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Plakat-Aktion auf der Fashion Week mit geflüchteten Syrern als Models

Wie immer im Januar stapeln sich an einigen Orten oder besser Locations unserer Stadt momentan wieder die Fashion-Victims, denn noch bis Freitag geht die alljährliche Berlin Fashion Week. Dagegen ist natürlich nix zu sagen. Dennoch bekommt das mit den Victims in diesem Jahr einen Beigeschmack.

Plakatmotive der Kampagne "#menschlichkeit steht dir am besten"
Plakatmotive der Kampagne "#menschlichkeit steht dir am besten"

Eine Hamburger Werbeagentur hat eine Plakataktion in der Stadt geschaltet, die einer Modekampagne täuschend ähnlich sieht. Syrische Geflüchtete präsentieren auf den Bildern Klamotten für ein angebliches Label namens namens „Epic Escape“. Wenn man genau hinschaut, sieht man jedoch, dass es sich um eine Spendenaktion handelt und man erfährt etwas über die Schicksale der Männer und Frauen. Das Ganze fällt in der Tat auf, wurde aber in den Medien auch schon als geschmacklos bezeichnet.

Darf man so etwas Oberflächliches wie Mode mit Flüchtlingsschicksalen vermischen? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.


Da fragt ihr natürlich die Richtige. Ganz klar: Aber hallo darf man das. Aus vielen verschiedenen Gründen. Erstens: Mode und damit auch Modedesign ist erstens mal nicht oberflächlich, sondern eine ernstzunehmende Kunstform, die sich zugegeben oft seicht präsentiert, aber kein bisschen oberflächlicher ist, als beispielsweise die Architektur, von der ja auch niemand behaupten würde, man könne sie nicht ernst nehmen. Mode hat aus mehreren Gründen einen schlechten Leumund, einer ist zum Beispiel die alte falsche Annahme, Mode und Intellektualität würden sich per se ausschließen, und nur weil jemand modisch oder einfach ansehnlich sei, könne er nicht gleichzeitig schlau, nachdenklich oder tiefgründig sein. Das ist Bullshit, und kommt aus einer jahrzehntelangen gesellschaftlichen Entwicklung, die viel mit dem Patriarchat und der darin den Frauen zugewiesenen schmückenden Rolle zusammenhängt, mit anderen Worten: Seit ein paar Hundert Jahren, es war nicht immer so, sind diejenigen, die sich schmücken, die Machtlosen, politisch Unwichtigen, Oberflächlichen.

Ich würde sogar so weit gehen, dass das in der heutigen Gesellschaft immer noch in vielen Bereichen vorherrschende Vorurteil gegenüber Mode, diese betonte Interessiert-mich-nicht-Haltung vieler Menschen tatsächlich auf ähnlichen Wurzeln ruht: Für den Durchschnittsmodemuffel, den es in Berlin ja ausnehmend oft gibt, ist Mode nur ein Thema für Frauen und Schwule. Und das sind genau die gesellschaftlichen Gruppen, für die sich der Durchschnittsmodemuffel nicht interessiert, denn was wichtig ist, wird von Heteromännern gemacht, und die haben keine Zeit für den Schnickschnack mit der Mode. Ich übertreibe extra ein bisschen, aber das muss jetzt sein.

Der zweite Grund dafür, eine solche Kampagne völlig legitim zu finden, ist die Vielseitigkeit der Kunstform Mode: Auch in der Mode gibt es Storytelling, das schon ewig in allen Werbekampagnen benutzt wird, und damit kann man ja zur Abwechslung auch mal echte Storys erzählen – man macht sie damit meiner Ansicht nach nicht kaputt, sondern erhöht nur ihre Durchschlagskraft. Und ich finde, dass gerade in Bezug auf relevante Themen wie die Toleranz- oder Empathiesteigerung gegenüber Geflüchteten so ein Mittel allemal recht ist. Es gab übrigens vor nicht so langer Zeit auch schon mal eine Plakatkampagne, die in Werbeästhetik auf die Schicksale der indischen Sweatshops aufmerksam gemacht hat, das fand ich ebenfalls spitze.

Der letzte Grund ist, dass bei der Kampagne ja nun nicht die schönsten jungen Syrer und Syrerinnen erzählen, wie sie die Flucht dank der Outdoorjacke eines bestimmten Labels geschafft haben. Das würde ich nämlich auch wirklich verlogen finden. Nein, das sind einfach Menschen, die trotz widrigster Gründe bis hierher kommen konnten – und denen klatsche ich persönlich lieber Applaus als jedem staksenden Topmodel.

ico-blame

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