Fr08.03.
20:00 - 21:00

Lesung

Hanya Yanagihara: "Das Volk der Bäume"

mit Thomas Böhm

Thomas Böhm zusammen mit Hanya Yanagihara © Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

 

„Deutsche Leser sind die besten“

 
Hanya Yanagihara ist die Autorin der Stunde – und kam zur einzigen Lesung ihres neuen Romans nach Berlin.

Ihr Buch „Ein wenig Leben“ war ein Weltbeststeller. Nun ist Hanya Yanagiharas Debüt „Das Volk der Bäume“ erschienen. Am Freitag stellte Yanagihara ihren Roman im Großen Sendesaal des rbb vor – in ihrer einzigen Lesung in Deutschland. Die deutschen Texte hat Tatort-Kommissar Mark Waschke gelesen.

„Das Volk der Bäume“ erzählt die Geschichte eines Mediziners namens Norton Perina, der in den 1950er Jahren auf einer mikronesischen Insel ein Volk entdeckt, das bis zu diesem Moment keinen Kontakt mit der Außenwelt hatte. Perina beobachtet die Lebensweise dieses Volkes und stößt auf etwas Unglaubliches: Manche Mitglieder des Stammes sind biologisch unsterblich.Diese Entdeckung bringt Perina den Medizin-Nobelpreis ein. Später scheint Perinas wissenschaftliche Lebensleistung entwertet, als herauskommt, dass er sich an jungen Mitgliedern des Stammes, die in seine Obhut gegeben waren, sexuell vergangen hat.

Yanagiharas Buch über den Aufstieg und Fall eines wissenschaftlichen Genies basiert auf einer wahren Geschichte: der des Medizin-Nobelpreisträgers Daniel Carleton Gajdusek.
 


radioeins hat die Lesung live übertragen. Der Mitschnitt ist sieben Tage bis Freitag, den 15.03.2019, verfügbar:



radioeins-Literaturagent Thomas Böhm sprach mit Hanya Yanagihara über die Entstehung ihres Buches, über die Erfahrung unterschiedlicher Kulturen und ihr Bild von Berlin.

Thomas Böhm: Sie haben mit Anfang 20 begonnen, an Ihrem Buch zu arbeiten. Sie haben niemandem davon erzählt. Was war so schwierig, dass Sie ihr Schreiben zum Geheimnis machten?

Hanya Yanagihara: Als ich 20 Jahre alt war und das Buch anfing, hatte ich zwei Probleme. Die Abneigung gegen Perina und meine Vorstellung davon, wie er – der ja schon alt ist, als die Handlung einsetzt – als alter Mensch klingt. Ich hatte am Anfang die Vorstellung, er müsse altertümlich, fast schon barock klingen. So wie Humbert Humbert in Nabokovs „Lolita“. Mit den Jahren wurde mir dann bewusst: Er muss ganz normal klingen. Wie ein heutiger Mensch.  Und die Abneigung gegen ihn zu überwinden war einfach grundlegend. Wenn man über jemand schreibt, den man schon verurteilt hat, den man nicht verstehen will, dann wird diese literarische Figur nur ein Objekt, an dem man etwas vorführt.

Das Buch fing erst von dem Moment an zu leben, in dem ich Norton meinen Respekt entgegenbrachte. Ohne diesen Respekt hätte ich das Buch nie beenden können.

Das ziemlich realistische Portrait eines gefallenen Genies

Thomas Böhm: Ihr Roman basiert auf einer wahren Geschichte, der des Medizin-Nobelpreisträgers Daniel Carleton Gajdusek, der ebenfalls des Kindesmissbrauchs überführt und verurteilt wurde. Gab es aus dessen Umfeld Reaktionen auf Ihr Buch?

Hanya Yanagihara: Mein Onkel, Rick Yanagihara, der tropische Krankheiten erforscht, war ein Kollege von Gajdusek am National Institute for Health in Washington. Gajdusek hat Generationen von großartigen Wissenschaftlern ausgebildet, von denen einige auf meinen Lesereisen zu mir gekommen sind und mir bestätigten, dass ich ein ziemlich realistisches Portrait von ihm zeichne. Was ich immer an Wissenschaftlern in der Forschung bewundert habe, ist, dass sie an einer Person, an einer Sache, viele Aspekte gleichzeitig wahrnehmen können.

