Gedrosselte Gaslieferungen aus Russland

Energieexperte Goldthau: Sparen, umbauen, das Energiesystem erneuerbar und nachhaltiger machen

Bundeswirtschaftsminister Habeck will zusätzlich Maßnahmen ergreifen, um Gas einzusparen. Das Ziel: Die Gasspeicher sollen weiter für den Winter befüllt werden. Dafür soll weniger Gas für die Stromerzeugung und die Industrie eingesetzt werden. Zusätzlich sollen wieder mehr Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen. FDP und Union bringen außerdem Fracking und Atomstrom wieder in die Diskussion.

Eine Flamme auf einem Gaskochfeld © radioeins/Chris Melzer
Eine Flamme auf einem Gaskochfeld | © radioeins/Chris Melzer

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) hat Verbraucher*innen und die Industrie erneut dazu aufgerufen, mit Erdgas sparsam umzugehen. Weil aus Russland weniger Gas geliefert wird, könne die Versorgungslage im nächsten Winter ernst werden, sagte der Grünen-Politiker am Sonntagabend im ZDF. Die Bundesregierung bemühe sich, die Gasspeicher in Deutschland zu füllen.

Weil weniger Gas aus Russland nach Deutschland kommt, will Habeck als Ausgleich mehr Kohlekraftwerke einsetzen. Sie sollen die Stromerzeugung in mit Erdgas befeuerten Kraftwerken soweit wie möglich ersetzen, um Erdgas einzusparen. Er nannte diesen Schritt "bitter", aber "in dieser Lage schier notwendig". In Brandenburg sollen auch Kohlekraftwerksblöcke als Sicherheitsreserve verlängert werden.

Am Kohleausstieg bis 2030 hält das Bundeswirtschaftsministerium aber weiter fest. Das hat ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Habeck klargestellt.

Wir sprachen darüber mit dem Energieexperten Andreas Goldthau. Er ist Leiter des ISIGET-Projekts, das die systemischen Auswirkungen der globalen Energiewende für Länder im Globalen Süden erforscht.

Eine Flamme auf einem Gaskochfeld © radioeins/Chris Melzer
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Das Interview mit dem Energieexperten Andreas Goldthau in voller Länge:


radioeins: Energiesparen, also im Kleinen, wie wirkungsvoll ist es denn tatsächlich, wenn wir jetzt kalt Duschen oder die Raumtemperatur im Winter um ein oder zwei Grad Celsius niedriger einstellen?

Goldthau: Nur ganz kurz - ist sparen der Faktor, der noch nicht diskutiert wurde. Insofern ist es sehr, sehr gut, dass das jetzt der Fall ist. Aber man muss natürlich auch sehen, die Gasnachfrage findet zu einem Drittel, oder ein bisschen mehr sogar, in der Industrie statt. Ein Drittel ist an Strom und der Rest ist Haushalte. Das heißt, über die Haushalte ist ein Beitrag vorhanden. Aber richtig ernst wird es eigentlich erst im Winter. Es geht hier weniger ums Duschen und vielleicht auch weniger ums Kochen. Es geht darum, was passiert, wenn die Heizperiode anfängt. Und hier hat zum Beispiel die Internationale Energieagentur geschätzt, dass das Herunterregeln des Thermostats um nur ein Grad europaweit über das Jahr gesehen etwa 10 Milliarden Kubikmeter an Einsparungen bringen könnte. Das sind zum Vergleich etwa zehn Prozent des deutschen Verbrauches. Also insgesamt: Es ist Potenzial da, aber es wird letzten Endes nicht das russische Gasproblem lösen.

radioeins: Damit machen sie es natürlich ein bisschen kaputt, wenn sie sagen „gut, dass man mal darüber diskutiert, aber es bringt nicht so viel“, dann ist natürlich meine Konsequenz daraus: dann mache ich es nicht. Also ich zum Beispiel Dusche, das habe ich ja schon öfter erzielt, seit Monaten kalt. Wenn jetzt ganz Deutschland kalt duschen würde oder wie Sie sagen, beim Kochen, sagen ja ganz viele, den Deckel draufmachen, weil dann spart man dabei deutlich Energie, das ist also für die Katz?

