Silberner Bär - 70. Berlinale

Effacer l'historique

Der "Silberne Bär – 70. Berlinale" geht an die beiden Franzosen Benoît Delépine und Gustave Kervern, die Regisseure des Wettbewerbsbeitrags "Effacer l'historique" (Frankreich, Belgien 2019). Der Sonderpreis wurde nur dieses eine Mal verliehen und ersetzte den langjährigen Alfred-Bauer-Preis, der nach dem gleichnamigen früheren Berlinale-Direktor benannt war.

Silberner Bär – 70. Berlinale: Effacer l'historique von Benoît Delépine und Gustave Kervern © snapshot-photography/T. Seeliger
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In einer Provinzvorstadt sind drei Nachbar*innen mit den Auswirkungen der schönen neuen Social-Media-Welt konfrontiert. Marie, die von den Familienbeihilfen ihres Gatten lebt, hat Angst, wegen eines Sextapes den Respekt ihres Sohnes zu verlieren. Bertrand kann bei Werbeanrufen nicht Nein sagen und kämpft um das Wohl seiner Tochter, die im Internet gemobbt wird. Christine steht durch ihre TV-Serien-Abhängigkeit vor dem Nichts und fragt sich, warum ihre Bewertung als Uber-Fahrerin nicht steigt. Die drei Einzelkämpfer*innen sind unfähig, allein eine Lösung für ihre Probleme zu finden, bis sie sich zusammentun und den Tech-Giganten den Kampf ansagen. Effacer l’historique, vordergründig eine Situationskomödie, beschreibt treffend wie wenige andere Filme die Realität im 21. Jahrhundert: Es gibt weder Geschichte noch Geschichten, weder links noch rechts. Statt eines Vorgesetzten, der unseren Gehorsam einfordert, beherrscht uns eine unsichtbare, Daten spuckende Cloud und verschlingt unsere Identität. Delépines und Kerverns dritter Berlinale-Beitrag ist eine empathische Hommage an die „Abgehängten“, die uns und unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit einen Spiegel vorhalten.
Quelle: Berlinale