Kurze Seiten - Stories (1): Deutschsprachige Autoren unter 40
letzte Sendung
20. November 2011
Kurze Seiten - Stories (1): Deutschsprachige Autoren unter 40
Schreiblaufbahnen beginnen oft mit kleinen Geschichten. Oft waren diese aufregend neuen Stimmen vorher Blogger oder Poetry Slammer. Neue deutschsprachige Schriftsteller bei Seite EINS.
Julius Fischer:
Ich will wie meine Katze riechen
Ein großes Auge und ein kleineres. Gedankenverlorener Blick gen Himmel. Kann eine Katze so schauen? - Sie kann, denn sie ist auf ein Buchcover gezeichnet und kündigt an: „Ich will wie meine Katze riechen“. So heißt die erste Textsammlung des 27 jährigen Leipziger Lesebühnen-Autors Julius Fischer. Er schreibt über einen, der dem Zeitgeist etwa zehn Jahre hinterher hängt. Einen, der seine Mitmenschen nicht mag, der leichtes Übergewicht hat und Angst vor Nähe …
Julius Fischer: „Ich will wie meine Katze riechen“ - Voland&Quist, 141 Seiten, 13,90€.
Julius Fischer: Ich will wie meine Katze riechen
Katharina Hartwell:
Im Eisluftballon. Erzählungen
Ihre Geschichten sind so als würden sie mittendrin beginnen oder sie enden da, wo sie eigentlich anfangen könnten. Sie kommen fast ohne Beschreibungen aus, sie wollen ergründet sein. „We’re flying high. We’re watching the world pass us by“ (Wir fliegen hoch. Wir sehen die Welt an uns vorbeiziehen.) Dieses Zitat aus dem Depeche Mode-Song “Never let me down again” hat die 27-jährige Katharina Hartwell ihrem Story-Band „Im Eisluftballon“ vorangestellt. Und darin weht der Wind einem kalt um Ohren und Seele. Warum es in ihrer Welt so kalt zu geht, fragten wir die Autorin selbst.
poetenladen, Leipzig 2011 - 144 Seiten, 16.80 €
Katharina Hartwell: Im Eisluftballon. Erzählungen
Sonja Heiss:
Das Glück geht aus
Sie reisen um die Welt und bauen Luftschlösser. Sie geben sich selbstbewusst, großmäulig und cool. Sie haben die typischen Mikrosorgen der abgesicherten Mittelschicht: Menschen um die 30 deren Problem es ist, keine Probleme zu haben! Manche sind ein bisschen ratlos, manche auch depressiv. Sonja Heiss beobachtet scheinbar banale Begebenheiten und erzählt davon so sicher, eigenwillig und lakonisch, dass wir uns darin wiedererkennen. Sie nennt ihr literarisches Debüt „Das Glück geht aus“.
Sonja Heiss: „Das Glück geht aus“ bloomsbury, 171 Seiten, 9,95€
Sonja Heiss: Das Glück geht aus
Nadja Spiegel:
Manchmal lüge ich und manchmal nicht
Wir täuschen uns gern selbst, um besser mit der gnadenlosen Realität zu recht zu kommen. Liebe, Verunsicherung, Betrug, Vergänglichkeit, Selbstaufgabe – Erschütterungen, die unser Leben tangieren und von denen man immer wieder neu und auf andere Art erzählen kann.
Nadja Spiegel: „manchmal lüge ich und manchmal nicht“, Skarabaeus, 136 Seiten, 16,90€
Das Dichter Denkmal vom 20.11.2011
Aus den Tagebuchaufzeichnungen eines Schiffbrüchigen macht er Weltliteratur: Herman Melville. Das Schiff Essex ist auf der Jagd nach Walen im Pazifik. Am 20. November 1820 rammt ein riesiger Pottwal das Schiff. Die Planken bersten, die Essex sinkt. Die 21 Männer flüchten auf kleinen Booten, nur acht von ihnen gerettet. Viele Jahre später trifft der Sohn des Steuermanns auf den Autor Herman Melville und leiht ihm das Tagebuch seines Vaters. Er war einer der Überlebenden. Herman Melville macht daraus den Roman „Moby Dick“: Der Kapitän jagt darin einen weißen Pottwahl, der ihm das Bein abgerissen hat – am Ende geht er mit seinem Schiff unter.
Auch sie nimmt ihre besten Ideen aus dem echten Leben: Nadine Gordimer. Ihr erster Roman heißt „Entzauberung“: Ein weißes Mädchen wächst in einer Bergwerksiedlung in Südafrika auf. Je älter sie wird, desto deutlicher sieht sie, wie ihre schwarzen Mitmenschen diskriminiert werden. Es ist ihre eigene Geschichte. Der Kampf gegen die Apartheid wird zu ihrem Lebensthema. Bücher sind ihre Waffen – 1991 wird Nadine Gordimer mit dem Literaturnobelpreis belohnt. Die Jury sagt: „Mit ihrer epischen Dichtung hat sie der Menschheit einen großen Dienst erwiesen.“ Heute wird Nadine Gordimer 88 Jahre alt.
Sie ist die große Abräumerin der Literaturpreise der letzten Jahre. Für Sibylle Lewitscharoff kam heute in Berlin noch der Kleist-Preis dazu. Seiteeins gratuliert. In ihrem neusten Buch findet der Philosoph Blumenberg einen lebendigen Löwen in seinem Arbeitszimmer vor. Der Löwe bleibt bei ihm. Dieser Einbruch des Magischen in den Alltag erinnert nicht nur zufällig an Kafka. Sibylle Lewitscharoff ist Kafka-Fan. Sie sagt: „Wer schreiben will, soll die großen Meister genau lesen – und sogar ihre Grammatik analysieren.“ Das klingt nach viel Arbeit – ist es auch. Wenn sie zum Vergnügen liest, liegt sie am liebsten im Bett.
Er liest während der Arbeit. Don DeLillo bewacht als Teenager einen Sommer lang einen Parkplatz. Dieser Job ist so langweilig, dass Don nebenbei ein Buch nach dem anderen liest. Und nicht mehr damit aufhört. Einige Jahre arbeitet er als Werbetexter, dann schreibt er sechs Romane in sieben Jahren. Zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren zählt er seit dem Roman „Unterwelt“. Er beginnt in den 50ern mit einem Baseballspiel. Der Ball fliegt ins Publikum. Don DeLillo erzählt die Geschichten der Menschen, die diesen Ball in den folgenden Jahrzehnten in den Händen halten. Heute feiert Don DeLillo seinen 75. Geburtstag.