am Sonntag, 21.08.2011, 18:35 Uhr
Das Dichter Denkmal vom 21.08.2011
Er beweist: Liebesbriefe sind auch was für Erwachsene. André Gorz. An seine Liebste schreibt er: „Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön.“ So beginnt sein Buch „Brief an D.“, das er am 21. August 2005 veröffentlicht. Er beschreibt darin die Beziehung zu seiner Frau Dorine, die ihrem arbeitswütigen Mann 58 Jahre lang zur Seite steht. Doch die Sache hat einen Haken: "Warum nur bist du in dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während Du doch das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist?", fragt sich Gorz. Und will mit dem „Brief an D.“ das Versäumnis nachholen. Es ist das letzte, was er veröffentlicht. Zwei Jahre später nimmt sich das Ehepaar gemeinsam das Leben. Seite an Seite liegend, werden sie in ihrem Haus in einem französischen Dörfchen gefunden.
Er lebte in einem österreichischen Dörfchen und hat von seinem Land die Schnauze voll. Thomas Bernhard. Als am 21. August 1984 sein neuer Roman „Holzfällen. Eine Erregung“ erscheint, reicht es ihm mit Österreich. Eine Wiener Abendgesellschaft unterhält sich zunächst gepflegt und lässt sich dabei langsam volllaufen. Der Ich-Erzähler beobachtet das Geschehen vom Rand. Er hasst die banalen Gespräche seiner Mitmenschen und schreibt sie auf 320 Seiten in Grund und Boden. 10 Tage nach der Veröffentlichung wird beim Wiener Landgericht Klage eingereicht: manch einer meint, sich im Roman wiederzuerkennen. Alle Exemplare des Buches werden beschlagnahmt. Nur in Deutschland geht der Verkauf munter weiter und „Holzfällen“ wird zum Bestseller. Die Klage zieht man schließlich zurück. Trotzdem verfügt Bernhard, dass nach seinem Tod seine Werke in Österreich nicht mehr veröffentlicht werden dürfen.
Er würde ja gern, doch seine Landsleute lassen ihn nicht veröffentlichen. Stattdessen fliegt der tschuwaschische Dichter Gennadi Aigi wegen seiner Gedichte aus der Uni. Er hält seine Worte für „Antennen des metaphysischen Rauschens“, doch die sowjetische Regierung sieht in ihnen eine, Zitat: „Unter¬grabung des Fundaments des Sozialistischen Realismus“. Also sitzt er auf der Straße. Und bekommt ein Druckverbot, dass 25 Jahre anhalten soll. Doch die SU ist nicht die Welt. Anfang der 70er wird seine Lyrik in Deutschland, Frankreich, und schließlich in 21 weiteren Ländern gedruckt. Und gefeiert! So sehr, dass er mehrfach haarscharf vorbeischliddert, am Literaturnobelpreis. Heute, am 21. August 2011, wäre Gennadi Aigi 77 Jahre alt geworden.
Immer provokant und mit naivem Drive widmet sich Christoph Schlingensief seit den 80ern dem Plan, der Verblödung der Gesellschaft etwas entgegen zu setzen. Er holt Behinderte auf die Bühne, ruft zum Mord an Helmut Kohl auf, inszeniert in Bayreuth Wagners „Parsifal“, oder beginnt im afrikanischen Burkina Faso ein Operndorf zu errichten. Klar ist: Wo Schlingensief draufsteht, ist das Unberechenbare drin. Das gilt auch für sein 2009 erschienenes Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein.“ Es ist das Tagebuch seiner Krebserkrankung. Er habe lernen müssen, „auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken“, schreibt er. Genau diese Gedanken sind es, die uns in Zukunft fehlen werden. Ein Jahr ist es nun her, dass er seinen persönlichen und öffentlichen Kampf gegen den Krebs verloren hat. Am 21. August 2010 ist Christoph Schlingensief mit nur 49 Jahren gestorben.