Do 23.11. 16:41

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ZDF-Produktion "Familie Braun" holt International Emmy

Stellen Sie sich vor, jemand bekommt einen tollen, wichtigen, international angesehenen Super-Preis und niemanden interessiert es. Unmöglich? Nein, durchaus möglich!

Beatrice Kramm (li.) und Lucia Haslauer freuen sich in New York über die Auszeichnung mit dem International Emmy in der Kategorie Short-Form-Series für die ZDF-Serie "Familie Braun" © dpa
Beatrice Kramm (li.) und Lucia Haslauer freuen sich in New York über die Auszeichnung mit dem International Emmy in der Kategorie Short-Form-Series für die ZDF-Serie "Familie Braun" | © dpa

Die ZDF-Dramedy-Serie "Familie Braun" ist am 20. November 2017 in New York mit dem International Emmy in der Kategorie "Short-Form-Series" ausgezeichnet worden.

Kurz zum Inhalt: eine WG, bestehend aus den Nazis Thomas und Kai, bekommen eine neue Mitbewohnerin und zwar die kleine Tochter von Thomas, die dieser unwissentlich vor sechs Jahren mit einer Frau aus Eritrea gezeugt hat. Das kleine, schwarze Mädchen bringt den Nazihaushalt kräftig durcheinander, das kann man sich gut vorstellen.

Wie ist diese Auszeichnung für „Familie Braun“ einzuschätzen? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.


Diese Auszeichnung zeigt mehrere Dinge: Die Jury aus internationalen Fernsehschaffenden steht anscheinend darauf, wenn eine deutsche Produktion sich in irgendeiner Art und Weise mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt – im letzten Jahr hatte ja „Deutschland 83“ über den kalten Krieg in Ost und West den Award für die beste Dramaserie bekommen, zwei Jahre vorher staubte „Unsere Mütter, unsere Väter“ über eine Clique junger Leute im zweiten Weltkrieg den Preis für den besten Fernsehfilm ab. Insofern passt die Dramedy „Familie Braun“ da ganz gut rein. Ist ja selten, dass Deutschland international überhaupt mit Humor in Verbindung gebracht wird, mit fällt da nur The Deadly Joke ein.

Ob die Serie aber tatsächlich lustig ist, ist die andere Frage. Ich finde es nicht komisch, Nazis als knuddelige Spinner zu verharmlosen, die sich vor allem durch das Benutzen von rassistischen Begriffen und Hitlerverehrung auszeichnen – es gibt jede Menge Dinge, über die ich mehr lachen kann, dazu komm ich später noch. Was für eine schöne Welt wäre das allerdings, wenn Rechtsradikale tatsächlich alle nur untervögelte, etwas tumbe, aber herzensgute Loser wären. Dann könnte man das Problem mit ihnen nämlich ganz leicht lösen. Ich finde die Serie zudem formal nicht wirklich gelungen, für ein so kurzes Format ist sie eher schwerfällig getextet, für eine Webserie, bei der ja in den ersten Sekunden schon was knallen muss, ist sie relativ langsam erzählt,  und außer in dem übermäßigen Gebrauch von unkorrekten Worten ist sie weder wirklich provokant noch subversiv, sondern eigentlich das, was für andere Leute Pimmelwitze sind, nur eben mit Nazis und Hitler. Aber was soll man sagen: Über Pimmelwitze gackern auch jede Menge Menschen.

Aber Angst haben, dass noch Unschlüssige, dem rechten Spektrum zutrudelnde menschen wegen dieser Serie und wegen des International Emmy Awards jetzt Nazis werden, das braucht man glaube ich nicht: Eben weil Nazis verharmlost und verniedlicht werden, sind die beiden fiktionalen Protagonisten als Vorbild für echte Rechte natürlich auch viel zu harmlos und zu niedlich. Die regen sich vermutlich nicht mal darüber auf.

Im Übrigen kann man ja bald live beobachten, was Rechte tun, wenn sie sich wirklich über Kunst aufregen: Aktionskünstler vom Zentrum für Politische Schönheit haben gestern nämlich ein aus 24 riesigen Steinen bestehendes selbstgemachtes Holocaust-Mahnmal direkt vor die Haustür von Björn Höcke im thüringischen Bornhagen gepflanzt, wir erinnern uns, das ist der AfD-Politiker der das Berliner Holocaust-Mahnmal neulich als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hat. Vor Höckes Haustür tobt also jetzt gerade der Bär, und ich bin echt gespannt auf die Entwicklungen. Und darüber musste ich seit gestern schon viel mehr kichern als über die gesamte Staffel Familie Braun.