Das Dichter Denkmal vom 30.11.2008
Der junge Jonathan findet die Menschheit ziemlich scheiße. Was liegt da näher, als unter dem Pseudonym „Dr. Shit“ seinen Unmut unters Volk zu bringen? Am liebsten mit Texten über menschliche Nöte – wie den täglichen Gang aufs Klo. Da beschließt der verbitterte Misanthrop sich in seinem nächsten Buch zur Abwechslung mal etwas kultivierter auszulassen. Und erfindet eine Geschichte, die jugendfrei ist – die Abenteuer eines jungen Mannes, der erst Liliput, das Land der Zwerge und kurz darauf das Land der Riesen entdeckt. Das Buch wird zum Bestseller – für Kinder. Nur wer will, kann auch zwischen den Zeilen lesen. Mit dem phantastischen und trotzdem gesellschaftskritischen Roman „Gullivers Reisen“ wird Jonathan Swift zum Kinderbuch-Autor, wider Willen. Heute vor 341 Jahren, am 30. November 1667 wird der Dichter geboren.
Er hat seine Meinung am liebsten für sich behalten. Am 30. November 1835 stirbt der zurückgezogene Dichter Fernando Pessoa im Alter von 47 Jahren. Nur ein paar Gedichte hatte er bis dahin veröffentlicht – doch kaum ein Mensch las seine Zeilen und mochte sie auch. Umso gigantischer sein Nachlass: Alles, wovon er nie jemanden erzählt hat; sein gesamtes Leben. Alle Ängste und Zweifel, all die kurzen Glücksmomente, all die Depressionen. Niedergeschrieben in 24.000 Fragmenten. Aufs Papier gebannt, in einer Truhe verschlossen. Erst 50 Jahre nach seinem Tod entdeckt man diesen geheimen Schatz. Und damit das Werk eines der bedeutendsten Schriftsteller Portugals!
Das sie eine hoffnungsvolle Autorin ist, weiß man über Antje Ravic Strubel schon jetzt. Am 30. November 2007, genau heute vor einem Jahr, erhält die Potsdamerin sogar den Hermann-Hesse-Preis. Den also schon mal in der Tasche, genießt Frau Strubel erstmal Narrenfreiheit! Ihr nächstes Buch: Die Geschichte eines Mannes, der besessen ist von Antje Ravic Strubels Geschichten, und daher selbst eine Geschichte schreibt, die so klingen soll, als stamme sie von Antje Ravic Strubel. Kurz: In ihrem letzten Buch „Vom Dorf“ versucht Frau Strubel so zu schreiben wie sie selbst! Wer das nicht versteht, sollte nicht bekümmert sein, denn die Autorin jedenfalls hatte mächtig Spaß. Wir finden: den hat sie sich verdient!
90 Jahre zuvor wäre ihm der Spaß vermutlich vergangen. Geschlagene vier Jahre lang liegt Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ fix und fertig in der Schublade. Und darf nicht gedruckt werden. Zu kritisch, zu respektlos sei das Buch. Eigentlich vorhersehbar – schließlich prangert Mann gerade das linientreue Kuschen seiner Landsmänner unter dem letzten deutschen Kaiser an. Klar, das gerade die den Roman ganz und gar nicht gut finden! Also wartet Heinrich Mann. Und steht, als der erste Weltkrieg und die Monarchie endlich passé sind, als allererster auf der Matte: Und diesmal geht es ganz schnell: am 30. November 1918 kommt „Der Untertan“ frisch aus der Druckerei!

Das Dichter Denkmal vom 30. November 2008