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Roger Waters und Brian Eno kritisieren Nick Cave für seine Israel-Konzerte

Musik und Politik - Sie denken, zwei gänzlich unterschiedliche Metiers. Aber man kann das eine mit dem anderen Verbinden und aus Musik durchaus ein Politikum machen, wie aktuell im Fall von Nick Caves Konzerten in Israel geschehen.

Nick Cave © Ennio Leanza/Keystone via AP
Nick Cave | © Ennio Leanza/Keystone via AP

Nick Cave hat gerade zwei Konzerte in Tel Aviv gegeben. Dafür wurde er unter anderem von Roger Waters und Brian Eno scharf kritisiert, weil er den „Apartheid-Staat“ Israel damit unterstütze.

Auf einer Pressekonferenz hat sich Nick Cave gestern gegen die Vorwürfe gewehrt. Er wolle sich nicht von anderen Leuten vorschreiben lassen, wo er auftreten darf und wo nicht.

Hat Nick Cave recht? Ein Kommentar von dem Kulturjournalisten Jens Balzer...

Ennio Leanza/Keystone via AP
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Selbstverständlich hat Nick Cave recht, und wenn ich ihn nicht vorher schon für den größten lebenden Rockmusiker gehalten hätte, würde ich das jetzt erst recht tun.

Um nochmal kurz die Lage zu erläutern: Roger Waters und Brian Eno unterstützen eine Organisation namens BDS, die sich für den totalen Boykott des Staates Israel einsetzt, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Wenn es nach denen geht, soll man zum Beispiel keine Produkte von israelischen Firmen mehr kaufen und keine Konzerte in Israel spielen. Jeder, der das in den letzten Jahren tun wollte, wurde insbesondere von Roger Waters mit kräftigen Shitstorms überzogen. Viele knickten ein, manche blieben standhaft, wie etwa Radiohead, die trotz Waters spielten, aber das Ganze hinterher als zermürbende Erfahrung beschrieben.

Auch Nick Cave hat sich widersetzt, obwohl der BDS eine massive Kampagne gegen ihn gefahren hat. Wer auf seinem Berliner Konzert in der Max-Schmeling-Halle war, hat sicher die örtlichen BDS-Vertreter gesehen, die Flugblätter verteilten mit der Parole: „Nick Cave - don't play Apartheid“. Dagegen hat er jetzt in Tel Aviv gesagt: „Ich liebe Israel und die Menschen in Israel“, und er wolle „prinzipiell Stellung beziehen gegen jeden, der versucht, Musiker zu zensieren und zum Schweigen zu bringen.“

Diese Haltung sollte eigentlich selbstverständlich sein, und es ist bemerkenswert oder auch einfach nur traurig, dass man das Leuten wie Roger Waters und Brian Eno nochmal erklären muss. Es ist ihnen ja jederzeit freigestellt, die israelische Politik zu kritisieren. Aber das ist etwas anderes, als  wenn man sagt: Man muss ein gesamtes Volk boykottieren, und darum geht es hier in Wahrheit.

Es soll sich kein Israeli, der in seinem Heimatland lebt, mehr ein Konzert eines ausländischen Künstlers ansehen können. Zum Vergleich: Roger Waters hat überhaupt kein Problem damit, im nächsten Jahr im Olympiastadion in Moskau aufzutreten, in einem Land, das von einer autoritären Regierung geführt wird, die Menschenrechte mit Füßen tritt, die die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektiert hat und die als Partei im syrischen Bürgerkrieg für entsetzliche Massaker mitverantwortlich ist.

Für Roger Waters ist das kein Problem – jedenfalls fordert er deswegen keinen Kulturboykott gegen Russland, und er boykottiert deswegen auch nicht das gesamte russische Volk. Diese Gleichsetzung zwischen Politik und Volk vollzieht er ausschließlich im Fall Israel, und das zeigt, dass seine Position eben nicht antiisraelisch ist, sondern schlicht antisemitisch.

Wie soll man nun darauf reagieren?


Man sollte erstmal wieder und wieder darauf hinweisen, mit was für Leuten man es hier zu tun hat, Roger Waters ist ein Antisemit, und wer im nächsten Jahr in Berlin sein Konzert besucht, besucht das Konzert eines Antisemiten. Was uns zu der Frage führt, ob man zwischen den politischen Ansichten oder dem schlechten Charakter eines Künstlers und seiner Kunst trennen kann; diese Frage haben wir in den letzen Wochen desöfteren im Zusammenhang mit der Debatte über Sexismus und sexuelle Nötigung erörtert. In dem Fall schienen sich alle einig zu sein: Da wird nichts mehr getrennt. Filme mit Kevin Spacey werden nicht mehr geguckt, aus noch nicht fertigen Filmen schneidet man ihn heraus. Soll man das jetzt mit Pink Floyd genauso halten? Interessante Überlegung.

Man könnte zum Beispiel politisch korrekte Editionen der Pink-Floyd-Platten herausbringen, auf denen die Bassgitarre von Rogers Waters fehlt oder von jemand anderem nachgespielt wird. Garantiert antisemitenfrei! Wobei ich persönlich auf Pink Floyd auch ganz verzichten könnte – im Unterschied zu vielen Platten von Brian Eno oder Platten, an denen Brian Eno mitgewirkt hat, sagen wir mal: die Berliner Trilogie von David Bowie. Da wird es auch schwierig, ihn rauszuschneiden, weil er als Produzent ja an jeder einzelnen Aufnahmestufe beteiligt war. Man müsste David Bowies Schaffensprozess also historisch soweit rekonstruieren, dass man alle jene Punkte findet, mit denen Eno nichts zu tun hatte, um dann Eno-freie Versionen der Lieder aufnehmen zu können.

Man sieht: Wenn wir alle uns auf die Logik von Eno und Waters, auf die Logik der Boykotteure und Zensoren einlassen, ist noch eine ganze Menge zu tun.