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Seite EINSUnvermutete Seiten - Kindheit in Büchern

letzte Sendung

18. Dezember 2011

Unvermutete Seiten - Kindheit in Büchern

Was hat Ihre Kindheit geprägt? Waren es Disziplin und Erfolgsdruck, wie beim Polina der weltberühmten Primaballerina? War es gähnende Langeweile, die in skurrile Traumwelten führte? War es ständige Angst, die Eltern zu enttäuschen? Oder: War es die Freundesclique und ihre Geheimnisse im Wohnviertel?

Bastien Vivès: Polina


Ein kleines Mädchen will Ballerina werden. Es kommt in die Klasse eines bewunderten und gefürchteten Meisters des klassischen Balletts, der seinen Schülerinnen alles abverlangt. Nicht selten fließen Tränen. Und nicht selten brechen Schüler die Ausbildung ab. Ballettprofis fangen sehr früh an und hören selten spät auf. Lebendig und genau zeichnet der französische Comic-Autor Bastien Vivès ein schonungsloses Bild dieses harten Berufes. Das kleine, blasse Mädchen mit den pechschwarzen Haaren heißt Polina – nicht ohne Absicht. Inspiriert hat den Zeichner die Berliner Primaballerina Polina Semionova.

Reprodukt, 208 Seiten, 24 €

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Bastien Vivès: Polina

Gyrðir Elíasson: Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft


Den achtjährigen Jungen hat keiner dabei gesehen, als er in das Bild gerutscht ist, das er vorher selbst gemalt hat. Jetzt ist Sigmar verschwunden. Bis zu diesem Moment hat er sich auf dem isländischen Hof seiner Verwandten zu Tode gelangweilt. Nun taucht er ein in eine Welt, in der Bernhardiner-Hunde am Steuer sitzen, Angora-Kater Nähmaschinen sammeln und Sigmar selbst zum „Eichhörnchen auf Wanderschaft“ wird. Der gleichnamige Roman ist der Erstling von Gyrðir Elíasson – und Nancy Fischer hat ihn gelesen.

Walde+Graf, 128 Seiten, 18,95 €

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Gyrðir Elíasson: Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft

Carmen Bregy: Nicolas schläft


Er ist ein schüchterner Junge. Er ist neun und spricht nicht viel. Er hat Angst, alles falsch zu machen. Angst, um Hilfe zu bitten. Angst, jemanden zu stören. Seine ständige Angst macht ihn unzugänglich, schränkt ihn ein auf das wenige, vor dem er sich nicht fürchtet. Niemand nimmt sich Zeit für ihn. Seine Eltern sind mit sich selbst beschäftigt. Nicolas ist allein, ohne Trost und Zuwendung. Aufgeschrieben hat die traurige Geschichte die Schweizer Autorin Carmen Bregy. „Nicolas schläft“ heißt ihr Buch. Was hinter dieser trostlosen Kindheit steckt, erzählt Carmen Bregy in Basel im Interview auf radioeins.

Limbus, 160 Seiten, 15,90 €

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Carmen Bregy: Nicolas schläft

Das Dichter Denkmal

Das Dichter Denkmal vom 18.12.2011


Er begründet einen ganzen Kult. Immer wieder verschwinden im Atlantik, zwischen den Bermudainseln, Puerto Rico und Miami, Flugzeuge. Und tauchen samt Besatzung nie wieder auf. Erklären kann das niemand. Bis auf ihn: Charles Berlitz. Seine Theorie: Im Bermudadreieck befindet sich die Basis von Außerirdischen. Und die machen gelegentlich Raubzüge. „Das Bermuda-Dreieck. Fenster zum Kosmos?“ wird 1974 veröffentlicht. Und fünf Millionen Mal verkauft. Und zwar als Sachbuch!, nicht als Science Fiction. Am 18. Dezember 2003, ist Charles Berlitz, der Begründer des Kults um das Bermudadreieck, gestorben.

Auch sein Buch begründet einen Kult. Den um sich selbst! Das Hauptwerk von Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel“ ist ein Meilenstein der Postmoderne und bringt ihm 1974 nicht nur den National Book Award ein. Sondern auch eine Nominierung für den Pulitzer-Preis. Doch die Jury entscheidet sich gegen Pynchon: sein Wälzer sei unlesbar. Und ja: 1200 Seiten, 400 Personen, zahllose Handlungsstränge, Träume, Psychosen, Drogentrips. Was wo und mit wem passiert, bleibt in der Schwebe. Nur eines haben Pynchon-Nerds nach Jahren des intensiven Lesens und Sezierens mit Sicherheit herausgefunden: „Die Enden der Parabel“ spielt an einem 18. Dezember, dem 18. Dezember 1944 nämlich.

Am 18. Dezember 1911, drei Monate vor seinem Tod, sitzt er ein letztes Mal vor Gericht: Karl May. Doch nicht, wie schon sooft, als Angeklagter. Wegen seiner kriminellen Vorgeschichte bleibt er für Kritiker unseriös, und seine Bücher Schundliteratur. Als ein Journalist ihn öffentlich einen „geborenen Verbrecher“ nennt, ist es May, der Klage einreicht. Die Formulierung „geborener Verbrecher“ sei nicht biologisch, sondern metaphorisch zu verstehen – er verliert den Prozess. Der Richter aber hat tröstende Worte: „Ich halte Herrn May für einen Dichter…“, sagt er, und beendet damit die 12stündige Verhandlung.

Er beendet sein Leben mit ganz eigenem Humor. Der schottische Schriftsteller Hector Hugh Munro, manchen als Saki bekannt, legt keinen Wert auf Etikette. Überall, wo Menschen lieb und artig sein sollen, lassen sie in seinen Kurzgeschichten die Masken des Anstands fallen. Sie quälen Kinder, erpressen Mittellose oder sehen tatenlos zu, wie andere mit dem Tod ringen. Am 18. Dezember 1870 wurde der Dichter geboren – im Ersten Weltkrieg geht sein Leben mit nur 35 Jahren zu Ende: Er wird von einem deutschen Soldaten getötet. Angeblich nahm er das ganz Saki-esk: „Mach deine verdammte Zigarette aus!“ sollen seine letzten Worte gewesen sein.