Thomas Böhm: Sie haben in einem Interview gesagt, Sie wollten mit Ihrem Roman auch eine Geschichte Hawaiis erzählen, woher ja Ihre Familie stammt. Was war Ihnen wichtig an der hawaiianischen Geschichte?

Hanya Yanagihara: Wenn man sich Hawaii anschaut, was dort geschah... der erste Kontakt mit den Ländern des Westens, die von dort eingeschleppten Krankheiten, die Christianisierung, die Zerstörung der einheimischen Kultur und ihrer Traditionen.... das hat sich überall auf der Welt zugetragen. Und trägt sich eben auch im Buch zu – auf dieser mikronesischen Insel, auf der Norton Perina das Mittel entdeckt, das den Körper unsterblich macht.

Mir ging es allerdings in keiner Weise darum, das Leben vor der Kolonialisierung zu romantisieren. Über „edle Wilde“ schreiben, die dort gelebt haben. Denn es war kein edles Leben. Und nicht alles vor der Kolonialisierung war gut. Die Realität ist eben immer sehr komplex.

Mit Menschen zu tun haben, die anders denken

Thomas Böhm: Sie haben einmal gesagt, „Kolonialismus“ und die Tatsache, dass das, was als moralisch richtig gilt, von Kultur zu Kultur anders ist, habe Sie ein Leben lang beschäftigt. Warum?

Hanya Yanagihara: Das ist doch eine Erfahrung, die jeder Mensch macht, der zwischen Kulturen aufgewachsen ist. Und das sind doch viele, wenn man nicht nur nationale Kulturen zugrunde legt. Es reicht ja oft auch, von einer ländlich geprägten in eine städtische Kultur zu wechseln. Auch dann erlebt man ja diesen moralischen Relativismus. Es reicht ja schon, Freunde zu haben, die Dinge vollkommen anders betrachten. Es gehört zu den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft, dass man mehr und mehr mit Menschen zu tun hat, die völlig anders denken als man selbst. Menschen, die sogar Dinge, die man für selbstverständlich, unhinterfragbar gehalten hat, ganz anders sehen. Das macht uns unsicher. Treibt uns in die Defensive.

Die Frage ist doch: Gibt es absolute Werte, Tabus, die alle Menschen teilen?

Vielleicht gibt es eines: den Mord. Aber vielleicht nicht einmal das. Es gibt in den unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Motive,  unterschiedliche Rechtfertigungen für Mord.

Und damit wird die Frage beängstigend. Wenn es nichts gibt, was alle Menschen teilen, in Form eines gemeinsamen Wertesystems oder einer moralischen Struktur, wie verhalten wir uns dann zueinander?

Und wenn man – was wir ja alle irgendwie tun – die menschliche Natur betrachten, dann wird das zu einer Frage unseres Lebens.

Es ist DIE Frage unseres Lebens, denke ich.

Thomas Böhm: Diese Frage nach der Gültigkeit von moralischen Werten ist ja nur eine, die Sie in Ihrem Buch aufwerfen. Es geht darin, wie gesagt, auch um Unsterblichkeit. Um die Verantwortung von Wissenschaftlern. Um sexuellen Missbrauch. Wie schon in Ihrem Buch „Ein wenig Leben“ setzen Sie die Lesenden einer ganzen Fülle von existentiellen Themen, starken Gefühlen und harten Bildern aus. In welchem Zustand sollen wir denn nach der Lektüre zurückbleiben?

Verunsicherung übertragen

Hanya Yanagihara: Ich habe neulich mit jemandem über eine Modenschau gesprochen, die wir beide gesehen haben. Und er sagte: Mir hat die überhaupt nicht gefallen. Und mir hat sie auch nicht gefallen. Aber eine Erfahrung, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, und die sich auf alle Künste übertragen lässt, ist: Ich möchte zu einer Reaktion provoziert werden. Nicht um der bloßen Provokation willen. Ein Kunstwerk sollte Ideen enthalten, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Man muss das Kunstwerk nicht mögen. Wenn es irgendetwas infrage stellt, dessen man sich vorher sicher war, dann erfüllt es schon seine Aufgabe.

