Musik ohne Ego, diesem Phänomen sind die Folk-Schwestern Becky und Rachel Unthank auf der Spur, als sie mit ihrer Band an zwei Abenden in der Londoner Union Chapel die Songs von Antony und Robert Wyatt interpretieren. Da heißt es, es mit der totalen Veräußerung aufnehmen. Alles Persönliche opfern für dramatische Ewigkeitsmomente, für Intimität. Diese Methode haben sie bereits angewandt, als sie die alten Volkslieder ihrer nordenglischen Heimat entstaubten; es geht nicht um Selbstfindung, sondern um die Lieder selbst. Und die haben es in sich.
Antony Heggarty, der Transsexuelle, fantasiert sich in „Bird Guhl“ (Vogelmädchen) oder „For Today I am A Boy“ in andere Körper, verwandelt sich in andere Wesen, durchwandert noch einmal Entwicklungsperioden, die so weit zurückliegen („Man Is The Baby“), dass sie eigentlich unfassbar sind. Seine Songs ähneln dem Sturz von Alice durchs Fuchsbau-Loch, und die Musik erzählt davon, was auf der anderen Seite liegt - eine alles zulassende Welt.
In der lebt Robert Wyatt als weiser Gnom. Nach einem Fenstersturz ist der frühere Schlagzeuger von Soft Machine an den Rollstuhl gefesselt. Lange Haare und Vollbart sind imposant ergraut. Aber auch seine Lieder scheinen nichts aufarbeiten zu müssen. Oder wenn es doch einen inneren Schmerz gibt, den sie lindern sollen, dann löst er sich in dem humanistischen Anspruch auf, den Schmerz anderer so wichtig zu nehmen wie den eigenen. „You planted all you everlasting hatered in my heart“, heißt es in „Out of the Blue“ mit Blick auf die Opfer des Irak-Kriegs. Wenn ein alter Hippie wie Wyatt das singt, hat es Wucht. Wenn die Unthanks es singen, klingt es schön.