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Die Volksbühne baut ihr Wahrzeichen ab

Die Rad-Skulptur vor der Berliner Volksbühne wird bald verschwinden. Der Designer Rainer Haußmann, der die Metallskulptur gebaut und 1994 vor dem Theater aufgestellt hatte, soll entschieden haben, dass das sogenannte "Räuberrad" spätestens zum Ende der Spielzeit im Juli abgebaut wird.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin © imago/Schöning
Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin © imago/Schöning

Ein Wahrzeichen des Rosa-Luxemburg-Platzes in Berlins Mitte verschwindet. Die Laufendes-Rad-Skulptur vor der Volksbühne wird nach über zwanzig Jahren wieder abgebaut. Das habe der Schweizer Designer Rainer Haußmann entschieden, teilte die Volksbühne mit. Spätestens zum Ende der aktuellen Spielzeit im Juli und damit zum Ende der Intendanz von Frank Castorf wolle Haußmann die Skulptur entfernen.

Im August bekommt die Volksbühne mit dem belgischen Museums-Manager Chris Dercon einen neuen Intendanten. Dercon will die Skulptur angeblich behalten, und da wir ja wissen, dass Castorf- und die Volksbühnenbelegschaftstimmung bezüglich des Nachfolgers Chris Dercon gerade gar nicht gut ist, fragen wir uns natürlich, wer hier eigentlich wirklich ein Rad ab hat?

Wieso soll das laufende Rad vor der Volksbühne verschwinden? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.


Ich nehme an damit die Streichholzschachteln mit dem Radsymbol zu Sammlerobjekten werden, und man dann abends in den paar  wenigen übriggebliebenen Raucherküchen der Stadt sitzt, mit dem Volksbühnenstreichholz Zigaretten ansteckt, dabei nostalgisch auf das Rad guckt und sagt: Ach früher war alles besser! Da war der Castorf noch da, und das Rad war noch da, und es war noch nicht so voll in der Stadt, und ich war jung, und jetzt hat uns die Zukunft überrollt, alles ist scheiße und die Volksbühne ein Touri-Entertainmentpark mit Shopping Mall, geführt vom kapitalistischen Theater-Totengräber Chris Dercon.

Womit ich sagen will: Es gibt absolut keinen Grund, dieses vom Designer Rainer Haußmann nach einer Idee des langjährigen Bühnenbildner Bert Neumann geschaffene Werk abzubauen. Keinen einzigen – außer so eine gewisse beleidigte Leberwurst-Attitüde, die man dann wenigstens zugeben könnte, finde ich.

Also wenn Castorf jetzt deutlich sagen würde: Für MICH wurde schließlich das Rad erfunden, und wenn ich gehen muss, dann geht es mit mir – das hätte ja eine gewisse überzeugende megalomane Größe. Aber die Information so gemauschelt raushauen, und behaupten, der Rad-Designer Haußmann selbst wolle es nicht mehr dort stehen sehen, aber Haußmann hat sich bislang dazu noch gar nicht gemeldet weil er anscheinend ohne Handy verreist ist, was ich ja auch in Ordnung finde, aber das klingt eben alles ein bisschen sehr nach Beef zwischen Teens. Daran erinnert einen das Verhalten der Theaterbestager ja eh schon eine Weile.

Das Rad stand seit 1994 da, sollte an einen Gauner-Zinken erinnern, das ist diese symbolische Geheimschrift, mit der sich Vaganten, also Fahrensleute oder auch Räuber untereinander verständigten und Infos weitergaben: „Hier gibt's Arbeit“ oder „Hier gibt's Essen“ und die man unter anderem mit Kreide an die Häuser schrieb – und das Tolle an dem Volksbühnenzinken fand ich ja immer, dass er sozusagen in direkter Korrespondenz mit dem anderen großen Berliner Räuber-Zinken, dem Mercedes-Benz-Stern auf dem Europacenter stand, der ja eindeutig bedeutet: „Hier gibt's Bonzen“ beziehungsweise „Hier wohnt der Kapitalismus“.

Womit soll der doofe Stern denn dann kommunizieren, wenn Haußmann und der Volksbühnendramaturg Hegemann tatsächlich das Rad abbauen? Und zu klären wäre auch noch, wer das Ganze bezahlt, und wem es letztendlich gehört, es ist überhaupt noch nicht klar, bei wem die Rechte an dem Symbol liegen, ob das der verstorbene Bühnenbildner Naumann beziehungsweise seine Erben sind, oder eben der Designer. Das ist ja bei Kunst im öffentlichen Raum sehr unterschiedlich.

Ich anstelle des neuen Volksbühnenleiters Chris Dercon würde jedenfalls den befürchteten Untergang des Abendlandes so plakativ wie möglich auf den Rasen knallen: Ich würde an der freien Stelle entweder eine riesige, von Jeff Koons gemodelte Prozactablette aufstellen lassen, oder warum nicht gleich mit den Wölfen heulen und Werbeverträge abschließen und ein großes rundes Becks-Werbelogo dahinsetzen, oder Vodafone oder Firefox, oder, wenn man nicht an der Kreisform hängt, ein McDonalds-M, oder ein umgedrehter Rollkoffer als Symbol für den Mitte-Tourismus. Dann könnten sich die Radfans so richtig schön aufregen und es fliegen endlich mal wieder ein paar Farbbeutel.

ico-blame

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