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Ägyptische Sängerin wegen freizügigem Video zu Haftstrafe verurteilt

"I have issues" von Shyma wird hier womöglich kein Hit. In Ägypten kennt diesen Song jeder. Gestern wurde die 25jährige Sängerin  jedoch zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe von 10.000 ägyptischen Pfund, das sind knapp 480 Euro, verurteilt. Vorher saß sie schon wochenlang in Untersuchungshaft. Der Regisseur des Videoclips zu Shymas Song wurde auch verurteilt.

Shyma isst in ihrem Song "I have Issues" eine Banane - abfotografiert auf einem Bildschirm © YouTube/radioeins
Shyma isst in ihrem Song "I have Issues" eine Banane - abfotografiert auf einem Bildschirm | © YouTube/radioeins

Wieso? Anstiftung zur „Verkommenheit“ und zur „Ausschweifung“ wird beiden vorgeworfen. Denn: In dem Video tritt Shyma vor einer Klasse junger Männer in Unterwäsche auf und singt, während sie anzüglich einen Apfel und eine Banane isst.

Wie isst man suggestiv eine Banane? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

YouTube/radioeins
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Ich mach das gern gleich sofort vor, aber zu allererst möchte ich mal kurz das Video beschreiben, um das es geht. Man stelle sich vor: Shyma, junge Frau mit dunklen Haaren, Bleistiftrock und dekolletiertem Top, steht als Lehrerin vor einer Klasse mit erwachsenen Männern, viele von ihnen in Bauarbeiteruniform. Also scheint es sich irgendwie um eine Abendschule zu handeln, hab ich gedacht, sonst wären die ja nicht erwachsen, vielleicht ein Volkshochschulkurs, Lerninhalt ist wohl Biologie oder Gender, denn es sind an der Tafel, vor der sich Shyma räkelt, mit Kreide gemalte Frauen- und Männersymbole zu sehen, daneben sieht man ein Wort, das mit Vag anfängt, Shyma verdeckt allerdings den Rest, und dann steht da noch Hashtag 69, was sich – natürlich – auch einfach um die Kursnummer handeln könnte.

Shyma singt den wissbegierigen Bauarbeitern also etwas vor, was, verstehe ich natürlich nicht, sie hat aber auch Pausenbrotutensilien dabei bzw. ein Erdnussbutterbrot, diese Banane und einen Apfel, und leckt ab und an am Obst, beißt von der Banane ab, gießt dann noch ihre Pausenmilch in Zeitlupe über eine neue Banane, und spätestens da müsste der Groschen ja eindeutig fallen – so ganz frei von sexuell als aufreizend geltenden Symbolen ist das Video tatsächlich nicht.

Aber das sollte selbstverständlich, auch wenn ich mich jetzt über die Ästhetik lustig mache, schnurzpiepe sein – wenn das nunmal Shymas Ding ist, Bauarbeitern Bananen vorzuessen, dann sollte sie das natürlich tun können, so lange sie will – sie ist ja erwachsen, und es gibt viel schlimmere Fantasien.

Hier kommt nun aber die ägyptische Justiz ins Spiel, und der Skandal neben der Verurteilung ist, dass Shyma das Video im November auf ihrer Facebookseite gepostet hatte, und ein bekannter ägyptischer Blogger daraufhin wegen sexueller Inhalte eine Kampagne gegen sie gestartet hat – das hat auch geklappt, Facebook hat die Seite geschlossen, so schnell geht das bei denen manchmal, und obwohl sich Shyma längst überall entschuldigt hat, war es zu spät – unter Präsident Abdel Fatah El-Sisi, der nach dem Putsch seit 2014 das Land führt, wurde sie nun verurteilt.

Was ja irre ist, denn anscheinend hatte sie und hatten auch andere nicht mit einem solch harten Durchgreifen gerechnet, obwohl das nicht das erste Mal ist, dass so etwas passiert, vor zwei Jahren wurden schon einmal zwei Bauchtänzerinnen wegen ihrer Musikvideos zu Gefängnis verurteilt. Und mit einer solchen Geschichte kriegt nebenbei die hiesige Sexismus-Diskussion gleich einen ganz anderen Beigeschmack, denn wie gesagt: Shyma geriet nicht wegen Sexismus unter Beschuss, sondern wegen sexueller Freizügigkeit.

Das Ganze ist aber jetzt tatsächlich überhaupt nicht mehr komisch, seit 2014 wird die Atmosphäre unter El-Sisi immer intoleranter und bedrohlicher für die Menschenrechte, der Präsident lässt auch Homosexuelle verfolgen und inhaftieren, und wenn man sich dann noch ins Gedächtnis ruft, dass Al-Sisi ja großer Trump-Fan ist und umgekehrt, dann fällt selbst mir nichts Aufmunterndes mehr ein.

Ich kann nur hoffen, dass Shymas Anwälte, wenn sie denn welche bekommt, es schaffen, die Theorie mit dem Biologie-Volkshochschulkurs vor Gericht geltend zu machen. Und aus Solidarität würde ich mir wünschen, dass jetzt ganz viele Menschen Videos posten, in denen sie suggestiv Bananen essen, und dabei als ägyptische Regierungsmitglieder verkleidete Männer unterrichten. Oder vielleicht sollten sie lieber Mini-Gürkchen essen. Das trifft dann noch mehr.