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Berliner Pop-Kultur-Festival von Israel-Boykott betroffen

Vom 23. bis 25. August findet die dritte Ausgabe des Festivals Pop-Kultur in der Kulturbrauerei statt. Das internationale Festival bietet neben Gesprächen, Lesungen, Ausstellungen und Filmen auch viel Musik. Doch jetzt wurde Pop-Kultur zum Ziel der internationalen BDS-Kampagne ("Boycott, Divestment, Sanctions") erklärt, die immensen Druck auf alle arabischen Künstler in dem Line-up ausgeübt.

Pop-Kultur Artist Pictures 2017
Pop-Kultur Artist Pictures 2017 | © Music Board Berlin

Mitte nächster Woche startet in Berlin ein extrem Berlin-typisches Festival. Tagsüber netzwerkt man, hört sich in Panels die Vorträge von tollen Speakern an, bewundert gerne Power-Point-Wunderwerke und feiert später am Abend in den Berliner Clubs -  so soll es eigentlich werden, das Festival Pop-Kultur.

Jetzt gab es allerdings im Vorfeld ein wenig Aufregung: Einige Künstler und Künstlerinnen aus arabischen Ländern sagten ihre Auftritte ab. Begründung: Die „Pop Kultur“ werde von der israelischen Botschaft gesponsert und der Staat Israel nehme auch inhaltlich Einfluss auf die Ausrichtung des Festivals.

Berlins Kultursenator hat sich schon aufgeregt, die Chefin des Musicboards ist ebenfalls entsetzt. Festivalchefin Katja Lucker stellte klar, dass die israelische Botschaft eine von mehr als 32 Partnern sei und Partner und Geldgeber keinerlei Einfluss auf die programmatische Ausgestaltung des Festivals haben.

Arabische Künstler und Künstlerinnen boykottieren das Festival – ist das nicht schlicht ihr gutes Recht? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

Music Board Berlin
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Ist es natürlich. Jeder und jede darf so viel boykottieren wie er oder sie will. Zudem hab ich auch grundsätzlich überhaupt nichts dagegen, wenn Künstler, Musikerinnen sich politisch äußern, das machen sie ja normalerweise eher zu wenig – ich gestehe selbstverständlich jedem eine Meinung zu, so lange sie Menschenrechte und Menschenwürde nicht verletzt und nicht auf Fake News basiert. Aber ich würde gern ein paar Fakten in die Diskussion werfen:

Erstens: Die israelische Botschaft ist einer von 40 Unterstützern des Festivals, neben zum Beispiel der Bundesregierung, der Europäischen Union, dem Institut Francais, Dussmann, Cinestar, der taz, Berliner Pilsner, Sennheiser und radioeins.

Zweitens: Die Summe die die israelische Botschaft beigesteuert hat beträgt 500 Euro Reisekostenzuschuss für eine Künstlerin, im Gegenzug wird das Logo der Botschaft auf der Website genannt. radioeins erscheint als Medienpartner ebenfalls auf der Website, übrigens für umme, wer es wissen will.

Und drittens: Den Boykott haben sich die Künstler und Künstlerinnen, es geht unter anderem um eine tunesische Sängerin namens Emel Mathlouthi und ein ägyptisches Elektronik-Trio, die haben sich also die Boykott-Idee nicht selbst ausklamüsert, die hatten ja schließlich ihre Auftritte eigentlich zugesagt, sondern die transnationale Initiative BDS, das steht für Boycott, Divestments and Sanctions, auf Deutsch Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen. Die hatte ein Statement des syrischen Rappers Abu Hajar übernommen, der im Berliner Exil für Freiheit in Syrien rappt, und auch beim Pop-Kultur-Festival auftreten sollte, aber nun eben Israel vorgeworfen hat, seine anti-arabischen Ansichten durch die Festivalbeteiligung Zitat „weißwaschen zu wollen“.

Die BDS, die dafür kämpft, Israel kulturell, politisch und wirtschaftlich zu isolieren, die hatte also nun die arabischen Künstler und Künstlerinnen laut Medienberichten in einem persönlichen Anschreiben zum Boykott des Berliner Festivals aufgefordert. Und das finde ich wiederum extrem fragwürdig: Können denn Künstler oder Künstlerinnen nicht selbst entscheiden, ob sie bei einer 500 Euro Fahrtkostenbeteiligung an einem diskursiven Kulturfestival, bei dem ja eben genau aus dem Grund arabische UND israelische Menschen eingeladen werden, um einen Austausch möglich zu machen und eine Vielfalt herzustellen, ob sie also dabei wirklich politische Einflussnahme befürchten? Und wie sollte die aussehen?

Beziehungsweise: Selbst wenn man extremer Israelkritiker ist und das Ziel hat, Israel zu isolieren, wie die BDS, geht der Weg dorthin darüber, dass man als arabischer Künstler nicht auf einem deutschen Festival spielt, und damit dort einfach mal keine arabische Stimme erklingen lässt? Irgendwie passt das doch so nicht zusammen.

Das ist meiner Ansicht nach keine politische Arbeitsweise, sondern propagandistisch, realitätsfern und kontraproduktiv, dazu auch noch einfach schade. Das einzig Gute für die Pop-Kultur ist, dass das Festival auf diese Weise nochmal so richtig durch die Medien und damit in die Köpfe der Leute kommt, und sich fast unfreiwillig als politisches Event positioniert. Und sage ich Thumbs up: je mehr Politik in den Pop diffundiert, desto mehr Mainstream geht baden. Ist doch schön.