Wahlkampf der Grünen

Wahlkampfberater Stauss: Die Grünen müssen jetzt Themen setzen

Bundespräsident Steinmeier hat die Parteien im Wahlkampf zu Maß und Vernunft aufgerufen. Steinmeier sagte im ZDF-Sommerinterview, er habe die Sorge, dass es eine Schlammschlacht werden könnte. Er wisse aber auch, dass das Klima in Wahlkämpfen rauer sei. Die wahlkämpfenden Parteien sollten stets daran denken, dass man möglicherweise hinterher wieder gemeinsam am Tisch sitzen müsse.

Eine alte Schultafel mit der Aufschrift: Wahlkampf © imago/imagebroker
Eine alte Schultafel mit der Aufschrift: Wahlkampf © imago/imagebroker | © imago/imagebroker

Seit Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin der Grünen ist, passiert ihr gefühlt ein Fehler nach dem anderen. Sie stolpert mehr durch ihre Kandidatur, durch eigene Schlampigkeiten. Erst die Nachmeldungen von Einkünften an den Bundestag, dann der frisierte Lebenslauf, jetzt die "Copy and Paste"-Vorwürfe zu ihrem neuen Buch. Immer mehr Fachleute sprechen jetzt doch von möglichen Urheberrechtsverletzungen.

In Umfragen ist Annalena Baerbock, genauso wie ihre Partei abgerutscht. Und mittlerweile gibt es Zwischenrufe, dass kurzfristig vielleicht doch Robert Habeck übernehmen sollte.

Wir sprachen darüber mit Frank Stauss. Er ist Wahlkampf-Experte und hat viele Wahlkampagnen - vor allem für die SPD - mitgestaltet. Er meint, dass es besonders für Kandidatinnen und Kandidaten, die noch nicht so lange in der Öffentlichkeit stehen, eine brandgefährliche Situation sei.

Eine alte Schultafel mit der Aufschrift: Wahlkampf © imago/imagebroker
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Das Interview in kompletter Länge:


radioeins: Ist das noch normaler Wahlkampf oder geht das, was gerade rund um Annalena Baerbock passiert, unter die Gürtellinie?

Stauss: Das muss man noch mal differenzieren zwischen den Dingen, die zum Teil in den sozialen Netzwerken passt sind, die eindeutig unter der Gürtellinie waren, und den Vorwürfen, über die wir jetzt sprechen - diese große Reihe von Kleinigkeiten, die sich aber natürlich in der Summe zu einem großen Vertrauensverlust für sie aufbauen. Und da muss ich sagen, das ist eigentlich klassisches Wahlkampf-Handwerk und ganz besonders für Kandidatinnen und Kandidaten, die noch nicht so lange in der Öffentlichkeit stehen, ist das eine brandgefährliche Situation, wenn hier peu à peu immer wieder neue Unsauberkeiten, Unsachlichkeiten auftauche. Das ist eine ganz schwierige Situation für Frau Baerbock.

radioeins: Das heißt, die Kampagne war offensichtlich nicht professionell genug vorbereitet? Man hat als Schwachstelle bei ihr auch ihre Unerfahrenheit in den eigenen Reihen ausgemacht. Das war dem Wahlkampfteam sicherlich klar. Damit sind sie offensiv umgegangen, haben das vielleicht sogar als Merkmal verkauft - für Frische und Offenheit, für Veränderungen. Aber, dass diese Angriffe kommen würden, darauf war man offensichtlich überhaupt nicht vorbereitet!?

Stauss: Ja, das macht mich mehr oder minder fassungslos. Das ist wirklich Kampagnen-Handwerk. Das ist, ich sage mal Grundseminar, wenn mal das so ausdrücken will, zumal es ja kurioserweise immer wieder passiert. Die SPD hatte beim letzten Mal, woran ich ja auch mitwirken durfte, so eine Art Aufarbeitung dokumentiert, was in den letzten Wahlkämpfen für sie auf Bundesebene schiefgelaufen ist. Das hieß: Aus Fehlern lernen. Das konnte man sich sogar downloaden, auch als Grüner. Und da war eben auch noch mal aufgeführt, was zum Teil dort schiefgelaufen ist - zum Beispiel bei der Kandidatur von Peer Steinbrück, wo ja gleich am Anfang, er hatte gerade mal sich aus der Deckung gewagt und war Kanzlerkandidat geworden, da ging es gleich los mit Rednerhonoraren und ein paar anderen Geschichten. Das hat ihn zum Beispiel auch schon von Anfang an komplett aus dem Tritt gebracht, obwohl man ja immer weiß, Steinbrücks Kandidatur war ungefähr ein Jahr lang in den Medien als Spekulation. Baerbock hatte auch ein Jahr Zeit, das heißt, die ganze Kampagne hätte im Prinzip in dem Fall natürlich die komplette Vita, aber auch alle möglichen Fallstricke von Frau Baerbock, aber auch von Herrn Habeck durchleuchten müssen, sodass in dem Augenblick, wo sie sagen, er oder sie ist es, bereit sind - und das waren sie nicht.

radioeins: Jetzt haben Sie ja jede Menge Erfahrung mit solchen Wahlkampfkampagnen. Was raten Sie den Grünen jetzt? Die Kampagne neu ausrichten? Möglicherweise sogar die Kanzlerkandidatur doch noch mal wechseln? Es gibt ja tatsächlich auch Stimmen, die sagen, Robert Habeck sollte jetzt übernehmen. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, sagt: auf gar keinen Fall, wir bleiben auf jeden Fall bei Annalena Baerbock. Was meinen Sie?

Stauss: Ein Austausch der Spitzenkandidatur wäre, glaube ich, das endgültige Ende dieses Wahlkampfes für die Grünen. Das versteht dann keiner mehr, weil alle gehen ja davon aus, dass die Grünen im vollen Bewusstsein und niemand kennt Frau Baerbock besser als die Grünen, das ist ihre Kandidatin, das ist ihre Co-Vorsitzende, das heißt, sie haben sie aufs Schild gehoben. Das heißt, sie müssen jetzt natürlich zu ihr stehen, weil, wenn das jetzt auch noch erodiert, die Zustimmung aus der eigenen Partei oder der Parteiführung, dann bleibt am Ende gar nichts mehr.

Was man jetzt machen kann und was man machen muss, ist tatsächlich mal tief durchatmen, weil, sie haben jetzt zwei Strategien verfolgt. Die erste Strategie war die: Man lässt das alles tatsächlich unter Frauenfeindlichkeit laufen. Die zweite Strategie war die: Man geht in der Gegenoffensive und sagt: das ist Rufmord.

Die zweite Strategie, das war eigentlich die gefährlichere, weil, wie sich jetzt eben rausstellt, gibt es viele, viele Dinge, die eigentlich nicht einen Rufmord-Vorwurf rechtfertigen, sondern, das sind berechtigte Fragen. Und die Grünen müssen jetzt zurückkehren zu der Antwort – zu fundierten Antworten – und dann eben tatsächlich auch mit der Kandidatin wieder nach vorne kommen, indem sie Themen setzen. Das wird aber schwieriger, aber das ist ihre eigene Schuld.