Berlinale Talk

Wettbewerbsfilme: "Drii Winter" und "That Kind of Summer"

"Drii Winter“ von Michael Koch und "That Kind of Summer" von Denis Coté – Kino Queen Anke Leweke stellt die Wettbewerbsfilme im Gespräch mit Kino King Knut Elstermann vor.

Drii Winter von von Michael Koch
Drii Winter von von Michael Koch | © Armin Dierolf / hugofilm
Drii Winter von von Michael Koch
Armin Dierolf / hugofilm
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Drii Winter (Schweiz / Deutschland 2022)

Obwohl Flachländer, ist Marco ein robuster Kerl. In einem entlegenen Schweizer Alpendorf greift er Bergbauer Alois unter die Arme; auch beim Stammtisch lernt man den Eisteetrinker langsam schätzen. Anna wiederum kommt ursprünglich aus dem Dorf; ihre Tochter Julia stammt aus einer früheren Beziehung. Dass die neue klappen wird, bezweifelt so mancher. Marco und Anna nicht. Sie heiraten. Ihre Liebe ist behutsam und schön. Sie beschwören sie mit einfachen Worten. Können sie nicht fassen. Das Zutrauen wächst, die Zärtlichkeit bleibt, jede Berührung ein Glück, an Wärme nur vom Streichen übers Kuhfell zu toppen. Doch bald scheint Marco immer öfter die Kontrolle über seine Impulse zu verliern.

In Michael Kochs Film verschmelzen Natur und Mensch auf einzigartige Weise. Getragen von der angenehmen Normalität seiner Laiendarsteller*innen folgt der Film mit überzeugter Ruhe jenem Rhythmus, den die Jahreszeiten vorgeben. Bar jeder Hysterie, wider die Umstände. Auch wenn Körper und Seele spannen. Ein Juwel.


That Kind of Summer / Un été comme ça (Kanada 2022)

26 Tage verbringen drei hypersexuelle Frauen in einem ruhigen Haus am See: Léonie (nüchtern), Eugénie (impulsiv) und Gaëlle aka Geisha (kokett). Sie sind freiwillig hier, betreut von einem Sozialarbeiter und in loser Supervision durch eine Therapeutin. Die Devise lautet: Hypersexualität ist keine Krankheit. Das Experiment ist nicht auf Heilung aus, sondern ermöglicht die offene Erkundung und Reflexion von Begehrenserfahrungen, -formen und -abgründen. Dies findet halb nackt und bekleidet, verbal und körperlich, imaginär und real statt. Dass das Projektpersonal wenn nicht affiziert, so doch tangiert wird, überrascht wenig und deckt sich mit der Situation der Zuschauer*innen.

Wie keinem zweiten Player im Gegenwartskino gelingt es Denis Côté, dynamische filmische Räume zu schaffen (Sets, Settings, Konstellationen), in denen sich Erfahrungen (psychische, physische, intellektuelle) als Spiel betrachten lassen und gerade dadurch dem Realen auf der Spur sind. Mal diskret auf Abstand, dann grenzüberschreitend nah tanzt die Kamera um die Akteurinnen dieses Reigens von Trauma und Lust. Die Norm wird dekonstruiert, die Gegenwart spürbar, die Zukunft denkbar. Das Kino ist: Vibration.

Quelle: Berlinale