"Ich bin schwul"

Klaus Wowereits berühmter Satz wird 20 Jahre alt

Vor 20 Jahren, als er Berlins Regierender Bürgermeister werden wollte, machte Klaus Wowereit mit dem Satz "Ich bin schwul - und das ist auch gut so" seine Homosexualität öffentlich und hat damit Geschichte geschrieben.

Klaus Wowereit © imago images/Emmanuele Contini
Klaus Wowereit | © imago images/Emmanuele Contini

10. Juni 2001: Die große Koalition im Berliner Senat aus CDU und SPD ist vor ein paar Tagen zerbrochen. Ein gewisser Klaus Wowereit will neuer Regierender Bürgermeister der Stadt werden. An diesem Tag, heute vor 20 Jahren, sagt er während seiner Vorstellung des außerordentlichen Landesparteitags der SPD die wichtigsten Worte seiner Karriere: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so". Ein Novum in der deutschen Geschichte. Ein Politiker, der sich outet und vielen jungen Menschen der LGBTQ-Szene noch heute Kraft und Mut gibt, zu ihrer Sexualität zu stehen.

Wie es dazu kam, darüber sprechen wir mit Klaus Wowereit.

Klaus Wowereit © imago images/Emmanuele Contini
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Das Interview zum Nachlesen:

Kerstin Hermes: 20 Jahre später, Herr Wowereit, ganz ehrlich, hatten Sie sich die Formulierung vorher wirklich nicht so überlegt?

Klaus Wowereit: Nein, die hatte ich mir wirklich nicht überlegt. Ich habe vor geraumer Zeit mein Redemanuskript gefunden und durchgelesen. Da steht kein Wort dazu. Das war frei formuliert. 'Das ist auch gut so' kam wirklich in dem Moment.

Es gab viel Applaus und Jubel. Hat Sie das in dem Moment auch richtig gepusht und gefreut?

Das hat mich sehr gefreut, und es hat auch eine Vorgeschichte gehabt. Am Donnerstag vor diesem Parteitag hatte ich es in der Fraktion und dem Landesvorstand vor etwa hundert Leuten hinter verschlossenen Türen schon gesagt. Also nicht in der Form, sondern dass ich schwul bin. Ich hatte das Gefühl hatte, es wird eine ganz merkwürdige Situation, das Platzen der Koalition, dann die Abwahl von Eberhard Diepgen mit den Stimmen der PDS. Das war ja auch ein riesen Tabubruch. Und es war eine angespannte Situation. Ich wollte zumindest, dass diejenigen, die mich unterstützen, meine Situation auch kennen, damit nicht, wenn ein Schmuddelwahlkampf aufgekommen wäre, alle gesagt hätten: 'Hätten wir das gewusst, hätten wir dich nie nominiert.' Die sollten es vorher wissen. Dass die Reaktionen so einhellig positiv war, hat mich dann doch sehr erfreut.

Welche Rolle hat Ihr nahes Umfeld damals gespielt - auch Ihr Lebenspartner Jörn Kubicki - bei ihrem Coming-out?

Jörn war eine andere Generation und hat das fast mit einem Stirnband herumgetragen. Er hat die Fernsehübertragung des Parteitags nicht gesehen und wusste auch gar nicht, dass ich das sage. Seine Mutter hat ihn angerufen, die es gesehen hat aus Baden-Württemberg aus einem etwas kleineren Ort. Sie fragte ihn: 'Hast du das gesehen? Jetzt weiß es die ganze Welt.' Das war so wörtlich die Formulierung. Jetzt weiß es die ganze Welt, und die war richtig stolz darauf.

Das ist toll. Ihr Partner ist leider viel zu jung im vergangenen Frühjahr an Corona verstorben. Wie geht es Ihnen jetzt ein gutes Jahr später vielleicht auch an so einem besonderen Tag wie heute?

Ja, da fehlt er mir natürlich sehr. Es war ein einschneidendes Erlebnis. Und ja, das ist nicht leicht wegzustecken.

Ja, das kennt jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat. Jetzt ist dieser Satz 20 Jahre später natürlich immer noch total relevant. Aber es ist doch eigentlich, um im Zitat zu bleiben, nicht gut so, oder hätte sich in den vergangenen 20 Jahren doch schon viel viel mehr tun können in dem Bereich?

Es war schon auch eine Aufbruchsituation - sagen wir mal im politischen Bereich. Danach haben sich Westerwelle [Anm. d. Redaktion: gemeint ist der FDP-Politiker Guido Westerwelle] und Ole von Beust geoutet. Heute ist das im politischen Bereich kein Hemmnis mehr für eine Karriere - jedenfalls nicht offen. Wir haben auf der rechtlichen Basis die eingetragene Lebenspartnerschaft. Wir haben Gottseidank, aber viel zu spät, die Ehe und das Adoptionsrecht. Wir haben eine Gleichstellung im Gesetz, das hat sich alles verändert.

Aber wir haben in der Tat auch noch große gesellschaftliche Bereiche, wo das immer noch ein Tabu ist. Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet nach dem Ende seiner aktiven Karriere als Profifußballer. Es hat leider keiner nachgemacht. Auch in großen Chefetagen von den Dax-Unternehmen wird man auch mit der Lupe suchen können, um da jemanden zu finden, der sich bekannt hat.

Da gilt immer noch, wenn du es schon bist, ist es schon schlimm genug, aber sag es bitte nicht. Diese Sonderhaltung gibt es immer noch. Auf der anderen Seite haben wir immer noch eine ganz klare Diskriminierung bis hin zu tätlichen Angriffen oder Morden, nur weil jemand eine andere Sexualität hat. Und dementsprechend müssen wir wehrhaft sein und das auch, was erreicht wurde, was gut ist, ist aber noch nicht alles. Das kann auch immer wieder verändert werden. Es gibt auch Bestrebungen, das wissen wir von der AfD und von anderen, die diese Liberalität eben nicht haben wollen - und deshalb müssen wir wachsam sein.

Vielen Dank für das Gespräch!