben danach tatsächlich anders führen wollen als vorher, weil sie viele Erkenntnisse hatten, mehr gemerkt haben, was ihnen wirklich wichtig ist. Also ich glaube schon, dass sich da bei vielen was verändern wird.

Aber sagt man das nicht nur jetzt, und dann hat man es relativ schnell wieder vergessen?


Ja, das kann natürlich passieren. Aber dadurch, dass wir gezwungen sind, bilden wir hoffentlich neue, positive Gewohnheiten aus. Und je öfter wir die gehen, desto mehr wird es nicht nur ein Trampelpfad, sondern bis zu einer ganzen Autobahn im Gehirn, sodass es dann auch nach der Pandemie bestehen bleiben kann.

Das ist ein gutes Bild: Vom Trampelpfad zur Autobahn im Gehirn.