Das größte Kompliment für mich wäre, wenn ein Leser sagt: Er weiß nicht, was er von dem Buch halten soll. Wenn das Buch eine Verunsicherung auslöst. Denn das ist das Gefühl, aus dem heraus ich schreibe. Und wenn sich diese Verunsicherung überträgt, dann hat das Buch bewirkt, was ich wollte.

Die provinziellen Züge Berlins

Thomas Böhm: Sie beehren uns mit der einzigen Lesung zu Ihrem Buch. Berlin scheint Ihnen zu gefallen.

Hanya Yanagihara: Ich liebe Berlin, aber ich bin bisher immer nur im Winter dagewesen. Dieses herrliche, sommerliche Berlin, von dem mir alle vorschwärmen, habe ich noch nie erlebt. Jemand hat  mir von einem Nudisten-Bad erzählt. Das würde mich auch interessieren, aber dafür ist es wohl auch die falsche Jahreszeit.

Was mir aber beim letzten Mal aufgefallen ist: Dafür, dass Berlin eine internationale Stadt ist, hat es sich doch einige fast schon provinzielle Züge bewahrt. Die Geschäfte sind sonntags geschlossen, so etwas findet man in den großen Städten weltweit nicht mehr.

Worauf ich mich dieses Mal freue, ist das Haus des Rundfunks kennenzulernen. Ein Gebäude mit einer so großen, wechselreichen Geschichte. Darüber könnte man ja einen Roman schreiben. Und am meisten freue ich mich natürlich auf das Publikum. Deutsche Leser sind einfach die besten.

radioeins – Die Schöne Lesung:

Hanya Yanaigahara „Das Volk der Bäume“. Am Freitag, den 8. März 2019 um 20.00 Uhr im Großen Sendesaal des rbb. Mit Mark Waschke (Deutsche Texte) und Thomas Böhm (Moderation).

Wer „Ein wenig Leben“ gelesen hat, der weiß, dass Hanya Yanagihara unglaublich packend und mitfühlend von menschlichen Extremerfahrungen erzählen kann. Ihr Roman – in dem es um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche der USA geht – ist eines der international meistdiskutierten Bücher der letzten Jahre.

Nun erscheint ein neues Buch von ihr – und radioeins holt Hanya Yanagihara in Kooperation mit Hanser Berlin zur einzigen Lesung nach Deutschland.

In „Das Volk der Bäume“ geht es um einen jungen Arzt namens Norton Perina, der mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu’ivu zurückkehrt: Er hat ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden! Eine uralte Schildkrötenart soll die Formel des ewigen Lebens bergen. So kometenhaft Perina damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerstörung der Insel.

Und nicht nur das: immer deutlicher wird, dass Perina sich an den Kindern der Einheimischen vergangen hat – was die Frage aufwirft: Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? Yanagiharas Roman bezieht sich damit auf einen realen Fall: das Leben und den Missbrauchsskandal um den US-amerikanischen Virologen und Nobelpreisträgern Daniel Carleton Gajdusek, der wegen sexuellen Missbrauchs an von ihm adoptierten Jungen aus Neuguinea und Mikronesien verurteilt wurde.

Zur Person

Hanya Yanagihara, geboren 1974 in Los Angeles, ist hawaiianischer Abstammung. Mit ihrem Roman "Ein wenig Leben" gewann sie den Kirkus Award und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, des National Book Award und des Baileys Prize. Eine TV-Serie, produziert von Scott Rudin („No Country for Old Men“, „Grand Budapest Hotel)“, ist in Vorbereitung. Yanagihara ist Chefredakteurin des "T Magazine", des Stil-Magazins der "New York Times".

Die Lesung, die in englischer und deutscher Sprache stattfand, wurde moderiert von radioeins-Literaturagent Thomas Böhm. radioeins hat die Veranstaltung am Freitag, 08. März 2019, ab 20.00 Uhr im Radio live übertragen.

Der Roman „Das Volk der Bäume“ erschien am 28.1.2019 in deutscher Übersetzung von Stephan Kleiner im Verlag Hanser Berlin (480 Seiten, 25 Euro).

Die deutschen Passagen hat der Schauspieler Mark Waschke gelesen.