am Montag, 11.11.2002, 20:00 Uhr
Beth Gibbons und David Lynch in Paris
Ganz in blau
Der Kontrast könnte nicht größer sein: hier die weltscheue, von Urkräften getriebene, hochempfindliche, allein der authentischen Emotion verpflichtete Künstlerin, und dort eine Bande kalt wütender Provokateure, die nichts anderes im Sinn haben, als mit dem Publikum Schlitten zu fahren. Das Spektakel ist perfekt, man spricht von Skandal, der Abend ist gelungen.
Aber der Reihe nach. Beth Gibbons, die geheimnisumwobene Sängerin der englischen Band Portishead, die die dunkele Seite des Trip Hops in den neunziger Jahren am prominentesten vertrat, gibt mit ihrem neuen musikalischen Partner Rustin' Man alias Paul Webb von der einstigen Synthipopband Talk Talk das zweite der vorerst beiden einzigen Konzerte. Anlass ist ihr Album Out Of Season, das vom englischen Musikmagazin MOJO in seiner November-Ausgabe zu einem der besten aller Zeiten gekürt wurde. Nach London treten sie nun in Paris auf, im berühmten Olympia mit seinem Quadratkilometer großen, dramatisch blutroten Samtvorhang. Ein leiser Wind weht aus den Boxen, vorsichtig erklingt ein Akkordeon, und schon der erste gesungene Satz kommt wie vom großen Sehnsuchtsplaneten: "God knows how I adore life!" Weit fort fliegen die Gedanken, tragen hinaus in ein Land, das jedem inne wohnt und doch unerreichbar scheint.
Alles lauscht dieser leisen, eindringlichen Stimme, lässt sich umhüllen von den weichen Schwingungen eines altmodischen hölzernen Harmoniums, das Töne anschlägt, die in ihrer ungewohnten Vertrautheit irritieren. Die feierlich sind und traurig stimmen.
Eine siebenköpfige Band, unter ihnen der Gitarrist Adrian Utley von Portishead, spielt überwiegend akustisch, erschafft in organischer Atmosphäre vielschichtige Melodik und Raum für eine Sängerin, deren Fähigkeit, die feinen, entscheidenden Nuancen in Gefühlen und Gedanken zu artikulieren, nur mit denen der ganz Großen zu vergleichen sind. Billie Holiday, Joni Mitchell, Nina Simone - allertiefster, ursprünglichster Soul.
Wenn sie durch ihren Schleier aus Zigarrettenrauch, Haaren und Wimpern ins Publikum blickt, scheint sie weit weg zu sein, hängt am Mikrophon wie am letzten Halt und besingt in ihren Songs die tragische Poesie der Vergänglichkeit. Das Publikum ist begeistert - ehrfürchtig die einen, beunruhigt die anderen. Ist das nicht genau der Sound jenes Ortes, an dem das Geheimnis, dieses letzte nicht Erklärbare der Filme von David Lynch wohnt?
Wegen ihm jedenfalls sind die meisten heute abend gekommen, denn erstmalig und speziell in der Kombination mit Beth Gibbons & Rustin' Man präsentiert sich der Regisseur von Blue Velvet, Wild At Heart, Lost Highway und zuletzt Mulholland Drive als Rockmusiker. Genie oder Scharlatan: Er ist alles und seine hingebungsvollen Fans, gerade in Frankreich sind es viele, verehren vermutlich alles an ihm. Also auch den Rockstar auf der Bühne?
Man weiß um seine Soundbesessenheit, der Erfolg der innovativsten aller Fernsehserien Twin Peaks war nicht zuletzt auch der einer fremden, faszinierenden Musik, während seine Vorliebe für eine Band wie Rammstein eher skeptisch stimmen könnte.
"Blue Bob" heißt sein zwei Jahre altes Projekt mit John Neff, Gitarrist und Leiter des Lynch-eigenen Asymmetrical Studio in L.A., und heute nun, Pflichttermin der Pariser Film- und Starletwelt, stehen sie mit drei angeheuerten Mitmusikern gemeinsam auf der Bühne. Nomen est omen ist alles in blau, die Herren im Anzug und der Meister, grauhaarig und freundlich nickend, sitzt am linken Bühnenrand und klimpert spielerisch und hochvergnügt auf einer elektrischen Lapsteel Gitarre.
Ohne Frage: the coolest man on stage, und hin und wieder und ganz leise kann man die Töne auch vernehmen die er spielt. Was durchaus an ein Wunder grenzt, denn der Rest ist brachialer, echoüberladener L.A.- Lärm. Synthetischer Funkrock, die Ausgeburt um sich selbstkreisender Studiohirne. Bestenfalls die Westcoast Antwort auf die New Yorker Band Suicide - aber
tiefer kann ein Missverständnis eigentlich nicht gehen. Der Trick hier liegt in der Form.
Nachdem das Blau in schmerzhaftes Pink gewechselt ist, Willie Dixons "You Can't Judge A Book By Its Cover" zerhackstückt wurde, die arme Marilyn Monroe sich quälend primitiv als die Göttliche hat besingen lassen müssen, sagt nach ganzen 15 Minuten der alles dominierende John Neff "Good Bye" und entschwunden ist die Horrortruppe. Kurze Zugabe, Ende.
Eine Mischung aus echter Empörung über Qualität und Quantität des Auftritts, aber auch euphorisierte Lust an der Sensation bleibt in der Luft. Das Pariser Völkchen ist trotz inniglichem Pfeifkonzert hoch zufrieden.
Konzertbericht Beth Gibbons & Rustin'Man und David Lynch mit Band, live im Olympia, Paris am 11.11.2002 von Christine Heise für die Frankfurter Rundschau, 14. November 2002
Homepage:
www.bethgibbons.com »
www.davidlynch.com »