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Wenn der Terror Kinder und Jugendliche angreift

Ein Attentäter zündete gestern Abend im nordenglischen Manchester unmittelbar nach einem Popkonzert des US-Teenie-Stars Ariana Grande einen Sprengsatz. Er riss 22 Menschen mit in den Tod. 59 weitere Besucher des Konzerts wurden verletzt. Ziel seien diesmal bewusst Jugendliche gewesen.

Polizisten legen am 23.05.2017 auf der St Ann's Square in Manchester Blumen ab © Martin Rickett/PA Wire/dpa
Polizisten legen am 23.05.2017 auf der St Ann's Square in Manchester Blumen ab © Martin Rickett/PA Wire/dpa

Dass sich Terroristen immer wieder bevorzugt Anschlagsziele aussuchen, in denen Menschen das Leben feiern, bei Straßenfesten, beim Fußball, auf einem Weihnachtsmarkt oder mit Musik, wie gestern bei einem großen Pop-Konzert in Manchester, das ist nicht neu. Stichwort: Bataclan in Paris; Stichwort Nizza – oder auch Breitscheidplatz. Der Terror greift unsere Kultur an. Dass sich aber ein Terrorist auf einem Konzert in die Luft sprengt, zu dem vor allem Kinder und Jugendliche gehen, so wie gestern in Manchester, das erreicht eine neue, perfide Dimension - oder?

Ein Kommentar von Jens Balzer von der Berliner Zeitung.


Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich: Das Töten von Menschen, gleich welchen Alters, unter welchen Umständen und bei welchen Anlässen auch immer, ist perfide; jedes Menschenleben, das ein solcher Attentäter vernichtet, ist Anlass zur Trauer. Wir wissen ja bislang nicht, wer der Attentäter gewesen ist und was seine Motivation war, aber – das hat der Terrorismusexperte Michael Götschenberg heute schon im "Schönen Morgen" von radioeins gesagt – solche Leute interessieren sich gar nicht dafür, wen sie treffen, es geht ihnen nur um die größtmögliche Zahl an Toten.

Dennoch haben Sie recht, etwas ist anders nach diesem Anschlag in Manchester, und das hat natürlich damit zu tun, dass dieses Konzert vor allem von Kindern und Jugendlichen besucht wurde. Die Sängerin, Ariana Grande, ist ja selber kaum dem Teenie-Alter erwachsen. Ihre Erkennungszeichen sind Häschenohren aus Lackleder, halb Kindergartenkostüm, halb BDSM, sie verbindet die Teenie-typische Sehnsucht nach Erwachsensein, Sex und Abenteuer mit dem ebenso Teenie-typischen Wunsch danach, immer ein Kind zu bleiben, die Unschuld zu behalten und von den Eltern behütet zu sein.

Und das beschreibt ja auch die Lage bei ihren Auftritten: Oft ist es für die Zuschauer das erste Mal, das sie bei so einem Konzert sind; die werden dann von den Eltern zur Halle gebracht und am Ende auch wieder abgeholt; und wer Kinder in diesem Alter hat, weiß, dass man auch unter ganz normalen Umständen ein mulmiges oder zumindest sentimentales Gefühl haben kann, wenn man sie so ganz alleine in so einer großen Menge verschwinden sieht. Die Perspektive derjenigen, die vor der Halle zurückbleiben, ist auch: dem Kind beim Erwachsenwerden zusehen, also: es gehen zu lassen aus der eigenen Behütung im Vertrauen darauf, dass es ihm gut gehen wird.

Das ist eine psychologisch wirklich hoch aufgeladene Situation. Und in dieser Situation jagt sich dann jemand in die Luft und tötet so viele Menschen, wie er nur kann. Das heißt: Er greift die Kinder an und das Vertrauen der Eltern darauf, dass die Kinder auch sicher sind, wenn man sie nicht beschützt. Das verdoppelt die Verunsicherung und die Angst; mich persönlich haben die Bilder und die Tweets aus Manchester heute morgen so verstört wie bislang nichts zuvor.

Bisher hat sich nach den bösen Anschlägen in Europa immer sofort die Durchhalte-Parole durchgesetzt: Wir lassen uns davon nicht in unserer Freiheit einschränken. Wir besuchen weiter Konzerte, Fußballspiele oder auch Weihnachtsmärkte. Sagen wir also unseren Kindern nun auch nach Manchester: Ihr geht weiter auf Konzerte, für die Freiheit?


Das sagen wir unseren Kindern natürlich nicht. Denn sie sollen nicht auf Konzerte gehen, um irgendwas zu symbolisieren, sondern weil sie Lust dazu haben. Wir sagen unseren Kindern aber eben auch nicht: Ihr geht jetzt nicht mehr auf Konzerte, weil wir zu viel Angst um Euch haben. Das würde ja so viel heißen wie: Ihr dürft nicht mehr erwachsen werden. Dieses Dilemma ist nicht zu lösen, und vielleicht zeigt sich darin die Perfidie, nach der Ihr vorhin gefragt habt. Nach den bisherigen Anschlägen konnte man sagen: Wir, als autonome Subjekte, lassen uns davon nicht beirren. Diesmal trifft der Anschlag Subjekte, die gerade nicht autonom sind beziehungsweise sich erst auf dem Weg zur Autonomie befinden. Die Attentäter nehmen die Eltern dieser Kinder mit in die Verantwortung für das Leid an ihrer Tat und machen die Eltern damit zu ihren Komplizen.

Ich war immer sehr optimistisch, dass unsere Gesellschaft, unsere Kultur das alles aushalten wird. Aber ich glaube, dass wir diesen Tag als einen in Erinnerung behalten werden, an dem sich etwas Grundlegendes geändert hat.