Niederlande

Galgenfrist für 1008 kHz

Der Mittelwellensender Zeewolde bleibt über den 31. August 2017 hinaus in Betrieb. Grootnieuws Radio einigte sich mit dem Besitzer der Antennenmasten, der staatlichen Organisation Novec, auf eine Galgenfrist. Wie lang sie sein wird, hängt davon ab, ob noch einmal Wartungsarbeiten nötig wären.

Sender Zeewolde
MW-Sender Zeewolde (Foto: Jan Joris Vereijken, CC-BY-SA)

Wie Grootnieuws Radio mitteilte, solle der Sendebetrieb nun in jedem Fall bis zum 1. März aufrechterhalten bleiben.

Sofern das Jahr 2018 hindurch keine größeren Wartungsarbeiten an den Masten erforderlich werden, sollen die Ausstrahlungen bis zum 1. Januar 2019 fortgesetzt werden. Eine noch weitere Verlängerung wird von Grootnieuws Radio nicht (mehr) angestrebt.

Novec wollte die Sendestation Zeewolde eigentlich schon 2016 aufgeben und verwies dazu auf immer weiter steigende Kosten für den Erhalt der Anlage. Deren Betrieb sei dadurch unwirtschaftlich geworden.

In den letzten Monaten war dann die Rede von einer Abschaltung zum 1. September, wovon Grootnieuws Radio erst durch Medienberichte erfuhr. Wie es dabei hieß, solle das Grundstück mit einem Windpark überbaut werden.

Das erinnert daran, wie dem Mitteldeutschen Rundfunk die Sendeanlage der Mittelwelle 882 kHz in Wachenbrunn bei Themar zum 1. Juli 2011 gekündigt wurde, um das Gelände an einen Solarparkbetreiber zu verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt wollte auch der MDR den Verbreitungsweg Mittelwelle noch nicht aufgeben.

Stand vom 07.08.2017


 

Zu den Hintergründen der Archivbericht vom Juli 2016:
 

Grootnieuws Radio ist ein protestantisches Missionsprogramm, das seit 2007 aus Zeewolde auf 1008 kHz sendet. Es hatte die Frequenz seinerzeit von Radio 10 übernommen, das sein Programm hier ab 2004 verbreitete, die Nutzung dieser Großmittelwelle aber nicht dauerhaft durch Werbeeinnahmen finanzieren konnte.

Auch die Übertragung von Grootnieuws Radio stand 2008 schon auf der Kippe. Über Tage hinweg wurde nur noch ein vom Spendenaufrufen durchsetztes Musikprogramm gesendet.
 

Geschichte des Senders Zeewolde

Der Mittelwellensender Zeewolde war von der damaligen Berliner Firma Telefunken Sendertechnik ausgestattet worden. Er übernahm 1980 den Betrieb der Frequenzen 747 und 1008 kHz, wobei die beiden Masten nicht als Einzelantennen, sondern als gemeinsames, komplexes Zweimast-Richtsystem eingerichtet sind.

Telefunken installierte jeweils 600 kW starke Sender einer damals gerade eingeführten, in den Leistungsstufen noch mit Röhrentechnik arbeitenden Typenreihe mit Pulsdauermodulation. Die originale Sendetechnik soll auf 1008 kHz auch jetzt noch mit stark reduzierter Leistung (über den genauen Wert gibt es nur Gerüchte) im Einsatz sein.

Ursprünglich lief auf 1008 kHz der Vorgänger des heutigen Radio 2. Ab 1983 wurden in das Programm typische Mittelwellen-Sondersendungen eingestreut und ab 1985 hier als eigenständiges fünftes Programm präsentiert.

2003 hatte der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Frequenz 1008 kHz zugunsten des kommerziellen Sektors (und damit ab 2004 zunächst Radio 10) zu räumen. Radio 5 wechselte, dies aus Marketinggründen bereits mit einem vorgezogenen Tausch im Jahre 2001, auf die ursprünglich von Radio 1 genutzte Frequenz 747 kHz.

Damit entfiel die Mittelwellenverbreitung von Radio 1. Sie lebte 2011 unerwartet noch einmal auf, als gleichzeitige Havarien an zwei UKW-Großanlagen zu größeren Versorgungslücken führten. Für drei Wochen wurde daher die Verbreitung von Radio 5 auf 747 kHz unterbrochen.

Anschließend nutzte der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Niederlande für sein Radio 1 im August und September 2011 noch den Mittelwellensender Orfordness bei Ipswich. Es handelte sich um die letzten Ausstrahlungen überhaupt, die dort auf der Frequenz 648 kHz liefen, die der BBC World Service fünf Monate zuvor aufgegeben hatte.

Zum 1. September 2015 endete schließlich auch die Ausstrahlung von Radio 5 auf 747 kHz. Seinerzeit nutzten noch 250.000 Hörer und damit ein Viertel des Gesamtpublikums dieses Programms die Mittelwelle als Empfangsweg.
 

Bereits eliminierter Vorgänger in IJsselstein

Vorgänger des Mittelwellensenders Zeewolde war ein Senderkomplex in IJsselstein bei Utrecht. Dort verblieb die Frequenz 675 kHz, die 2008 das katholische Radio Maria Nederland übernommen hatte.

In einer Entwicklung, die nun auch seinem protestantischen „Gegenstück“ bevorsteht, verlor Radio Maria Nederland ebenfalls zum 1. September 2015 seine Sendemöglichkeit aus IJsselstein. Nur vier Tage später wurde der Antennenmast gesprengt.

Sender IJsselstein
Senderkomplex IJsselstein, Zustand vor dem Beginn erster Rückbauten 2004 (Foto: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed)

 

Autor: Kai Ludwig