Goldthau: Nein, das ist es nicht. Ganz prinzipiell ist es so, dass man es sowieso tun sollte, schon wegen des eigenen Geldbeutels. Wir müssen uns ja vergegenwärtigen, die Industrie sieht im Moment bereits jetzt die gestiegenen Großhandelspreise und muss sich darauf einstellen. Sie verändert als sie ihr Verhalten. Im Haushalt ist es noch nicht der Fall, denn die Preissignale schlagen noch nicht beim Verbraucher durch. Sie sehen erst am Ende des Jahres, was die Nebenkostenabrechnung ist. Und dann kann es zur Überraschung kommen. Insofern wäre es allein aus Eigeninteresse jetzt schon sehr, sehr gut, das Verhalten zu ändern, einzusparen, kürzer zu duschen und Dinge zu unterlassen, die letzten Endes nicht unbedingt notwendig sind. Insofern in jedem Fall eine gute Idee.

radioeins: Wo soll denn die viele Energie herkommen? Die Reaktivierung von Kohlekraftwerken sei für ihn als Grüner eine bittere Pille, sagt der Robert Habeck, aber er sehe keine Alternative. Und sie?

Goldthau: Ich denke auch, dass Kohlekraftwerke im Moment diese Ressource sind, die man hier nutzen kann, die relativ schnell reaktivierbar sind, die der sogenannte Feedstock, also das, was man verfeuert, ist vorhanden und auch auf dem Markt verfügbar. Das kann eine Lücke decken. Letzten Endes müssen aber mehrere Faktoren zusammenkommen. Das eine ist die Reserve im Land. Das sind die Kohlekraftwerke, schlecht für das Klima. Zum Zweiten: Zukäufe von Erdgas aus anderen Quellen. Das ist das Flüssiggas aus Qatar, aus den USA und anderen Ländern, die potenziell noch mal eine Lücke schließen. Und das dritte, sehr, sehr wichtig, ist letzten Endes der Umbau auf ein erneuerbares Energiesystem, also ein System, das keine Importe von fossilen Energien braucht. Bis dahin wird es ein weiter Weg. Energieeffizienz und Energiesparen kann hier helfen.

radioeins: Und ich habe jetzt noch ein Viertes: die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. Die hat Habeck allerdings ausgeschlossen und das nicht mit ideologischen Bedenken begründet, sondern unter anderem damit, dass die dafür benötigten Brennelemente nicht kurzfristig verfügbar sein. Teilen Sie diese Einschätzung?

Goldthau: Ja, ich teile diese Einschätzung aus mehreren Gründen. Das Erste ist, die Brennelemente sind nicht verfügbar. Zum Zweiten bekommt man sie teilweise nur aus Ländern, wo man sie nicht herbekommen will. Russland war jetzt bis vor Kurzem eines dieser Länder. Aber zum Dritten: Es sind drei Atomkraftwerke. Drei Atomkraftwerke werden das System nicht retten, das ist ein sehr, sehr kleiner Teil der Gesamtnachfrage. Insofern: Selbst, wenn man die länger laufen lassen würde, würde es unterm Strich nicht besonders viel ändern. Nein, wir müssen auf anderen Seiten ran. Wir müssen sparen, wir müssen umbauen. Wir müssen das Energiesystem erneuerbar und nachhaltiger machen. Das ist der Weg nach vorne.

radioeins: Kritik am Plan kommt von Unionsfraktionsvize Jens Spahn. Der hat die Pläne als unzureichend und verspätet kritisiert. Hätten wir im März, sagt Spahn, schon begonnen, mehr Kohlekraftwerke, weniger Gaskraftwerke laufen zu lassen, dann wären die Speicher jetzt vielleicht schon zehn Prozent voller. Hat Spahn Recht?

Goldthau: Nicht unbedingt, denn wir sind hier jetzt im Moment in einem Bereich, wo die Gasnachfrage relativ gering ist. Wir Heizen im Moment nicht. Es ist jetzt nicht die Heizperiode, insofern: über den Sommer stärker Kohle zu verfeuern, um Gas zu sparen ist eine schwierige Rechnung, sagen wir mal so.

Jetzt anzufangen ist eine gute Idee – es hätte eventuell einen Tick früher sein können. Aber was man jetzt auch machen kann ist, man kann eine Kommunikationsstrategie fahren und sagen schaut mal, wir müssen bis zum November 90 Prozent der Speicher füllen. Das ist das Ziel, darauf sparen wir hin. Und daraufhin kann man Informationen und Transparenz in der Kommunikationsstrategie hin ausrichten. Insofern es kommt schon zur richtigen Zeit.