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Michael Kiwanuka "Love & Hate"

Love & Hate von Michael Kiwanuka
Love & Hate von Michael Kiwanuka

Immer sachte und keine falsche Identität – das ist das Motto des 29-Jährigen, und er ließ sich Zeit mit dem heiß erwarteten zweiten Album. Nachdem er 2012 mit dem Debüt Home Again den Folksoul auf den Spuren von Bill Withers und Terry Callier definierte,  dringt er 2016 tief in die ausladende, selbstgewisse Epik des Siebziger Jahre Psychedelic Soul ein, beginnt Love & Hate mutig mit dem zehn-Minüter Cold Little Heart, lässt erst nach fünf Minuten seine ruhige Stimme erklingen, nachdem sich Gitarren, Streicher und Chöre in schönster Pink Floyd Manier austoben durften, mit jedem Ton signalisierend: willkommen in einem durchdachten, anspruchsvollen Old School Album.

Und doch hat er sich rundum um Erneuerung bemüht. Produzent Danger Mouse (Gnarls Barkley, Black Keys) wird einerseits den Wurzeln aus Soul à la Isaac Hayes und Curtis Mayfield sowie der Erzählkunst eines Richie Havens gerecht, andererseits ist die Musik auch für jüngere Ohren attraktiv mit Hip Hop Beats, funky Shaft Gitarren und Chören, die im Gospel und im Pop fundieren. 

Inhaltlich aggressive Anklagen erwartet man vergebens: Black Man In A White World thematisiert zwar die Farbe der Haut, nicht aber die der Schuld, womit Kiwanuka sich als Mann der Zukunft zeigt: nicht Kämpfe, sondern Verbindung lösen die Probleme. Gleichwohl ist hier nicht blasser Sanftmut der Wesenskern: im traurigsten Song I’ll Never Love droht er an fehlender Nähe fast zu zerbrechen, und mit One More Night strahlt er Kraft und Zuversicht aus, wagt ein bluesrockendes Tänzchen.  Father’s Child, einer der Höhepunkte dieses modernen, seelenvollen Albums, lädt ein zum gemeinsamen Weg – wer könnte mit größerer Autorität davon singen als dieser unangestrengte Mann aus London, der sich so überzeugend um eine bessere Welt und ehrliche Musik bemüht. 

Christine Heise