Deutschlandpremiere

Juli Zeh © Thomas Müller
Thomas Müller

Juli Zeh liest aus ihrem neuen Roman

radioeins präsentiert die Deutschlandpremiere von „Leere Herzen“ am Montag, den 13.11.2017 – dem Erscheinungstag des Buches – im Großen Sendesaal des rbb

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radioeins präsentiert

Lesung mit Juli Zeh

Die Schriftstellerin Juli Zeh liest am Montag, 13. November 2017, um 20.00 Uhr aus ihrem neuen Buch "Leere Herzen" - die Deutschlandpremiere mit radioeins. radioeins präsentiert die Lesung im Haus des Rundfunks in Kooperation mit dem Luchterhand Literaturverlag. Nina Omilian und Marian Lux begleiten die Lesung musikalisch. Sie bringen den (buch-)titelgebenden Song "Empty Hearts" von Molly Richter zur Aufführung. Knut Elstermann moderiert die Veranstaltung.

Juli Zeh © imago/photothek
imago/photothek

Interview | Juli Zehs neuer Roman "Leere Herzen"

"Das wird für sehr viele Aggressionen sorgen"

Die Autorin Juli Zeh schaut mit ihrem neuen Zukunftsroman ins Deutschland des Jahres 2025: Die Besorgte Bürgerbewegung ist an der Macht, die Demokratie so gut wie abgeschafft. Eine Geschichte, für die sich Zeh viel Gegenwind wünscht. radioeins-Literaturagentin Marie Kaiser hat mit der Autorin Juli Zeh gesprochen.

Marie Kaiser: Wer Ihren Roman liest, kommt nicht umhin an "1984" von George Orwell zu denken. Wie Orwell haben Sie einen Roman geschrieben, der in einer beängstigenden Zukunft spielt. Warum hatten Sie gerade jetzt das Bedürfnis, ein solch dystopisches Buch zu schreiben?

Juli Zeh:
Ich war wie so einige von uns nach den Ereignissen der letzten zwei, drei Jahre an einem Punkt, an dem mir der Kopf geraucht hat. Da ist viel zusammengekommen: Brexit, die Wahl von Donald Trump in den USA, die Folgen der Flüchtlingswelle hier in Deutschland. Man hatte das Gefühl, die Welt gerät aus den Fugen. Wir wissen gar nicht, wo uns der Kopf steht und wie es weitergehen soll. Aus diesem Lebensgefühl heraus habe ich diesen Roman gemacht.

Marie Kaiser: "It's a suicide world" - so heißt der Hit des Jahres 2025. Dazu passt, dass Hauptfigur Britta eine Art Selbstmordagentur führt. Mit Hilfe eines Algorithmus fischt sie Menschen mit Selbstmordabsichten aus dem Internet. Viele rettet sie vor dem Selbstmord. Die ganz Entschlossenen vermittelt sie weiter als Selbstmordattentäter an radikale Umweltschützer oder Islamisten. Wie sind Sie bitte auf eine so zynische Idee gekommen?

Juli Zeh:
An dem Tag, als mir das einfiel, war ich in einem Café und habe die Schlagzeilen im Internet durchgescrollt. Durch irgendeinen Zufall gab es an diesem Tag einige Meldungen über amokartige Terrorattentate ohne große Opferzahlen. "16-jährige geht mit Messer auf Uniformierten am Bahnhof los".  Das hat mich ganz tief angefressen und kollidierte mit meiner Auffassung, dass unsere Gesellschaft immer weiter Richtung Sicherheit gehen möchte. Alles soll effizient sein und funktionieren; anarchische Räume sollen ausgemerzt werden. Daraus ist die Idee entstanden: Warum gibt es eigentlich kein Start Up, das die Neigung zu Selbstmordattentaten professionalisiert und dafür sorgt, dass das kontrolliert abläuft. Und dann vielleicht ja besser ist für die Gesellschaft, dass das nicht so eskaliert und in die kapitalistische Verwertung eingespeist wird.

Marie Kaiser: Britta, die Hauptfigur von "Leere Herzen", ist Profiteurin des neuen Systems. Sie hört auf, sich für Politik zu interessieren und macht es sich zu Hause gemütlich mit Prosecco und selbstgerolltem Sushi. Wofür steht diese Britta in ihrem Roman?

Juli Zeh:
Sie steht für ein Lebensgefühl, das ich bei mir selbst, aber auch bei vielen in meiner Umgebung wahrnehme. Voraus geht eine Frustration oder Resignation angesichts der Weltenläufe. Ein Phänomen über das wir seit vielen Jahren sprechen unter Stichworten wie Werteverlust, Orientierungslosigkeit oder sogar transzendentale Obdachlosigkeit. Ein Unbehaustsein in der Welt, das Fehlen von Verbundenheit mit der Gemeinschaft und von Ideen für die Zukunft. Und als Folge davon eben ein Rückzug in die private kleine Welt mit der Familie. Um damit klarzukommen und nicht das Gefühl zu haben, dass man jetzt reiner Eskapist ist, werden für sämtliche Verhaltensweisen Gründe gefunden.  Man argumentiert, warum die Politik unmöglich ist und warum man sowieso nichts ändern kann und nur vor der eigenen Tür kehren sollte. Das ist Brittas Grundhaltung, obwohl sie tief im Inneren schon spürt, dass damit etwas nicht in Ordnung ist.

Marie Kaiser: Sie beschreiben eine Gesellschaft, in der sich die Bürger das Denken bereitwillig abnehmen lassen. Die Meldungen der regierenden "Besorgten Bürgerbewegung" werden direkt auf alle Handys geschickt. Jetzt ist es sicher kein Zufall, dass die BBB an die AfD erinnert, die gerade mit über 90 Abgeordneten in den Bundestag  eingezogen ist. Für wie realistisch halten sie es, dass ihr eigenes Zukunftsszenario wahr werden könnte?

Juli Zeh:
Ich darf das gar nicht für realistisch halten, sonst würde ich mich in einen schlimmen Pessimisten verwandeln. Science-Fiction dient ja auch nicht der Prognose. Ich will ja nicht die Zukunft voraussagen, sondern benutze dieses literarische Mittel, um einen Blick auf die Gegenwart zu werfen. Und so möchte ich "Leere Herzen" auch verstanden wissen. Ich möchte nicht davon ausgehen, dass in anderthalb Legislaturperioden die AfD bei uns an die Regierung kommt.

Marie Kaiser: Auf wie viel Gegenwind machen Sie sich denn gefasst? Gerade der AfD dürfte "Leere Herzen" ja weniger gefallen!

Juli Zeh:
Oder sie sagen: Ist doch super. Die denkt jetzt auch, dass wir bald an der Regierung sind. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Als ich das Buch fertig geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, das wird für sehr viele Aggressionen sorgen und Menschen, die es lesen, werden das Bedürfnis haben, sich zu verwahren und zu sagen, wir sind nicht so. Wir sind anders. Mit so einer Form von Gegenwind könnte ich ehrlich gesagt sehr gut leben. Dann wäre das passiert, was ich mir auch wünsche. Dass das Buch dazu führt, dass man in sich wieder spürt, wo das Eigentliche und das Wichtige ist. Manchmal muss man auch in einen etwas angeschmutzten Spiegel schauen, um zu merken, wo die ganz sauberen Stellen im eigenen Herzen sind.